Auskunft über Schicksal von Kindern aus Friesland
NS-VERBRECHEN Akten aus Gesundheitsamt geben Hinweise auf Morde – Opfer-Zahl noch unbekannt
Jever/Oldenburg - Auskunft über das Schicksal von mindestens 54 Säuglingen und Kleinkindern aus Friesland, die von der NS-„Euthanasie“ erfasst wurden, geben die Nazi-Akten, die – wie berichtet – voriges Jahr bei Umbauarbeiten im Gesundheitsamt des Landkreises Friesland in Jever entdeckt worden waren. Das teilte der Leiter der Forschungsstelle „Geschichte der Gesundheits- und Sozialpolitik“ an der Universität Oldenburg, Dr. Ingo Harms, am Sonntag mit. Bei ersten Einblicken in die Akten hätten sich auch Hinweise auf friesländische Opfer von Zwangssterilisierungen bestätigt.
Die umfangreichen Akten seien inzwischen vom Staatsarchiv Oldenburg archiviert und der Forschung zugänglich gemacht worden. Harms verspricht sich von den Dokumenten einen „bedeutenden Fortschritt in der Erforschung der NS-Medizin in unserer Region“. Erste Einblicke hätten eindeutige Hinweise auf die Beteiligung der damaligen friesländischen Behörden an den medizinischen NS-Verbrechen ergeben. „Mit diesen Dokumenten können Strukturen sichtbar gemacht werden“, so der Wissenschaftler.
Als „bislang einmaligen Fund“ bezeichnete er die in den Akten entdeckten Meldungen über Kinder mit körperlichen Behinderungen. Zwischen 1939 und 1944 hätten die friesländischen Behörden Informationen über Neugeborene und Kleinkinder an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ weitergegeben. Hinter diesem Begriff verbirgt sich laut Harms eine „Mordorganisation von Akademikern“, der bedeutende Psychiater und Neurologen angehörten. Die Akten seien eine erste Spur von der oldenburgischen NS-Medizin zur Kinder-„Euthanasie“.
„Nun besteht die Aufgabe der Forschung darin, Klarheit über die Zahl der Opfer und ihre Identität zu erlangen“, betonte Harms.
Dabei müsse auch der Zusammenhang zwischen den Einweisungen friesländischer Patienten in die Heil- und Pflegeanstalt Wehnen und ihrem dortigen Tod untersucht werden. Die Zahl der aus Friesland stammenden und in Wehnen umgekommenen Patienten sei nach wie vor unklar.
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