Kirche bot Schutz für die Revolution in der DDR

20 JAHRE MAUERFALL Ex-Ministerpräsident Reinhard Höppner sieht große Rolle der Friedensgebete


Bild

Am 7. Juni 1989 demonstrierten etwa 250 bis 300 Menschen gegen Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen. BILD: EPD Bild vergrößern

Von Gunars reichenbachs

Frage: Herr Höppner, 1989 waren Sie Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Sachsen. Welche Rolle spielte die Kirche in den Umbruch-Monaten in der DDR?

Höppner: Die Kirche gab den oppositionellen Gruppen überhaupt erst das Dach, den Raum, in dem sie sich treffen und miteinander reden konnten. Dieser Freiraum wurde von den Kirchen bereits früh erkämpft. Immer wieder wollte der Staat, dass Kirchen ihre Veranstaltungen anmelden müssen. Dem haben sich Kirchen widersetzt. Dadurch hatten diese Gruppen die Chance, sich zu treffen, ohne dass der Staat eingreifen konnte.

Frage: Ohne die Kirchen in der DDR hätte es die friedliche Revolution nicht geben?

Höppner: Jedenfalls nicht so. Die Friedensgebete spielten eine große Rolle, besonders in den großen Städten wie beispielsweise Leipzig. Schon sie waren kleine Demonstrationen. Damit schuf die Kirche die Voraussetzung, dass sich so viele kritisch zur DDR äußern konnten.

Frage: Mit welchen Gefühlen verfolgten sie den Umbruch?

Höppner: Uns war klar, dass sich Grundlegendes in der DDR verändern würde. Das lag in der Luft. Aber wir hatten die Vorstellung, dass die DDR umgestaltet wird. Das Thema Wiedervereinigung stand nicht auf der Tagesordnung.

ANZEIGE

Frage: Wann erschien die Einheit möglich?

Höppner: Kein Witz: Ich habe von dieser Möglichkeit erstmals Anfang Juni 1989 aus dem Mund eines ZK-Mitglieds, dem ersten Sekretär der SED-Bezirksleitung, Gerhard Jahn, gehört. Als ich ihn fragte, was aus der DDR werden würde, wenn der Sozialismus immer mehr an Anziehungskraft verliert, antwortete er schließlich: „Die Alternative ist die Wiedervereinigung Deutschlands.“ Da dachte wir in der Opposition noch gar nicht daran.

Frage: Mussten Kirchenleitungen manchmal von der Basis gedrängt werden?

Höppner: Es gab ein Wechselspiel. Einerseits beschützte man diese Gruppen, andererseits gab es Druck vom Staat, diese Gruppen in Schach zu halten. Das hat auch zu Konflikten geführt. Aber die Kirchen haben sich – wie unser Bischof einmal sagte – vor die Bedrängten gestellt, selbst wenn sie sich nicht hinter sie stellen konnte. Sie hat sich zum Beispiel intensiv für die Inhaftierten eingesetzt.

Frage: Wie funktionierten Informationen in einer Diktatur mit Staatspresse?

Höppner: Es gab ein ziemlich gutes Netz. Wir wussten in Magdeburg natürlich, was in Leipzig passiert. Wir hatten unsere Freunde und Kontaktpersonen. Heute würde man sagen: Es existierte ein Untergrundnetz in der DDR-Diktatur. Ein Netz von Sympathisanten, die sich das Wichtigste sofort mitteilten. Es gab auch schriftliches Material, zum Beispiel eine illegale Zeitschrift der Umweltbibliothek in Berlin. Sie wurde als internes Material der Kirchen hergestellt: „Nur für den innerkirchlichen Dienstgebrauch“. Doch damit wurde Öffentlichkeit hergestellt.

Frage: Wie haben Sie den Unterdrückungsapparat erlebt?

Höppner: Wir wussten bis zum 9. Oktober – der großen Demonstration in Leipzig – nicht, ob der Staat nicht massiv einschreitet. Interessant war, dass Kirchenleute selten angegriffen wurden. Mit der Kirche wollten sich die DDR-Oberen nicht anlegen.

Frage: Die Kirche als Schutzschild gegen Repression?

Höppner: Ja.




FUNKTIONEN
07.05.2009
Empfehlen Sie uns weiter:


Leserkommentare (0)
Wie ist Ihre Meinung? Um Artikel kommentieren zu können, benutzen Sie bitte diese Kommentarbox. Auf der Folgeseite können Sie sich registrieren bzw. mit Ihrem NWZ-Zugang anmelden. Beachten Sie dabei unsere Diskussionsregeln.




WEITERE ARTIKEL AUS DIESEM RESSORT

„180 000 Besucher bei erster Messe 1924“

FRAGE: Herr Göke, welche Idee steckte 1924 dahinter, die Internationale Funkausstellung ins Leben zu rufen?
GÖKE: Deutschland ist traditionell ein Messe-Land. Wir haben bereits seit 1885 große Industrie-Ausstellungen in Deutschland. Insofern war es schon immer ein bevorzugter Kommunikationskanal. Nach dem Ersten Weltkrieg begann die Wirtschaft wieder zu wachsen, es begannen die goldenenmehr

Anzeige
Umfrage

Wie schätzen Sie die Sicherheit von Online-Banking ein?




NWZ-Wetter
NWZ-Wetter
Vorschau
Wetterfrosch
Panorama-Tour Oldenburg


NWZ Inside

Freizeitplaner
SONDERTHEMEN
Sonderthemen
 
RSS-DiensteRSS-Dienste| RSS-DiensteWebcams| Kontakt| Impressum| Login
AktuellesAus der RegionKundenserviceMarktplatzRat und Tat