Nwz-Reportage Aus Dem Westerwald:
Ein ganzes Dorf fühlt sich überrannt

Bis zu 5000 Flüchtlinge sollen im Lager Stegskopf wohnen. Der kleine Ort Emmerzhausen mit 650 Einwohnern verweigert seine Zustimmung. Die Flüchtlingskrise ist in der Provinz angekommen.

Emmerzhausen/Daaden/Burbach Besorgt blickt Heinz Dücker zum Berg. Bis zum Stegskopf sind es nur wenige Kilometer. Nicht viel zu sehen da oben, außer Bäume. Die Welt im Westerwald scheint in Ordnung an diesem trüben, aber milden Novembertag.

Für Heinz Dücker, Ortsbürgermeister von Emmerzhausen, ist sie seit einigen Wochen nicht mehr in Ordnung. Ja, in der ganzen Verbandsgemeinde Herdorf-Daaden, vielleicht sogar im gesamten Landkreis Altenkirchen ist die Welt aus den Fugen geraten. Seit die rot-grüne Landesregierung von Rheinland-Pfalz beschlossen hat, Flüchtlinge auf dem Stegskopf unterzubringen – in einer ehemaligen Bundeswehrkaserne.

Gemeinde wehrt sich

Beschlossen sind 1500, geplant wird für 3000, das Land kann sich 5000 vorstellen, besorgte Bürger sprechen von bis zu 7000. „Es gibt Ängste in der Bevölkerung“, sagt Heinz Dücker, der findet, 1500 Flüchtlinge sind genug. Der SPD-Mann wird deutlich: „Wir werden uns wehren.“

Emmerzhausen hat 650 Einwohner. Ein nettes Dörfchen am Rande des Westerwaldes, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen.

Die Hauptstraße windet sich durchs Tal. Die Seitenstraßen sind steil. Niemand fährt hier Fahrrad. Große Grundstücke, hübsche Häuser, viel Schiefer.

Emmerzhausen ist ein Ort, in dem die Menschen früher schon ein fremdes Nummernschild kritisch beäugt hätten. Und jetzt wohnen bald Tausende Flüchtlinge einen Fußmarsch entfernt. Irgendwo im Nirgendwo. Keine Stadt weit und breit. „Die sehen abends nur die Lichter von Emmerzhausen“, erzählt Heinz Dücker. Die ersten Syrer waren bereits da, haben nach Zigaretten gefragt. Und Kopfschütteln geerntet.

Außer zwei kleinen Betrieben und einem Tattoo-Studio gibt es hier nichts. Kein Supermarkt, keine Kneipe, keine Tanke. „Wir sind eine reine Wohngemeinde“, sagt Dücker.

Emmerzhausen ist weit weg von Berlin, sogar weit weg von der Landeshauptstadt Mainz – und trotzdem mittendrin im Flüchtlingsdrama. In Emmerzhausen lebt man jenseits von Pegida oder Willkommenskultur – und genau deshalb ist der Ort, ist die Gegend Beispiel dafür, wie sich Deutschland durch die Flüchtlingskrise verändert.

Die Dämmerung legt sich langsam über den Stegskopf, einen der kältesten und windigsten Orte in Rheinland-Pfalz, ein Skigebiet. Vor zwei Wochen hat es geschneit, fünf Zentimeter.

Die Holzbaracken mit den Wellblechdächern sind nur noch schemenhaft zu erkennen. Kinder kicken auf der Straße. Die Erwachsenen grüßen. „Hello!“ Überwiegend sind es Syrer und Afghanen.

Vulkanberg

Der Stegskopf ist mit 654 Metern die zweithöchste Erhebung des Westerwalds und liegt als erloschener Vulkan im Gemeindegebiet von Emmerzhausen im Landkreis Altenkirchen (Rheinland-Pfalz). Auf dem Berg befinden sich große Teile von Natur- und Vogelschutzgebieten im Westerwald.

Bekannt wurde der Stegskopf auch durch den 1914 erstmals erwähnten und 1958 von der Bundeswehr übernommenen Truppenübungsplatz. Über eine Million Soldaten wurden hier ausgebildet.

Rund 2000 Flüchtlinge aus der damaligen DDR wurden 1989 im Lager auf dem Stegskopf einquartiert, allerdings nur für einige Tage.

„Die sind so freundlich“, lacht Stefan Theis vom Deutschen Roten Kreuz (DRK). Er begleitet an diesem Nachmittag rund 30 Ehrenamtliche von der Flüchtlingshilfe Heller-Daadetal bei ihrem ersten Rundgang durch das Flüchtlingslager. AfA Stegskopf heißt es offiziell: „Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende“.

„Wir haben 256 Belegungen“, erklärt Holger Rittinger von der Lagerleitung den Flüchtlingshelfern. Doch täglich bringen Busse mehr. „Technisch sind wir in der Lage, 1500 aufzunehmen“, sagt Rittinger. Anfang Dezember soll diese Zahl erreicht sein.

Rund 70 Jahre lang wurde auf dem Stegskopf scharf geschossen, war der 2000 Hektar große Truppenübungsplatz für Normalbürger absolut tabu. Die zahlreichen Warnschilder an den beiden Zufahrtsstraßen zeugen davon.

„Achtung! Gefahr durch Kampfmittel. Lebensgefahr.“ Man soll den Weg nicht verlassen. Auch auf englisch und arabisch wird gewarnt. Wie das wohl auf einen Kriegsflüchtling wirkt? Experten sollen die Munitionsreste jetzt beseitigen.

Als die Bundeswehr 2014 das Feuer einstellt, hoffen die Anliegergemeinden in der strukturschwachen Region auf Einnahmen durch Windräder. Die Naturschutzverbände laufen Sturm.

Anfang 2015 teilt die Bundesregierung mit, dass der Stegskopf „Nationales Naturerbe“ werden soll. Die Gemeinden hoffen auf Einnahmen durch Tourismus.

Ende September ist wieder alles anders. Unter dem Druck des Flüchtlingsansturms beschließt Mainz, die geräumte Kaserne in Betrieb zu nehmen. „Das kam sehr überraschend“, sagt Wolfgang Schneider. Der parteilose Bürgermeister der Verbandsgemeinde Herdorf-Daaden sitzt nachdenklich in seinem Büro.

Schneider hält eine Obergrenze von 1500 Flüchtlingen für sinnvoll, nicht nur wegen der technischen Probleme. „Man darf die Region nicht überfordern, das sind alles kleine Ortschaften.“

Daaden, rund 4500 Einwohner, viele Fachwerkhäuser, überragt von einer schönen Barockkirche. In einer Bäckerei spricht man über die Flüchtlinge. „Alles nur junge Männer“, grummelt die Kundin im örtlichen Dialekt. „Die müssen erst mal registriert werden.“ Die Kaserne sei weit weg vom Ort, anders als in Burbach, wirft die Verkäuferin ein. Die Kundin grummelt weiter: „Wenn die aussortiert werden, die kein Asyl kriegen, bleiben nicht mehr viele.“ Ein Gespräch von vielen.

Burbach macht die Sache noch schwieriger. Burbach ist eine Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, direkt hinter der nahen Landesgrenze. Die Siegerlandkaserne in Burbach ist nur drei Kilometer vom Stegskopf entfernt. 850 Flüchtlinge sind dort bereits untergebracht. Tendenz steigend.

Holger Rittinger und Stefan Theis führen die Flüchtlingshelfer durch das Lager. Auf dem Stegskopf ist es dunkel geworden, die Straßenlampen spenden spärliches Licht. Die Kantine funktioniert, es gibt einen Kiosk, eine Polizeiwache. Eine Werksfeuerwehr soll eingerichtet werden, ein Behördenzentrum auch.

Die Abwasserleitung ist ein Provisorium, die Aufnahmekapazität deshalb noch auf 1500 Flüchtlinge beschränkt.

„Die Stimmung ist sehr positiv“, meint Günter Knautz, Koordinator der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer. Zumindest bei seinen 30 Mitstreitern im Lager und allen in der Gegend, die helfen wollen. Und die anderen? „Die Leute sind etwas sprachlos“, hat Knautz festgestellt. Nur im Internet nicht, wo fleißig geschimpft und gehetzt wird.

Karl-Heinz Keßler, SPD-Ortsbürgermeister von Weitefeld, hat schon Drohungen per Mail erhalten. Dafür hat er kein Verständnis, wohl aber für Ängste in der Bevölkerung. 3000 Flüchtlinge auf dem Stegskopf sind auch für ihn 1500 zu viel. „Das ist eine Nummer zu groß.“

Anfang Oktober entlädt sich die Wut im Kreis Altenkirchen öffentlich. Rund 1500 Bürger drängen sich bei einer Informationsveranstaltung im Bürgerhaus von Daaden. Die Stimmung im Saal ist angespannt, als Integrationsministerin Irene Alt (Grüne) ihre Pläne vorstellt.

Angespannte Stimmung

„Ein Mensch muss nicht kriminell sein, um unter diesen Umständen Aggressionen zu entwickeln“, heißt es aus dem Publikum. „Können wir unsere Kinder noch einfach so laufen lassen wie bisher?“

Ende Oktober protestieren Hunderte Menschen im Kurstädtchen Bad Marienberg gegen Flüchtlinge auf dem Stegskopf. Einige Straßen weiter demonstrieren knapp 3000 Menschen für das Recht auf Asyl und gegen Fremdenfeindlichkeit. Fast die gesamte Landesregierung ist da. Dresden im Westerwald.

Herr und Frau L. aus Heimborn haben Angst. Davor, dass so viele Fremde in die Gegend kommen. Davor, dass sie ihre Meinung nicht sagen dürfen, ohne in die rechte Ecke gestellt zu werden. Herr und Frau L. wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. „Der normale Bürger wird nicht gefragt, die Stimmung kippt.“ Herr L. ist nach eigenem Bekunden SPD-Mitglied. Bei der Landtagswahl im März 2016 will er AfD wählen.

Heinz Dücker leistet Widerstand. Der Ortsgemeinderat Emmerzhausen hat der AfA Stegskopf die baurechtliche Zustimmung verweigert. „Wir wollen einen Deckel obendrauf“, sagt Dücker. Am besten die 1500. Dass er sich gegen die SPD-geführte Landesregierung stellt, nimmt Dücker in Kauf. „Ich bin hier gewählt. SPD ist egal.“

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Marco Seng

Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel.: 0441 9988 2008
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13.11.2015
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