Fachkräftemangel:
Junge Spanier setzen auf Deutschland

Wie Unternehmen aus dem Nordwesten in Murcia nach Verstärkung suchen

In Spanien gibt es keine Jobs, in Niedersachsen gibt es zu wenig Fachkräfte. Jetzt will man zusammenarbeiten.

MURCIA An der Calle Senda de Emmedio in Murcia parkt unter Lorbeerbäumen die stolze Vergangenheit des spanischen Handwerks: Dampfmaschinen, Vertikalsägen, Säulenbohrmaschinen und Dieselgeneratoren, insgesamt 22 Maschinen rosten da in der Sonne, befördert zum Museumsstück. Gebaut wurden sie von spanischen Fachkräften zwischen 1874 und 2007.

Die Fachkräfte des Jahres 2012 stehen auf der anderen Straßenseite im Schatten, die meisten von ihnen bauen schon lange nichts mehr.

Den Schatten wirft ein großes Haus aus Stahl und Glas, es ist das Ausbildungszentrum des Arbeitgeberverbandes FREMM. Hinten in den vollgestopften Werkstätten schulen 22 feste Mitarbeiter Maschinenbauer, Elektriker, Automechaniker, Goldschmiede, Kältetechniker und andere Fachkräfte. Die FREMM hat einen guten Namen in der Region, sagt Ramón Munoz Gómez (45), der Ausbildungsdirektor: „Früher fanden 95 Prozent unserer Auszubildenden einen Job.“ Er stockt einen Moment, dann sagt er: „Jetzt sind es höchstens 15 Prozent.“

Neulich hat er eine Umfrage gemacht unter seinen Auszubildenden. 80 Prozent von ihnen sagten, für einen Job würden sie sofort ins Ausland gehen. Zum Beispiel nach Deutschland.

Über 1000 Bewerber

Deutschland liegt heute nur eine Treppe weit entfernt, oben im holzvertäfelten Hörsaal warten Firmenvertreter aus dem Nordwesten. Die Deutschen haben sich schick gemacht, auch bei 38 Grad Celsius tragen sie Schlips und Kragen. Torben Böhle steht auf, der 39-Jährige leitet beim Bildungswerk der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) das Projekt „Bienvenido – Willkommen in Niedersachsen“. „Uns ist es ernst mit der Sache“, sagt er: „Wir haben ganz konkrete Stellenangebote für Sie mitgebracht.“

Böhle macht eine Sprechpause, ein Dolmetscher muss seine Worte übersetzen. 160 spanische Fachkräfte lauschen, sie wurden ausgewählt aus mehr als 1000 Bewerbern. Sie tragen T-Shirts, Sommerkleidchen und Sandalen.

Jeder Zweite ohne Arbeit

In der Nähe der barocken Kathedrale Murcias, an der Plaza de Bartolomeo, steht die 109 Jahre alte Casa de Andrés Almansa. Im ersten Stock hat Leonardo Pérez Molina sein Büro; eine Wand aus Glasbausteinen trennt ihn von seinen dauertelefonierenden Mitarbeitern, neben dem Schreibtisch rasselt eine Klimaanlage. Der 36-Jährige ist Geschäftsführer der „Camara Murcia“, der Kammer für Handel und Industrie.

Pérez Molina zählt auf: Vor fünf Jahren gab es noch 97 374 Firmen in der Region Murcia, jetzt sind es 90 000, Tendenz fallend. Die Arbeitslosenquote liegt mittlerweile bei 25 Prozent, bei den jungen Leuten sind es über 50 Prozent. „Im Moment muss sich hier jeder um seine eigene Zukunft kümmern“, sagt er. „Ein Job in Deutschland kann da eine Lösung sein.“

Zum Beispiel für Ángeles Beltrán Martínez, 26 Jahre alt. Seit 2006 ist sie Krankenschwester, 2011 wurde ihre Stelle gestrichen. Einen neuen Job findet sie nicht; die Kliniken haben einen Einstellungsstopp verhängt. „Ich würde gern nach Deutschland gehen“, sagt sie.

Sie sitzt da mit 15 anderen Krankenschwestern in Saal 3 der FREMM und blickt erwartungsvoll Günter Jans an. Jans, 46 Jahre alt, ist Chef der Firma Perso Plankontor aus Lastrup (Landkreis Cloppenburg). Die Firma beschäftigt 1000 Mitarbeiter in Deutschland, „nur Fachkräfte“, betont Jans. Aktuell liegen ihm Nachfragen mehrerer Kliniken vor, die ihren Bedarf an Pflegepersonal in Deutschland nicht decken können. „Aber“, warnt Jans die Schwestern: „Sie müssen eine Deutschprüfung ablegen, und vielleicht müssen Sie zunächst als Schwesternhelferinnen arbeiten, Ihr Examen muss erst anerkannt werden. Sind Sie bereit dazu?“

Die Schwestern nicken.

Nebenan in Saal 4 interviewt die Bäko-Stiftung aus Oldenburg angehende Bäcker, die Branche hat große Nachwuchssorgen. „Haben Sie einen Führerschein?“, fragt Geschäftsführer Matthias Luerßen (46) gerade, „morgens um 3 Uhr fährt kein Bus.“

Die Bäcker nicken.

Neue Erfahrungen

„Können Sie Englisch?“, fragt Bernard Ravesloot in Saal 2, kaum jemand nickt.

„A little bit“, müht sich Ana. Ana Victoria Rodríguez Álvarez ist 28 Jahre alt. Sie ist eine Telekommunikationsingenieurin, nach dem Studium arbeitete sie für Umweltschutzfirmen und eine Klinik. Die Klinik baute Personal ab, seit Monaten sucht Ana nun einen Job, vergeblich.

Ravesloot, 43 Jahre alt, ist Personalreferent beim Windanalagenbauer Enercon aus Aurich. 14 000 Mitarbeiter gibt es dort und viele offene Posten, sagt er, „vor Ort können wir die nicht besetzen“.

Jose Luis Lopez Lopez stellt sich vor, er ist 31 Jahre alt. Nach dem Abitur hat er als Mechaniker gearbeitet, bis er seine Stelle verlor, jetzt bildet er sich zum Elektromechaniker weiter. Seine Jobaussichten in Spanien liegen bei Null, „gern würde ich in Deutschland weitere Erfahrungen sammeln“.

„Das sind hochinteressante Leute“, lobt Bernard Ravesloot Tag später, „aber passen sie auch zu uns? Wir müssen einen Testlauf starten.“

Sprachkurs startet

Torben Böhle vom BNW erklärt, wie das gehen soll: Zuerst machen die Spanier einen Deutsch-Intensivkurs in ihrer Heimat. Dann kommen sie für ein Praktikum nach Deutschland. Sind beide Seiten miteinander zufrieden, folgt eine sechsmonatige Qualifizierungsphase im Betrieb mit Sprachtraining, Fachschulungen und, „ganz wichtig“, ruft Böhle: „Integration! Die Leute sollen ja lange bleiben!“

Bereits im Juli soll ein erster Sprachkurs für 20 Elektrotechniker starten, im September sollen sie ihr Deutschlandpraktikum beginnen. Bis dahin gibt es freilich noch einige Fragen zu klären: Wer bezahlt die Kurse? Wer stellt die Räume? Wer finanziert die Flüge? Es gibt zwar Angebote von spanischen Behörden – aber sind die zuverlässig? FREMM-Direktor Ramón Munoz weist darauf hin, dass das Arbeitsamt seinem Verband 2,5 Millionen Euro schuldet. „Wir müssen auf jeden Fall mit doppeltem Netz arbeiten“, fordert Böhle.

„Sie kommen wieder“

Natürlich, sagt der Personaldienstleister Günter Jans, können spanische Fachkräfte nicht das Problem des demografischen Wandels in Deutschland lösen. „Das kann nur einer von vielen Mosaikbausteinen sein: Wir brauchen flexible Arbeitszeiten für gut ausgebildete Mütter, wir müssen ältere Mitarbeiter länger im Beruf halten, wir müssen die Schüler besser ausbilden.“ In Deutschland, findet Jans, muss sich etwas ändern.

In der 109 Jahre alten Casa de Andrés Almansa findet Leonardo Pérez Molina, dass sich auch in Spanien dringend etwas ändern muss. „Bislang war der nationale Markt sehr wichtig für uns“, sagt er, „aber der ist zusammengebrochen. Jetzt müssen wir neue Märkte ausprobieren. Wir müssen aus Spanien herausgehen, nach Europa, nach Südamerika.“

Aber braucht das Land für den Neuanfang nicht seine jungen Fachkräfte?

Leonardo Pérez Molina wird still, einen Augenblick lang hört man nur die Klimaanlage. Dann sagt er: Sie werden wiederkommen. Sie werden neue Erfahrungen gesammelt haben, sie werden neue Firmen gründen, sie werden Spanien voranbringen.

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Über den Autor

Karsten Krogmann

Redakteur
Reportage-Redaktion
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Fachkräftemangel
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29.06.2012
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