Holocaust:
Andenken nicht mit Füßen treten

Serge Klarsfeld sieht Stolpersteine skeptisch – Opfer per Smartphone ausfindig machen?

Seit Jahrzehnten jagen die Klarsfelds Nazi-Verbrecher. Nun hat sich Serge Klarsfeld (80) in Frankreich zur Gedenkkultur geäußert.

Nizza Der bekannte Jurist und Nazi-Jäger Serge Klarsfeld hat sich jetzt in Nizza kritisch zu den in Deutschland weit verbreiteten Stolpersteinen zur Erinnerung an die millionenfache Judenverfolgung während des Nationalsozialismus geäußert. In Frankreich wären solche in Straßenpflaster, Bürgersteine und Plätze eingelassenen Gedenksteine nicht vorstellbar, sagte er am Rande eines internationalen Kongresses zum Thema Shoah in der einstigen „Zone libre“ von Vichy.

„Jedes Land hat seine eigene Gedenkkultur“, entgegnete der 80-Jährige auf Befragen. Jede Nation müsse also für sich selbst entscheiden, welche Form der Erinnerung ihrem Wesen am ehesten gemäß sei. „Zu Frankreich würden Stolpersteine gar nicht passen,“ versicherte Klarsfeld.

Franzosen würde die Messing-Quader als pietätlos empfinden, weil man Andenken „doch nicht mit Füßen treten“ könne. „Nichts einzuwenden wäre indessen gegen Plaketten an Mauern oder Fassaden“, findet der gebürtige Rumäne. „Das jedoch ist wiederum in Frankreich nicht einfach: Man braucht dazu die Einwilligung der Eigentümer. Und die zu erlangen, ist in der Praxis sehr schwierig.“

Selbst in Vichy, der Hauptstadt des mit Hitler kollaborierenden Südens, sei er auf Granit gestoßen, und das sogar bei Juden, schilderte er. Vielleicht wolle man durch solche Inschriften nicht in schiefes Licht geraten, mutmaßt der für sein Engagement bei der weltweiten Suche nach Kriegsverbrechern vielfach ausgezeichnete Franzose. Vielleicht befürchte man auch einfach nur, derart gebrandmarkte Immobilien ließen sich schlechter vermieten.

An Stelle von Stolpersteinen schlägt Klarsfeld für sein Land eine Art Opfer-Kataster vor, das Suchende per Smartphone aufrufen könnten, „um in Handumdrehen jedes Opfer und seine ehemalige Adresse ausfindig zu machen“. Von den 11 458 aus Frankreich deportierten jüdischen Kindern seien die virtuellen Karten bereits erstellt, jedenfalls für Marseille, Nizza, Paris und Lyon.

Apropos Stolpersteine: Vor dem Haus Wielandstraße 15 in Berlin-Charlottenburg erinnert einer der goldglänzenden Würfel auch an Charlotte Salomon. Was zwischen den wenigen eingravierten Zeilen über sie zu lesen steht, wäre wahrscheinlich nie bekannt geworden, wenn der ebenfalls an dem Kongress in Nizza teilnehmende David Foenkinos nicht den Roman „Charlotte“ geschrieben hätte, die Geschichte der jüdischen Künstlerin, die mit über 1000 Bildern ihren Lebensweg illustriert hatte, bevor sie mit 26 Jahren in den Auschwitzer Gaskammern starb.

Serge Klarsfeld ist mit Beate Klarsfeld verheiratet, die 1968 den damaligen Bundeskanzler Kiesinger wegen seiner NS-Vergangenheit geohrfeigt hatte.

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