Literatur Ii
Gewichtiges Buch setzt dem Großvater ein Denkmal
Schriftstellerin Ursula Krechel liest aus ihrem preisgekrönten Roman „Landgericht“
Schriftstellerin Ursula Krechel liest aus ihrem preisgekrönten Roman „Landgericht“
Oldenburg „Landgericht“ von Ursula Krechel (Verlag Jung und Jung, 29,90 Euro€) ist ein gewichtiges, ernstes Buch, inhaltlich wie formal. Auf fast 500 Seiten beschreibt die in Berlin lebende Autorin (65) das Schicksal eines deutschen Richters jüdischer Konfession, der 1947 aus dem kubanischen Exil nach Deutschland zurückkehrt und doch nicht in seiner Heimat ankommt. Unüberwindbar bleibt die Kluft, die der Zweite Weltkrieg in seinem Berufsleben und bei seiner verstreuten Familie hinterlassen hat.
Gut 150 Besucher wollen die Preisträgerin in Oldenburg erleben, weshalb die Lesung von der Buchhandlung Thye in den Kunstverein verlegt wurde, in unmittelbarer Nachbarschaft des Landgerichts. Hier liest Ursula Krechel aus ihrem Roman, in dem sie „nichts Romanhaftes erfinden wollte“. Für ihren Protagonisten Richard Kornitzer gibt es ein reales Vorbild, den jüdischen Richter namens Robert Bernd Michaelis.
Ursula Krechel beginnt ihre Lesung am Anfang des Buches dort, wo Michaelis alias Kornitzer an das Landgericht in Mainz berufen wird, wo er bei einer Familie zur Untermiete wohnen muss. An einem Abend im Jahr 1949 sitzt er gedankenschwer beim Abendessen und muss sich fragen lassen, wo er denn den Krieg erlebt habe. Mit Partizipien wie „geplündert – verhaftet – verschollen – vergewaltigt“ kann er nicht dienen, mit „abgezockt – aus dem Land gejagt – erniedrigt“ will er nicht. „Kornitzer ist kein Held“, sagt die Autorin, „einer, der alles richtig macht, funktioniert nicht als Romanfigur.“
Beim Lesen akzentuiert sie einfühlsam jede Silbe ihres Romans, als wolle sie ihrem Protagonisten und seiner Familie nicht noch mehr Leid zufügen als im Nazi-Deutschland schon geschehen.
Bei ihrer zehnjährigen Recherche, so erzählt die in Trier geborene Literaturwissenschaftlerin, habe sie Kontakt zu den Nachkommen des Richters gesucht. Sie machte den Sohn ausfindig, der wie seine Schwester im Kindertransport nach England gelangte. „Lassen Sie diese alten Geschichten“, habe er am Telefon gesagt und aufgelegt.
Glücklicherweise befolgte Ursula Krechel diesen Rat nicht, sprach stattdessen mit vielen anderen Zeitzeugen, studierte Akten und reiste nach Kuba. Der Ruhm folgte prompt. Sie erhielt nicht nur den Deutschen Buchpreis, sondern erntete auch den Dank der Enkelkinder von Robert Bernd Michaelis. Ursula Krechel: „Sie waren glücklich, dass ich ihrem Großvater ein Denkmal gesetzt hatte.“
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