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NWZonline.de Nachrichten Politik Interviews

Geschichte zwingt uns zur Differenzierung unserer Fremdbilder

14.06.2016
NWZonline.de NWZonline 2016-06-14T05:08:57Z 280 158

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Geschichte zwingt uns zur Differenzierung unserer Fremdbilder

Im Interview: Prof. Notger Slenczka (56)

Zur Person: Prof. Notger Slenczka (56) befasst sich beim Oldenburger Schlossabend am 16. Juni (20 Uhr) mit dem Thema: „Rudolf Bultmann und das Alte Testament. Ein Aufsatz aus dem Jahre 1933 – im zeitgeschichtlichen Kontext und heute gelesen.“

Frage: Herr Professor Slenczka, die Oldenburger sind ein wenig stolz auf ihren Landsmann Rudolf Bultmann, der zu einem der bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts geworden ist. Was hat Sie veranlasst, seinen Aufsatz zum Alten Testament aus dem Jahre 1933 in der Debatte um die Geltung der Bibel heranzuziehen?

Slenczka: Bultmann gilt im üblichen theologischen Gerede im Blick auf seine Haltung zum Alten Testament als „antijudaistisch“, weil er eine schlichte Deutung des Alten Testaments als Anrede für die Christen ablehnt. Als ich den einschlägigen Text Bultmanns aus dem Jahr 1933 las, fiel mir auf, dass Bultmann hier sehr genau unterscheidet zwischen der Bedeutung, die das Alte Testament für die Juden, und die es für die Christen hat – und er sagt: es ist Evangelium, frohe Botschaft für die Juden. Mir scheint, dass das Stereotyp vom „antijudaistischen“ Bultmann nicht zutreffend ist.

Frage: Man muss auf religiösem Gebiet offenbar verschiedene Verstehensebenen unterscheiden. Können Sie kurz sagen, welche Bedeutung das Alte Testament für Christen hat und welche das Neue Testament?

Slenczka: Das Neue Testament ist ein vielstimmiges und vielfarbiges und im Laufe der Geschichte vielfältig interpretiertes Zeugnis, das die Person des Jesus von Nazareth als Grund menschlicher Existenz zuspricht. Wo durch dieses Zeugnis von Jesus Christus zum Grund und Halt des menschlichen Lebens wird, erweist es sich in diesem Sinne als Evangelium und Gotteswort. Auch das Alte Testament wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein als Zeugnis von Jesus Christus gelesen. Das ist uns, spätestens im christlich-jüdischen Dialog, nicht mehr möglich. Es spricht von Gott, wie er außerhalb seiner Offenbarung in Christus begegnet – auch uns.

Frage: Die Debatte zwischen Christen und Juden ist deswegen so schwierig, weil der Holocaust belastet. Wie kann man aus der Geschichte lernen?

Slenczka: Was man aus der Geschichte lernen kann, ist vor allem, dass alles scheinbar Eindeutige vielfältige Erscheinungsformen hat. Sie zwingt uns zur Differenzierung unserer Selbst- und Fremdbilder. „Das“ Christentum, „den“ Islam, „das“ Judentum, „den“ Rudolf Bultmann gibt es nicht.

Frage: Rudolf Bultmann hat seinen jüdischen Freunden sein Leben lang die Treue gehalten. Könnte die Debatte um das Alte Testament für die multireligiöse Welt der Gegenwart exemplarisch sein?

Slenczka: Durchaus. Toleranz kann nicht bedeuten, dass etwa ein Moslem darauf verzichten muss, meine Überzeugung, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist, irgendwie gut zu heißen. Toleranz bedeutet, dass er diese meine Überzeugung verwirft, und im Bereich der Öffentlichkeit dennoch friedlich mit mir zusammenlebt.

Prof. Notger Slenczka (56) befasst sich beim Oldenburger Schlossabend am 16. Juni (20 Uhr) mit dem Thema: „Rudolf Bultmann und das Alte Testament. Ein Aufsatz aus dem Jahre 1933 – im zeitgeschichtlichen Kontext und heute gelesen.“


  www.oldenburger-landesverein.de