Der etwas andere Wenderoman
LITERATUR Jochen Schimmangs Buch über den Abschied der Bonner Republik
VON TOBIAS KOLB
OLDENBURG - „Adieu Bonn“ – ein leises Wehklagen durchzieht den neuen Roman von Jochen Schimmang. Ein Wehklagen, das bisher in der deutschen Literatur kaum Ausdruck fand. Die Protagonisten des Buches stehen mitten im Leben, haben gute Jobs, sich mit ihrer Lebenssituation arrangiert, und dennoch erleiden sie die Geschichte, werden zu ihrem Spielball, können nur bedingt auf sie einwirken.
Den Job verloren
„Adieu Bonn“, denkt sich Georg Korff, Ministerberater, als Deutschland 1990 Fußball-Weltmeister in Italien wird und er die Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit organisieren soll. Zum einen muss er Abschied von Bonn – seinem „Zentrum der Macht“ nehmen (da er über seine Affäre mit einer Stasi-Spionin stolpert) –, zum anderen geht mit der Wiedervereinigung die Bonner Republik zu Ende.
Auch Leo Münks, Verfas-sungsschützer und mit Korff in den 1960er Jahren in linken Berliner Studentenkreisen aktiv, hat Probleme, den Übergang in die Berliner Republik zu verarbeiten. Sein Freund Carl Schelling, ein linksintellektueller Archivar, möchte das Niederwalddenkmal – die Germania-Statue – in die Luft sprengen. Gemeinsam nehmen sich Münks und Korff des Archivars an . . .
Elegant drapiert der in Oldenburg lebende Schimmang seinen aktuellen Roman um das Jahr 1989 und nimmt sich damit eines Themas an, das in der Literatur wenig Beachtung findet: Gemeint ist der Untergang der alten Bundesrepublik. Die großen Wenderomane wie „Der Turm“ von Uwe Tellkamp oder „Neue Leben“ von Ingo Schulz beschäftigen sich mit dem plötzlichen Verschwinden der DDR, schildern die Entwurzlung und Neuorientierung der DDR-Bürger, die sich fast über Nacht in einem neuen politischen System zurechtfinden müssen.
Was bisher fast übersehen wurde: Mit der DDR verschwand auch die Bundesrepublik, verschoben sich die kulturellen Schwerpunkte. Um dies zu zeigen, entwirft Schimmang mikroskopisch genau ein facettenreiches Bild, ein Panoptikum der verlorenen Kultur.
Als Kohl Kanzler wurde
Der Autor verknüpft das Schicksal der Gestalten eng mit der Geschichte. So heiratet etwa Leo Münks just am 1. Oktober 1982, also an dem Tag, an dem Helmut Schmidt (SPD) durch ein konstruktives Misstrauensvotum das Vertrauen aberkannt wurde und Helmut Kohl (CDU) Kanzler wurde.
Diskussionen um Kunst, Kultur und Literatur zeigen wiederholt, wie sich die Sozialisation der Protagonisten vollzog. Und wenn mal nicht diskutiert wird, dann werden die Hände in Dürerscher Art gefaltet oder mit dem Borgward eine Spazierfahrt unternommen. „Das Beste, was wir hatten“ ist in diesem Sinne ein literarisches Archiv der Bonner Republik – genau recherchiert und einfühlsam aufgearbeitet.
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