Großer Bahnhof für den Rock
MUSIK Die australische Band AC/DC gibt ein umjubeltes Konzert in Bremen
VON KARSTEN KROGMANN
Bremen - Konzerte der australischen Hardrockband AC/DC funktionieren ein bisschen anders als handelsübliche Rockkonzerte: Schlange steht man hier nicht vor der Damentoilette, sondern vor dem Männerklo, alle paar Meter werben grelle Schilder für „Ohrstöpsel – 1 Euro“, und Bier kauft man im praktischen 1-Liter-Gebinde. Früher gab es auch den beliebten Brauch des Bierbecherwerfens im Publikum, aber der ist ein wenig aus der Mode gekommen, seit für die Becher ein Pfand ab zwei Euro erhoben wird.
Explosionen auf der Bühne
Wer will, kann stattdessen ein Paar leuchtende Teufelshörner kaufen (10 Euro), aber erfahrene Fans ahmen das Teufelszeichen lieber mit gestrecktem Zeige- und Kleinen Finger nach. So wie jetzt, denn im Bremer AWD-Dome explodiert gerade die Bühne: Eine Dampflok in Originalgröße durchbricht eine Leinwand, Rauch steigt auf, bengalische Feuer lodern, die Gitarre von Angus Young stimmt ohrenbetäubend das Lied „Rock’n’Roll Train“ vom neuen Album „Black Ice“ an. Einige unerfahrene Fans versuchen schnell, sich ihre neuen Teufelshörner in die Ohren zu stecken, die anderen beginnen mit der AC/DC-Gymnastik: Die rechte Hand zeigt das Teufelszeichen, der Kopf nickt runter, hoch, runter, wieder hoch.
„Schön, euch wiederzusehen“, grüßt Sänger Brian Johnson die 12 500 Zuhörer in der Halle. Johnson ist 61 Jahre alt und sieht immer leicht angestrengt aus, aber das liegt vermutlich daran, dass er immer so tut, als müsse er ohne Mikrofon singen. „Ich hab’ hier was für euch“, kreischt er also, und schon geht’s weiter: „Hell Ain’t A Bad Place To Be“ und „Back In Black“. Hinten brüllen 20 Marshallboxen, über ihnen qualmt die Lokomotive (die ebenfalls Teufelshörner trägt), im Publikum fliegen die Köpfe hoch und runter.
AC/DC-Songs sind wie die Box-Automaten auf dem Jahrmarkt: Es geht nicht um Technik und Stil, es geht darum, blitzschnell möglichst tüchtig auf die Birne zu hauen. Kurz gesagt: Hauptsache, es rummst. Bassist Cliff Williams (59) könnte die meisten Titel auf einer Saite spielen, Schlagzeuger Phil Rudd (54) bräuchte eigentlich nur zwei Trommeln. Aber jedesmal, wenn die Gitarren von Angus (53) und Malcolm (56) Young lospoltern, zeigt der Automat Höchstpunktzahl an.
Seit 35 Jahren geht das nun schon so, großer Bahnhof für den Rock’n’Roll. Brian Johnson läutet vor „Hells Bells“ immer noch die gigantische Kirchenglocke, Angus Young hüpft beim Solo immer noch einbeinig in Schuluniform über die Bühne, und ja, bei „The Jack“ lüftet er immer noch die Hose und zeigt seinen Hintern. Nackt ist der nicht mehr, Angus trägt heute „AC/DC“-Unterhosen. Böse Zungen sagen, bei einem Mann von fast 54 Jahren sei die Unterhose Vorgabe von Amnesty International, aber das stimmt vermutlich nicht.
Am Ende donnern Kanonen
Bei „Whole Lotta Rosie“ reitet eine riesige Aufblaspuppe in Strapsen auf der Lokomotive, bei „Highway To Hell“ steigt Angus zwischen züngelnden Flammen aus der Hölle empor. Und nach zwei Stunden donnern natürlich die Kanonen, „For Those About To Rock“. Explosion, Ohrensausen, Gitarrensolo, Kopf hoch, Kopf runter, wieder und wieder geht das so in dieser Reihenfolge, bis sich alles in Jubel für die beste Band der Welt auflöst.
Großartig war’s. Aber wo kommen bloß wieder diese fiesen Nackenschmerzen her?
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