Fröhlicher Tim lebt neues Leben

SPÄTABTREIBUNG Oldenburger Fall ging durch die Instanzen – Behindertes Kind geht schon zur Schule


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Liebe auf den ersten Blick: Pflegemutter Simone Guido schildert Tim als lebendiges Kind, das besonders durch Fröhlichkeit und Lebenswillen beeindruckt. Sie verfolgt mit Interesse die derzeitige Debatte über Spätabtreibung. BILD: EPD/ARCHIV Bild vergrößern

ALS BABY ÜBERLEBTE ER SCHWERBEHINDERT EINE ABTREIBUNG IN DER 25. WOCHE. HEUTE KANN ER EIGENSTÄNDIG LAUFEN.

VON SABINE SCHICKE

Oldenburg - Während die Politiker in Berlin um die Neufassung der gesetzlichen Regelung für Spätabtreibungen ringen, wird der kleine Tim an diesem Sonntag ersten Advent feiern. Er ging als „Oldenburger Baby“ in die Geschichte ein, weil er seine Abtreibung in der 25. Schwangerschaftswoche überlebte. Die leiblichen Eltern hatten sich gegen das Kind entschieden, nachdem bei dem Embryo das Down-Syndrom diagnostiziert worden war.

Heute lebt Tim mit drei Geschwistern bei den Pflegeeltern Simone und Bernhard Guido in Quakenbrück. Seine Pflegemutter ist dankbar, dass dieser Junge mit seinem unglaublichen Lebenswillen und seiner Fröhlichkeit das Familienleben ungemein bereichert. „Ich bin glücklich zu sehen, welche Fortschritte er macht“, sagte sie, „und er liebt die Menschen bedingungslos.“

Auch Simone Guido verfolgt die Debatte über Spätabtreibungen mit großem Interesse. Ihr Mann und sie verliebten sich 1997 sofort in Tim, als sie ihn sahen. „Da kannten wir seine Geschichte noch nicht“, erinnert sie sich.

Inzwischen haben die Guidos zu ihren eigenen Kindern Marco und Pablo noch ein Mädchen adoptiert. Melissa leidet wie der elfjährige Tim am Down-Syndrom.

Wie Simone Guido erzählt, kann Tim inzwischen laufen, ja sogar rennen. „Er ist ein richtig wilder Kerl geworden“, sagt sie. Drei Delfintherapien haben dem Jungen geholfen. „Besonders die dritte hat richtig etwas gebracht.“ Wäre es nach den Prognosen der Mediziner gegangen, würde der schwerbehinderte Junge inzwischen gar nicht mehr leben.

Neun Stunden lang nach der künstlich eingeleiteten Geburt kümmerte sich im Krankenhaus niemand um das Baby, bis festgestellt wurde, dass das Kind noch atmete. Erst dann wurde der Kleine, dessen Körpertemperatur auf 29 Grad gesunken war, intensivmedizinisch versorgt.

Über Jahre beschäftigten sich anschließend Justiz und Politik mit dem Fall. Dabei wurde das Oldenburger Baby immer wieder ins Feld geführt, um die Unmenschlichkeit von Spätabtreibungen zu dokumentieren. So hatte seinerzeit der CDU-Bundestagsabgeordnete Hubert Hüppe gegen den verantwortlichen Gynäkologen des Klinikums ein Verfahren angestrebt.

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Wortführer in der aktuellen politischen Debatte ist der familienpolitische Sprecher der Unions-Fraktion Johannes Singhammer (CSU). Auch in der SPD ist man uneins. Als erste prominente Sozialdemokratin wandte sich die ehemalige Familien-ministerin Renate Schmidt gegen ihre Partei und unterstützte den von Singhammer eingebrachten Entwurf, der eine verpflichtende Beratung und eine dreitägige Bedenkzeit vor dem Abbruch vorsieht.

„Ich finde es gut, dass sie so gehandelt hat“, meint Simone Guido. Tims Pflegemutter glaubt, dass die Diskussion in der SPD um dieses Thema vor allem ideologische Gründe hat. Vielen, so denkt sie, gehe das deshalb zu weit, da sie vermuteten, dass damit der Paragraf 218 aufgeweicht werden solle.

Auch Simone Guido ist dafür, dass die Spätabtreibung neu geregelt wird. „Eine Mutter, die hört, dass ihr Kind behindert ist, muss diesen Schock doch erst einmal verarbeiten. Daher bin ich für eine Zwangswartezeit.“

Die von der CDU vorgeschlagenen drei Tage empfindet sie als gute Zeitspanne. Aber auch die Beratung müsse dringend verbessert werden. „Vor allem muss es jemanden geben, der sich mit den verschiedenen Behinderungsbildern auskennt, aber auch die Unterstützungsmöglichkeiten aufzeigen kann, etwa durch Selbsthilfegruppen“, rät sie. Ihr ist wichtig, dass weder beschönigt, noch schwarz gemalt wird. „Man muss den Tatsachen ins Auge sehen.“ So engagiert sich Tims Mutter in der Down-Syndrom-Selbsthilfegruppe.

Auch dazu hat sie noch Zeit. „Woher ich die Kraft für alles nehme? Das fragen mich viele“, berichtet sie. „Ich sorge gut für mich, mache Quigong und Yoga und suche mir Ruhezeiten.“

So geht Tim – wie seine Geschwister – vormittags zur Schule, wo er zum Beispiel am therapeutischen Reiten teilnimmt.

Weihnachten ist bei den Guidos in Quakenbrück richtig was los. „Da geht es bei uns rund“, sagt die Mutter, die an Geschenke für vier Kinder denken muss. Und für Ostern 2009 gibt es auch schon Pläne. „Wir wollen eine vierte Delfintherapie machen und hoffen, dass Tim noch lernt, allein zu essen und zu sprechen.“


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29.11.2008
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