27.08.2014

Interview
Kaufhof-Chef will Pakt für die Innenstädte

Der 64-Jährige spricht über Öffnungszeiten am Sonntag, Erreichbarkeit und einen Pakt mit den Kommunen. Im eigenen Online-Geschäft erwartet er kräftiges Wachstum.

Jörg Schürmeyer
Sorgt sich um die Entwicklung in den Innenstädten und ruft zu einem Pakt auf: Lovro Mandac, Vorsitzender der Geschäftsführung bei Galeria Kaufhof (Köln). BILD: dpa

Der 64-Jährige spricht über Öffnungszeiten am Sonntag, Erreichbarkeit und einen Pakt mit den Kommunen. Im eigenen Online-Geschäft erwartet er kräftiges Wachstum.

Frage: Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov kaufen fast zwei Drittel der Bundesbürger nur noch selten in Warenhäusern ein. Hat das klassische Warenhaus eine Zukunft in Deutschland?

Mandac: Ich würde solche Befragungen nicht überbewerten. Wir haben bis zu zwei Millionen Besucher am Tag in unseren 105 Häusern. Also zusammengenommen mehr als 600 Millionen Besucher pro Jahr, die zu uns in die Läden kommen. Wir haben einen Bekanntheitsgrad von 93 Prozent. Das sind hohe Zahlen, die uns optimistisch stimmen. Eine andere Sache macht mir viel mehr Sorgen...

Seit 1994 an Spitze

Lovro Mandac steht seit 1994 an der Spitze von Galeria Kaufhof. Der 64-jährige gebürtige Flensburger ist auch Vorstandsmitglied des Handelsverbands Deutschland (HDE).

Die Galeria Kaufhof GmbH, ein Teil der Metro AG, gilt mit einem Umsatz von 3,1 Milliarden Euro netto (2012/13) und 21 500 Mitarbeitern in Deutschland und Belgien als einer der führenden europäischen Warenhausbetreiber. Im Nordwesten gehören unter anderen Kaufhäuser in Oldenburg und Bremen zum Konzern.

Frage: Nämlich...

Mandac: Wir haben festgestellt, dass wir seit etwa drei Jahren zurückgehende Frequenzen in den Innenstädten haben. Das betrifft nicht nur den Kaufhof. Viele Innenstädte leiden insgesamt sehr stark unter einer zunehmend problematischer werdenden Verkehrssituation. Gerade in den größeren Städten muss man schon eine gewisse Geduldsprobe bestehen, um überhaupt in die Innenstädte zu kommen. Und das ist gefährlich. Wir leben von der Frequenz, wir leben von den Kunden. Und die Menschen haben genügend Möglichkeiten, überall einzukaufen. Und da rede ich nicht nur über das Netz, sondern ich rede auch davon, dass die grüne Wiese sehr stark ausgebaut worden ist.

Frage: Ist das ein Thema, das in der Politik schon angekommen ist?

Mandac: Unser Eindruck ist, dass die Politik sich dessen nicht zu 100 Prozent bewusst ist; vor allem, was das für den Handel bedeutet. Die Kommunikation zwischen Handel und Politik ist vielerorts bescheiden – vorsichtig ausgedrückt. Und ich glaube auch, dass das Wissen ob des gesamtvolkswirtschaftlichen Zusammenhangs zwischen Stadt und Handel in den Köpfen vieler Politiker nicht ausreichend vorhanden ist.

Frage: Was müsste denn getan werden, um in Kooperation mit den Kommunen die Frequenz wieder in die Innenstädte zu bekommen?

Mandac: Ein wichtiger Punkt ist für mich Transparenz, also das Reden mit der Politik und die Bereitschaft der Politik, uns zuzuhören. Das setzt natürlich voraus, dass die Einzelhändler sich einig sind. Die Zeiten haben sich geändert. Wir haben andere Konkurrenzverhältnisse bekommen, nicht nur die grüne Wiese, nicht nur die Fachmärkte, sondern vor allen Dingen auch das Netz. Und hier ist das Einkaufen für die Menschen bequemer geworden. Welchen Grund hat ein Kunde, in die Stadt zu kommen? Er will etwas erleben, vielleicht noch etwas essen gehen oder ins Kino oder Theater. Er will ja nicht nur einkaufen. Deshalb brauchen wir hier einen Pakt, der alle Beteiligten in den Städten an einen Tisch bringt, damit sie sich aufeinander abstimmen.

Frage: Was sind die zentralen Themen, die angegangen werden müssten?

Mandac: Das erste große Thema ist, wie bereits erwähnt, die Erreichbarkeit. Das zweite Thema ist die Sauberkeit und die Sicherheit der Städte. Und das dritte große Thema sind die Öffnungszeiten. Wir müssen heute dann präsent sein, wenn der Kunde das möchte. Schlicht und einfach. Wir wissen von Untersuchungen, was in Tankstellen am Sonntag gekauft wird. Das könnten Sie in einem Edeka, Rewe oder welchem Lebensmittelmarkt auch immer zu weniger als der Hälfte des Preises erwerben. Welchen Mehrwert das für die Kundschaft hätte, wenn Lebensmittelmärkte auch sonntags öffnen dürften, ist unermesslich.

Frage: Das heißt, Sie würden sich für weitergehende Öffnungszeiten aussprechen?

Mandac: Wir sind dafür, dass an Sonntagen ganz normal geöffnet werden kann. Der Sonntag sollte zumindest von 13 bis 18 oder 19 Uhr, also fünf oder sechs Stunden, eine Öffnungsmöglichkeit haben. Und es kann der Händler öffnen, der möchte. Es gibt ja keine Zwänge. Es muss sich für den Händler schließlich auch lohnen.

Frage: Wir haben jetzt viel über den Einzelhandel insgesamt gesprochen. Was will Galeria Kaufhof denn selbst tun, um attraktiv zu bleiben?

Mandac: Ich glaube, dass wir insbesondere in unseren großen Häusern schon sehr attraktiv sind, weil wir über die vergangenen 20 Jahre ein paar Milliarden in unsere Filialkette investiert haben. Die Weltstadthäuser sind State of the Art, sie können sich mit jedem anderen Warenhaus in Europa messen. Wir haben unser Sortiment upgegradet, wenn auch vorsichtig. Wir gehen weiterhin maximal in den Premium-Bereich, nie in den Luxusbereich. Wir wollen das Warenhaus sein für die gesamte Bevölkerung. Wir haben bereits vor Jahren unsere Sortimente bereinigt, etwa um Teppiche, Küchen, Lampen und Leuchten. Das können Sie auf der grünen Wiese wesentlich besser darstellen. Was wir machen müssen, ist großflächig unsere Sortimente zu präsentieren, in ihrer Mannigfaltigkeit, ihrer Vielfalt. Der Mensch möchte vergleichen können und sich inspirieren lassen.

Frage: Sie hatten das Online-Geschäft als die große Herausforderung angesprochen. Wie wollen Sie da reagieren?

Mandac: Wir sind in diesem Bereich sehr aktiv. Wir haben im November 2011 angefangen, unser Online-Geschäft auf neue Beine zu stellen und schaffen damit bis heute rund 70 Millionen Euro Umsatz im Jahr. Das ist ein wirklich schnell wachsender Betrag, und wir versuchen ihn in den nächsten drei Jahren auf 300 Millionen zu bringen. Warum können wir das?

Wir bieten das vollwertige Sortiment an mit einer sogenannten Regalverlängerung. Sprich, was wir nicht in den Filialen auf Lager haben, können Sie online direkt über uns bestellen, sich nach Hause schicken lassen oder in ihrer Filiale abholen, dort auch zurückgeben, umtauschen, was immer Sie wollen. Und ich glaube, dass wir hier einen unschätzbaren Vorteil haben: Denn mit über 100 Filialen in Deutschland haben wir im Grunde genommen die besten Paketstationen.

Frage: Als nächsten Schritt der Verzahnung von stationärem und mobilem Geschäft wollen Sie jetzt ja auch Tablets in den Warenhäusern einsetzen.

Mandac: Das ist richtig. Wir haben in einem ersten Schritt vor wenigen Wochen 1100 Tablets in die Filialen gebracht. Mit diesen Tablets ist es für den Verkäufer möglich, den Kunden allumfänglich zu bedienen. In kürzester Zeit kann er etwa in Erfahrung bringen, ob eine Ware, die in Köln nicht erhältlich ist, in München oder auf galeria.de vorrätig ist und diese schnellstmöglich beschaffen. Und der Kunde kann daneben stehen, selber reinschauen und sich auch mittels dieser Tablets über die Produkte informieren. Solch ein System, wie wir es haben, ist einmalig. Wir haben es exklusiv mit HP entwickelt. Das ist eine neue Zeitrechnung auch für den Kaufhof und seine Mitarbeiter.

Frage: Letzte Frage: Wie zufrieden sind Sie mit der Entwicklung in Oldenburg?

Mandac: Der Kaufhof Oldenburg ist ein sehr profitabler Standort, mit dem wir sehr zufrieden ist. Und mit dem Umbau und der schönen neuen Außenhaut haben wir, so denke ich, die Attraktivität weiter erhöht.

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