17. Juni 1953:
„Wir hatten fürchterliche Angst“

Klaus Gronau und Joachim Rudolph lebten zur Zeit des Aufstands in Ost-Berlin

Tausende Menschen gingen beim Volksaufstand in der DDR in Berlin auf die Straßen. Zwei Augenzeugen berichten von ihren Erlebnissen.

Wütend schlägt ein Bauarbeiter mit einem Vorschlaghammer auf ein Auto ein. Etwa 40 Menschen beobachten die Szene jubelnd. Von dem Krach wird auch der 16-jährige Klaus Gronau angelockt, der am 16. Juni 1953 auf dem Rückweg von der Berufsschule ist. „1953 waren Autos noch Mangelware, dass jemand eines der Autos auf der Straße entzwei schlägt, das gab es nicht“, erzählt der heute 77-Jährige. Für ihn sei es aufregend gewesen, sagt er. Deshalb schließt er sich der Menge spontan an, als sie Richtung Frankfurter Tor zieht.

Vopo verunsichert

An der Warschauer Straße biegen sie ab und treffen auf Demonstranten und Volkspolizisten. „Die Vopo-Kette hat uns aufgehalten. Ein Polizist hat mir den Arm verdreht und mich auf einen Lkw geschoben“, erinnert sich Gronau. Angst habe er nicht gehabt. „Die Aufregung war so stark, dass ich eher Protest-Gefühle hatte“, sagt er. Die Arbeiter pochen auf ihr Demonstrationsrecht. Der Offizier der Vopo ist verunsichert, informiert sich bei seinem Vorgesetzten und lässt die Demonstranten frei.

Die Menge jubelt und zieht Richtung Innenstadt. Euphorisch geht Klaus Gronau am Abend des 16. Juni nach Hause. „Ich war aufgewühlt von den vielen Eindrücken. Für mich war es eher die Abenteuerlust, politisch war ich damals nicht so involviert“, sagt er. „Zu Hause wurde ich ausgeschimpft“, erinnert er sich. Vater und Mutter hatten über den West-Rundfunk-Sender RIAS die Ereignisse verfolgt.

Aus dem Radio hört am 16. Juni auch Joachim Rudolph von den Protesten. Er war damals 14 Jahre alt. „Wir waren alle erstaunt, dass die Bauarbeiter die Arbeit niedergelegt hatten“, sagt Rudolph. Am Morgen des 17. Juni will sich der 14-Jährige die Proteste selbst ansehen. Um 8 Uhr Uhr trifft er sich in der Greifswalder Straße mit einem Freund. Ein Zug von Arbeitern kommt vorbei. Die Jungen schließen sich ihm an.

Als die Demonstranten auf dem Marx-Engels-Platz ankommen, sind dort Tausende Menschen. Plötzlich ist ein brummendes Geräusch zu hören. „Die Leute riefen ,Panzer kommen’“, sagt Rudolph. Einen Moment später biegt der erste Panzer auf den Platz ein. „Wir hatten fürchterliche Angst“, sagt Rudolph. Der 14-Jährige will nach Hause.

Im Hausflur versteckt

An der Königsstraße, nahe des Alexanderplatzes, hört er laute Knallgeräusche. „Ich hatte riesige Angst, ich dachte, das wären Schüsse und flüchtete in einen Hausflur. Dort hatten sich schon mehrere Leute versteckt“, sagt Rudolph. Er wartet bis sich die Lage beruhigt hat. Als er herauskommt, sieht er Feuer vor dem Polizeipräsidium. „Die Polizeifahrzeuge brannten lichterloh. Wahrscheinlich waren die Knallgeräusche die Reifen, die durch die Hitze geplatzt waren“, sagt er (großes Bild). Gegen Mittag erreicht er sein Zuhause. „Meine Mutter schimpfte fürchterlich, sie hatte Angst“, erzählt er.

Auch Klaus Gronau geht am 17. Juni wieder auf die Straße. Er befindet sich in der Zwischenzeit an der Oberbaumbrücke im Westberliner Teil (kleines Bild). Dort kommen ihm zwei Verletzte entgegen, ein Mann und eine Frau, sie bluten. Gronau geht hinter einem Brückenpfeiler in Deckung. Er greift sich Steine und wirft sie in Richtung Stralauer Allee. Die Volkspolizei schießt. „Aber immer über die Köpfe weg“, sagt Gronau.

Als die Grenzen geschlossen werden sollen, läuft der 16-Jährige nach Hause. Am Alexanderplatz kommen ihm russische Panzer entgegen. „Das war ein ohrenbetäubender Lärm. Die Leute stieben auseinander und liefen weg“, erzählt er. Auf der Straße entdeckt er einen Bauarbeiter wieder. Am Morgen war Gronau noch neben ihm gelaufen. In der Hand hatte der Mann seine Stullenbüchse, auf dem Weg aß er ein Brot. Nun liegt der Bauarbeiter auf der Straße, er ist tot. Neben ihm die Stullenbüchse, „platt wie eine Briefmarke. Da bekam ich große Angst,“ erinnert sich Gronau.

In Ostberlin ist der Ausnahmezustand verhängt worden. Durchs Fenster der Wohnung sehen Klaus Gronau und seine Familie die sowjetischen Soltaten auf der Stalin Allee.

Joachim Rudolph beobachtet mit seiner Familie vom Hof aus durch ein Fenster, wie Panzer und Lastwagen mit Soldaten und Kanonen die Greifswalder Straße entlangfahren. Auch wenn in den Folgetagen noch kleinere Demonstrationen stattfinden, ist der Volksaufstand am 17. Juni 1953 niedergeschlagen.

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Merle Ullrich

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17. Juni 1953
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