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Nichts gehört und nichts gesehen

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Nsu-Prozess:
Nichts gehört und nichts gesehen

München Endlich ist er da: der Tag, auf den die Angehörigen der NSU-Opfer so viele Jahre gewartet haben. Beate Zschäpe, Hauptangeklagte im NSU-Prozess, will ihr Schweigen brechen, nach fast 250 Verhandlungstagen. Die Tribüne im Oberlandesgericht München ist am Mittwoch rappelvoll. Mehrere Angehörige sind gekommen. Sie hoffen auf Erklärungen, warum ihre Ehemänner, Väter, Söhne sterben mussten. Doch – diese Erkenntnis wird am Ende dieser denkwürdigen Stunden im Gericht stehen – sie werden keine bekommen.

Alle Augen sind auf Zschäpe gerichtet, als sie in den Saal gebracht wird. Erstmals dreht sie nicht den Fotografen den Rücken zu. Zschäpe plaudert mit ihren beiden neuen Anwälten Mathias Grasel und Hermann Borchert. Immer wieder lächelt die 40-Jährige , die unter anderem wegen Mittäterschaft an zehn Morden vor Gericht steht.

Grasel steht im Mittelpunkt dieses Vormittages. Er trägt Zschäpes Aussage rund 90 Minuten lang vor, 53 Seiten lang, von ihr persönlich unterschrieben. Der Kern des Vortrags: Zschäpe stellt sich in den zentralen Punkten der Anklage als unschuldig dar. Ziel ihrer Aussage ist, wie es aussieht, den Vorwurf der Mittäterschaft zu widerlegen. Denn sollte das Gericht sie am Ende tatsächlich als Mittäterin betrachten, könnte sie so verurteilt werden, als hätte sie selbst geschossen: mit lebenslanger Haft, möglicherweise mit Sicherungsverwahrung. So könnte man Zschäpes Aussage auch als letzten Versuch werten, einer Maximalstrafe zu entgehen.

Zuerst aber geht es ausführlich um die Vorgeschichte: Kindheit, Schule, Jugend, Ausbildung zur Gärtnerin. Oder um die zunehmenden Streitigkeiten mit ihrer Mutter. Zschäpe lässt berichten, wie sie zunächst Mundlos und an ihrem 19. Geburtstag Böhnhardt kennenlernte, erst mit dem einen zusammen war und sich dann in den anderen verliebte. Von „nationalistischen“ Liedern ist die Rede, die sie mit ihren Freunden „gesungen beziehungsweise gegrölt“ habe.

Und dann sei sie von den beiden Männern immer tiefer in deren Welt hineingezogen worden. Eine Garage als Versteck für Propagandamaterial und Sprengstoff habe sie nur deshalb gemietet, weil Böhnhardt mit ihr Schluss gemacht habe und sie wieder mit ihm zusammen sein wollte. Und auch im Untergrund sei sie dann gegen ihren Willen gelandet – nachdem die drei mit der Garage aufgeflogen waren.

Dieses Argumentationsmuster zieht sich durch die gesamte Aussage Zschäpes: Sie habe sich ihrem Schicksal gefügt, habe nicht anders handeln können. Zu Beginn habe sie selbst Gefängnis gefürchtet. Und weil man Geld gebraucht habe, sei sie auch mit dem ersten Raubüberfall „einverstanden“ gewesen.

Auch vom ersten Mord, am 9. September 2000 an Enver Simsek in Nürnberg, will Zschäpe erst später erfahren haben. „Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen, was die beiden getan hatten. Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt“, trägt Grasel vor. An einer späteren Stelle heißt es: „Ich war unglaublich enttäuscht darüber, dass sie erneut gemordet hatten.“

Aber warum stieg sie nicht aus? Da argumentiert Zschäpe zum einen, die beiden Uwes hätten ihr mit Suizid gedroht. Und zum anderen habe sie sich nach wie vor zu Böhnhardt hingezogen gefühlt: „Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie.“

Nach knapp eineinhalb Stunden kommt Grasel zum Ende – mit bemerkenswerten Sätzen: „Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich zehn Morde und zwei Bombenanschläge nicht verhindern konnte“, trägt der Anwalt im Namen Zschäpes vor. Und dann folgt am Ende noch dieser Satz: „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten.“

Doch diese Angehörigen reagieren mit Enttäuschung und Wut. „Da ihre Aussage eine Lüge ist, akzeptieren wir auch ihre Entschuldigung nicht“, sagt Ismail Yozgat, dessen Sohn die NSU-Terroristen in Kassel erschossen haben. Und Abdulkerim Simsek, Sohn des ersten NSU-Mordopfers Enver Simsek, sagt: „Es ist schrecklich. Ich habe keine Worte dafür.“ Und er fügt sogar hinzu: „Wenn sie geschwiegen hätte, wäre es besser gewesen.“

Das Gericht aber wird Zschäpes Aussage nun genau analysieren – und Fragen stellen. Die wollen Zschäpe und ihre Anwälte schriftlich beantworten. Und die zentrale Frage, für wie glaubwürdig es Zschäpes Aussage hält, die wird das Gericht ganz am Ende des Mammutprozesses entscheiden.

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