Wo der „Koks“ Weinbrand war
Küstenkanal Helmut Stadtlander war in der Kneipe Mügge „Mann für alles“
Auf dieser alten Postkarte – undatiert – ist das Anwesen von Ernst und Hertha Mügge zu sehen BILD: privat 
Klein Scharrel - Dass die Torfschuten der Vehnemoor-Gesellschaft mit Pferden auf einem Trampelpfad am Küstenkanal die elf Kilometer nach Oldenburg gezogen wurden, weiß Helmut Stadtlander (77) aus Erzählungen seines Schwiegervaters. Er selbst kam 1952 nach Klein Scharrel (Landkreis Ammerland), wo er eine Stellung als Verkäufer bei Ernst und Hertha Mügge antrat. Die Mügges betrieben eine Gaststätte am Kanal – „mit einem Laden, einer Poststelle und der Vermietung von Zimmern“, weiß Stadtlander.
Bei Mügges hatte zuvor zeitweilig auch der älteste Bruder seiner Mutter, Karl Suhrhoff, gewohnt – auch zu Zeiten des Ausbaus des Kanals für größere Schiffe, denn Suhrhoff war Ingenieur. Und der hatte auch geholfen, dass Stadtlander seinen Job bekam. Fünf Jahre arbeitete Stadtlander dort – und erinnert sich noch gut, dass er so manches Mal die mehr oder weniger angeheiterten Besucher der Gaststätte mit der vor dem Haus liegenden kleinen Fähre auf die andere Seite des Kanals gezogen hat, damit sie heil nach Hause kamen. „Brücken gab es noch nicht wieder, die waren im Krieg zerstört worden“, weiß Stadtlander, der heute in Wiefelstede (Landkreis Ammerland) wohnt. Und so wurde in jener Zeit fast alles mit der kleinen Fähre über den Kanal gebracht, „selbst Särge zum Friedhof“, wie sich Stadtlander erinnert.
„Einen Mann für alles hatten Mügges ja auch gesucht“, muss der heute 77-Jährige lachen, wenn er an die vielen Erlebnisse von früher denkt. Als dann die Brücke bei Mügges über den Kanal gebaut wurde – Stadtlander: „Das muss etwa 1953 gewesen sein“ – da feierten in der Gaststätte die Arbeiter praktisch jede Nacht durch und tranken „Koks“: Eine Mixtur aus Branntwein, einem Stück Würfelzucker, drei Kaffeebohnen. „Da weckte mich die Wirtin um Mitternacht und ich musste die Schlussschicht übernehmen“, erinnert er sich.
Praktisch im ersten Jahr bei Mügges lernte Stadtlander seine spätere Frau Hertha Hemmje kennen. Die beiden heirateten 1957 und machten sich im Haus der Ehefrau – 500 Meter vom Kanal entfernt – mit dem „Gemischtwarenladen Helmut Stadtlander“ selbstständig. „Wir haben im Jungmädchenzimmer meiner Frau angefangen, Regale gebaut und Haken in die Decke geschraubt“, erinnert sich der Kaufmann. Später wurde das Geschäft ein A und O-Markt und dann ein „Ihre-Kette“-Markt, die alle zur Bünting-Gruppe gehörten. Stadtlander betrieb den Markt bis zu seinem 60. Lebensjahr. „25 Lehrlinge habe ich in der Zeit ausgebildet“, erklärt der Kaufmann nicht ohne Stolz.
Die Gaststätte von Ernst und Hertha Mügge gibt es heute nicht mehr: Die Gebäude wichen dem Bau der Bundesstraße 401 entlang des Küstenkanals: Auch die alte Mühle gleich nebenan fiel dem Bau dieser Straße zum Opfer. Stadtlander hat noch eine alte Postkarte ohne zeitliche Einordnung. Aber darauf ist das Anwesen Mügges mit der Mühle noch gut zu sehen. Und ein sehr frühes Modell eines Autos – aus einer Zeit jedenfalls, in der der Wahl-Wiefelsteder definitiv noch nicht am Küstenkanal gelebt hatte.
„War’s schön damals am Kanal?“ Helmut Stadtlander muss bei der Beantwortung dieser Frage nicht lange überlegen: „Es war eine sehr schöne Zeit“.
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