Ein Erfolgsrezept seit 120 000 Jahren

VORTRAG Religiosität beginnt mit Bestattungsriten – Strenge Gemeinschaften halten länger


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Der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume sprach in der Aula des Gymnasiums. Er hat zum Darwin-Jahr 2009 das Buch „Gott, Gene und Gehirn“ herausgebracht. BILD: HENNING BIELEFELD Bild vergrößern

DER RELIGIONSWISSENSCHAFTLER DR. MICHAEL BLUME SPRACH BEI DER GOETHE-GESELLSCHAFT. SEIN REFERAT WAR BRILLANT.

VON HENNING BIELEFELD

Nordenham - Religiosität ist ein Erfolgsrezept – seit 120 000 Jahren. Sie stärkt die Gemeinschaften – und damit ihre Mitglieder. Auch wenn Männer in fast allen Religionsgemeinschaft fast alle führenden Positionen inne haben, profitieren vor allem Frauen von der Religiosität.

Ahnenkult am Anfang

Das sagte der Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume in seinem Vortrag „Die Evolution der Religion(en)“ am Donnerstagabend in der Aula des Gymnasiums. Der Autor des Buches „Gott, Geist und Gehirn – Warum Glaube nützt“ sprach in einer Veranstaltung der Goethe-Gesellschaft. Es war in Form und Inhalt einer der besten Vorträge seit langem. Blume verkaufte das eigentlich etwas dröge Thema charmant, spritzig und pointenreich. Selbst Goethe baute er häufig ein.

Religiosität definierte der Wissenschaftler als „Verhalten zu übernatürlichen Akteuren“ – Ahnen, Götter und Gott, aber auch Außerirdische. Die Religion wurde auf unserem Planeten gleich zweimal erfunden – von dem heutigen Menschen, dem homo sapiens, und seinem vor 25 000 Jahren ausgestorbenen Bruder, dem Neandertaler. Beide sind vor 500- bis 800 000 Jahren aus dem homo erectus hervorgegangen, der – ebenso wie die Tiere – nicht religiös war.

Die Religiosität entstand mit der Ausbildung des Stirnlappens, des so genannten präfrontalen Kortex. In dieser Hirnregion sind Planung, Impulskontrolle und die Abwägung schwerer moralische Dilemmata beheimatet.

Die ältesten Spuren religiöser Betätigung sind 120 000 Jahre alt. Es handelt sich um die Bestattung von Angehörigen. Bald wurden die Schädel der Verstorbenen mitgenommen: Der Ahnenkult begann.

Der evolutionäre Gewinn war das so genannte „Third-Party-Punishment“, also die Akzeptanz einer übergeordneten dritten Partei. Dadurch wurde eine soziale Verhaltenssteuerung möglich, die Menschen unterwarfen sich Regeln. So hielten sie sich an Jagdtabus: Der einsame Jäger tötete das trächtige Muttertier oder das Jungtier selbst dann nicht, wenn er sehr hungrig war.

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Zudem waren die übernatürlichen Kräfte für Fluch und Segen, Gesundheit und Krankheit verantwortlich. Wer litt, kannte eine Instanz, die ihn von dem Leiden befreien konnte.

Ein ganz wichtiger Punkt war das Eheversprechen: Vor einer höheren Instanz gegeben, war es noch verbindlicher. Das sei vor allem für Frauen wichtig, die mehr in die Beziehung einbringen als Männer. Deshalb auch die Gretchenfrage aus Goethes „Faust“: „Wie hältst du‘s mit der Religion?“ Religiöse Männer gelten als treuer, zuverlässiger und hilfsbereiter. Außerdem beweisen Volkszählungen, dass religiöse Paare auch heute mehr Kinder haben. Angesichts der niedrigen Lebenserwartung früherer Zeiten war die Religionsgemeinschaft zudem eine Versorgungsgemeinschaft für Witwen und Waisen.

Nur freiwillig

Als die Menschen in kleinen Gruppen umherstreiften, verehrten sie ihre Ahnen. Als die Beziehungen komplexer wurden, entwickelten sich abstrakte Gottheiten – etwa für das Wetter oder die Fruchtbarkeit – und mit ihnen Theologen als Hüter des religiösen Wissens, die von den Gläubigen bezahlt wurden. Im Umkreis der größeren bildete sich der richtende Eingott heraus.

Die unterschiedlichen Religionen zeigten sich unterschiedlich streng in der Durchsetzung ihrer Ge- und Verbote. Die Erfahrung zeige allerdings, sagte Michael Blume, dass Religionsgemeinschaften, die auf strenge Verbindlichkeit achten, dauerhafter seien als andere. Am meisten bröckelten liberale Kirchen. Andererseits müsse Religiosität immer freiwillig sein. Die Zukunft liege in der Vielfalt der Glaubensangebote – wie in den USA.


FUNKTIONEN
21.03.2009
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