Im intensiven Zweikampf
PREMIERE Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“ im Theater am Goetheplatz
VON WOLFGANG DENKER
Bremen - Tschaikowsky gab seiner Oper „Eugen Onegin“ die Bezeichnung „Lyrische Szenen“. Nicht ohne Grund, denn das Werk zieht seine Stärke mehr aus der Schilderung der Charaktere und ihren Gefühlswelten als aus der äußeren Handlung.
Regisseurin Tatjana Gürbaca bettet die Handlung in Bremen in die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse ein. Die Zeitreise beginnt beim einfachen Leben auf dem Lande und endet, 16 Jahre später, auf dem Ball des Fürsten Gremin, der allerdings vor allem als Selbst- und Machtdarstellung des Militärs dient. Die Konstruktion einer Rakete wird gefeiert, während Tatjana, jetzt Fürstin Gremin, alibimäßig für das Rote Kreuz sammelt.
Regisseurin Gürbaca gelingen ein paar überzeugende Einfälle. So wird das Duell zwischen Onegin und Lenski, der im letzten Moment „abspringt“ und Onegin verzweifelt umarmt, zu einem Unfall, weil sich der tödliche Schuss doch noch löst. Und auch die letzte Begegnung zwischen Onegin und Tatjana ist ein spannender „Zweikampf“, geleitet von hoher Emotionalität und in intensivste Darstellung umgesetzt.
In der Sauna
Aber Gürbaca schießt mit ihrer Umdeutung über das Ziel hinaus, was ihr am Ende ein kräftiges Buhgewitter bescherte. So lässt sie das ländliche Fest zu Tatjanas Namenstag in einer Sauna spielen, in der ordentlich „rumgemacht“ und viel Dampf abgelassen wird. Das ist skurril und fast unfreiwillig komisch. Und sie verbiegt die Charaktere.
Onegin, der sich bei seinem ersten Auftritt albern gibt, wirkt mit seiner Hornbrille und den zotteligen Haaren wie die Parodie eines Intellektuellen. Es ist kaum nachzuvollziehen, wie sich die schwärmerische Tatjana in den ungehobelten Klotz verlieben kann. Lenski ist eigentlich ein Dichter, hier mutiert er zum Soldaten. Und Tatjanas Briefszene wird bei Gürbaca zu einer fast surrealistischen Traumsequenz.
Zudem erfindet sie, als Kontrast zu den scheiternden Liebespaaren, ein stummes Brautpaar hinzu. Das Bühnenbild von Silke Willrett und Marc Weeger bleibt alle Akte hindurch in seiner Grundstruktur unverändert und wird nur durch Beleuchtung und Versatzstücke variiert.
Als Tatjana beglückte Nadine Lehner mit einer erstrangigen Leistung. Ihr schlanker Sopran zeigte sich klangschön und strahlkräftig. Juan Orozco trumpfte als Onegin mit seinem kraftvoll geführten Bariton auf, gestaltete die Partie etwas pauschal. Auch wenn Jared Rogers als Lenski seine „Kuda, kuda“-Arie mit Gefühl sang, so ist sein in der Höhe begrenzter Tenor doch eher dem Pedrillo als dem Lenski näher.
Lob für den Chor
Jose Gallisa stattete den Gremin mit solidem Bassfundament aus, Christian-Andreas Engelhardt konnte als Triquet höchstens als zweitklassige „Party-Einlage“ durchgehen. Ein Sonderlob gebührt dem Chor und den Bremer Philharmonikern, die unter Daniel Montane klangschön und rhythmisch betont aufspielten.
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