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Film:
Ein Kind als ganzer Kerl

Berlin Zu seinem 75. Geburtstag am 23. Juli werden die Zuschauer Götz George in einer denkwürdigen Rolle erleben: Der Sohn spielt den Vater Heinrich George, der zu Nazizeiten ein Schauspielstar war und 1946 mit 52 Jahren im sowjetischen Speziallager Sachsenhausen starb. Dass ein Schauspieler einen viel Jüngeren darstellt, zeigt Götz Georges enorme physische und psychische Spielbreite.

Er hat sie alle verkörpert: die fabelhaften Helden, die traurigen Ritter, die Narren, die Monster und die Menschen aus Fleisch und Blut. Kaum ein anderer in Deutschland kann das. Götz George ist auch einer der letzten, dessen Spiel und dessen Rollen die Jahrzehnte und die Generationen verbinden.

Geboren 1938 in Berlin, steht er als zwölfjähriger Junge das erste Mal auf der Bühne und fragt anschließend: „War ich so gut wie Vater?“ Auch seine Mutter Berta Drews (1901–1987) war eine bekannte Schauspielerin. Im Film der 50er Jahre ist Götz George dann ein unbekümmerter Bursche, in den 60er Jahren der Heißsporn, der tollkühn in Winnetou-Filmen agiert. Aber auch schon damals kann er feinnerviger sein. Wolfgang Staudte besetzt ihn 1960 in dem Film „Kirmes“, in dem er einen Deserteur spielt.

Film und buch

Das Erste zeigt am 24. Juli um 21.45 Uhr das Dokudrama „George“ mit Götz George, der seinen Vater, den Schauspieler Heinrich George (1893–1946), spielt. Zuvor wiederholt das Erste um 20.15 Uhr den Film „Schimanski: Schuld und Sühne“.

Als die Jungfilmer 1962 verkünden, dass „Papas Kino tot“ sei, beerdigen sie einen Star wie Götz George gleich mit. Zu professionell, zu viel Held, zu viel ungebrochene Männlichkeit. Und für George sind die Jungen, die meistens älter sind als er, Dilettanten. Da ist der Draufgänger ganz Preuße und Pflichtmensch. Sein Spiel wird frei, wenn er den Katalog der Pflichten abgearbeitet hat. Er ist unzeitgemäß, weshalb er im Kino der 60er Jahre zumeist nur im Genrefilm zum Zuge kommt.

In den 70er Jahren sieht man ihn verstärkt im Fernsehen. Man ahnt, der Typ ist noch lange nicht satt. Dass er eine beängstigende Fühllosigkeit spielen kann, zeigt er in Theodor Kotullas „Aus einem deutschen Leben“ (1977): den KZ-Kommandanten Rudolf Höß arbeitet er als emotionslosen Funktionsmenschen heraus. Nicht zuletzt diese Rolle ist einigen Cineasten und Filmhochschulabsolventen wie Hajo Gies und anderen in bleibender Erinnerung. Als sie bei der Bavaria einen Nachfolger für den altersmüden „Tatort“-Kommissar Haferkamp (Hansjörg Felmy) suchen, erinnern sie sich an diesen sensiblen Kraftkerl George.

Horst Schimanski ist gefunden, und er prägt ein Jahrzehnt das deutsche Fernsehen. Der Melancholie der 70er Jahre gibt dieser proletarische Ermittler eins auf die Fresse.

George bringt die physische Präsenz auf den Bildschirm, für viele ist dieser tapsige Bulle ein Vorbild. Es kann cool sein, deutsches Fernsehen zu schauen, wenn Schimmi Bier schlürft, schöne Frauen an die breite Brust zieht, den Sesselfurzern eine lange Nase dreht und den Alltag zum Abenteuer veredelt. Sein legendäres „Scheiße!“ war ein Fanal gegen die erstarrte Welt der Biedermänner-Väter.

Doch Anfang der 90er Jahre hatte George von dieser Figur die Nase voll. Nach der Wiedervereinigung gelingen ihm bemerkenswerte Fernsehrollen. Der Fünfteiler „Schulz und Schulz“ etwa arbeitet deutsch-deutsche Befindlichkeiten komisch-tragisch auf.

Aber es sind vor allem die großen Rollen in „Schtonk“ (1992), „Der Totmacher“ (1995) und „Rossini“ (1997), die alles überstrahlen. Die grandiose, zu Herzen gehende Erbärmlichkeit des glücklosen Reporters Hermann Willié in „Schtonk“ gehört zu Georges Meisterleistungen, ebenso seine Rolle als Massenmörder Fritz Haarmann.

Götz George wirkt mit seinen bald 75 Jahren immer noch spieldurstig, jung, neugierig, wach. Er ist – in einer Figur – das Kind, der Kerl und der Kamerad des deutschen Films.


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