Ein kurzes Lächeln nur bei „Angie“
WAHLKAMPF Bundeskanzlerin Angela Merkel vor mehreren tausend Menschen auf dem Pferdemarkt
Volles Haus (ohne Dach): Einige tausend Menschen hörten Freitag Angela Merkel auf dem Pferdemarkt. BILD: GEORG KOCH-NEßLER 
VON MICHAEL EXNER
Oldenburg - Die Choreographie sitzt perfekt: Als Bundeskanzlerin Angela Merkel am Freitag exakt nach Zeitplan um 17 Uhr Hände schüttelnd durch die Pferdemarkt-Menge geleitet wird, spielt die Band die Stones-Hymne „Start Me Up“. Zehn Minuten später in der Pause zwischen Begrüßungs-Talk und der Kurz-Rede von Ministerpräsident Christian Wulff folgt „Simply The Best“. Das sitzt schon mal.
Oldenburg empfängt seine ehemalige Kohlkönigin freundlich. Die (je nach Lesart) zwischen 2500 und 4500 Menschen auf dem Pferdemarkt feiern die CDU-Vorsitzende. Zwischen den Angie-Plakaten fällt das von den Staatstheater-Demonstranten kaum auf, selbst die schwarz-rot-goldene Kuh der Bauern sieht fast so aus, als gehöre sie dazu. Auch der linke Flügel dringt mit Sprechchören und Gesängen kaum durch. Immerhin entlockt der Block der Kanzlerin die einzige spontane Äußerung in ihrer 25-Minuten-Rede: „Ja, mit denen kommen wir nicht weit“, sinnt sie – und setzt einen Treffer.
Sie sagt das ohne Regung, wie sie überhaupt an Emotionen spart. Die Lobrede des Ministerpräsidenten auf seine Kanzlerin hört sie ausdruckslos – was um so mehr auffällt, als Sonnyboy David McAllister hinter ihr aus dem Strahlen nicht herauskommt. Nur bei einer kleinen Plauderei mit Familienministerin Ursula von der Leyen blickt sie fröhlicher.
Die Rede ist ein Schnelldurchlauf von der Bundespräsidentenwahl über den Jahrestag der Deutschen Einheit und die Wirtschaftskrise bis zur Familien- und Seniorenpolitik – in jeder Phase kopfgesteuert. Die Frau hat sich und ihre Themen unter Kontrolle. Sie weiß jederzeit genau, was sie sagt – und vor allem, was sie nicht sagt. Der politische Gegner beispielsweise kommt bei ihr kaum vor. Ein, zwei Mal Sozialdemokraten, ein paar Mal Rot/Rot – damit hat sich’s.
Die Tücke, dass sie mit ihrem Hauptgegner im Wahlkampf, der SPD, immer noch in einer Regierung sitzt, umgeht sie geschickt mit Formulierungen wie „Wir in Berlin“. Und der unmittelbare Konkurrent erhält gerade mal einen knappen Satz: Einen kurzen Exkurs zur Arbeitslosen-Messlatte ihres Vorgängers Gerhard Schröder schließt sie mit dem Schlenker: „Steinmeier war irgendwie auch dabei, glaube ich.“
Das ist ein Stück aus der hohen Schule des Wahlkampfes, das auch Merkels Vor-Vorgänger im Kanzleramt, Helmut Kohl, so perfekt beherrscht hat: Man rede von sich selbst möglichst gut und von den anderen möglichst gar nicht. Zur Not nimmt sie dann auch mal eine rhetorische Anleihe bei CDU-Übervater Konrad Adenauer auf: „Deutschland kann sich alles leisten, nur keine Experimente.“
Am Schluss blitzen dann doch mal Emotionen durch. Nach dem Deutschlandlied (das sie mitsingt) und bevor ihr Museumsdirektor Friedrich Scheele hinter der Bühne eine handsignierte Grafik von Horst Janssen überreicht, darf die Band noch mal. Und wieder stimmt die Inszenierung mit den Stones: „Angie“ – was sonst? Da lächelt Angela Merkel, wenn auch nur kurz.
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