Literatur:
Großer Rausch in kleiner Mansardenwohnung

Deutscher Buchpreis hat Leben von Autor Frank Witzel verändert – Mehr als 100 Lesungen

Offenbach Seine Auftritte sind oft schon Wochen vorher ausverkauft. Mehr als 100 Lesungen hat Frank Witzel (60) seit dem Gewinn des Deutschen Buchpreises im Oktober 2015 gehabt. Und immer noch kommt dem Autor, der vor seinem Erfolg 40 Absagen von Verlagen kassierte, alles „wie ein Rausch“ vor. Erst vier Monate nach der Frankfurter Buchmesse findet er, der in einer kleinen Mansardenwohnung in Offenbach wohnt, wieder etwas mehr zur Ruhe.

Es war eine Sensation, als die Jury am Vorabend der Frankfurter Buchmesse ihm den Preis zuerkannte. Auf den kiloschweren Wälzer mit dem seltsamen Titel „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ hatte trotz manch überschwänglicher Rezension niemand gewettet. Das 800-Seiten-Buch galt als schwer vermittelbar.

Doch die Skeptiker lagen falsch: Der Roman über einen Teenager, der in der hessischen Provinz in den Zeiten der RAF-Aktivitäten aufwächst, stand einige Woche lang auf den Bestsellerlisten. Der Berliner Verlag Matthes und Seitz, der sich für Witzels Roman letztlich erwärmt hat, hat bisher 70 000 Exemplare verkauft. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt eine Sprecherin.

Zufrieden ist auch Witzel, der sich jahrelang als Autor mit Gitarrenunterricht über Wasser gehalten hat. Ihm macht es Spaß, sein Buch in ganz Deutschland persönlich vorzustellen.

Im stark autobiografisch geprägten Roman schildert Witzel, wie in dem Wiesbadener Vorort Biebrich ein 14-Jähriger den Umbruch 1969 erlebt. Das ist keine einfache Lektüre, da die lineare Erzählstruktur fehlt. Dafür können viele der 99 Kapitel aber auch für sich gelesen werden.

Witzel ist Musiker, hat klassische Gitarre und Klavier studiert. Danach Soziologie in Frankfurt. „Alles ohne Abschluss“, sagt er trocken. Für ihn ist der Buchpreis zum Glücksfall geworden. Jetzt will er ein Buch über einen Mann schreiben, der Ende der 1960er Jahre begann, berühmte Kunstwerke zu zerstören. Seine kleine Wohnung in Offenbach dient als Rückzugsort.

Leserkommentare

Kommentieren Sie diesen Artikel

Mehr zu ...

Newsletter

Das Team vom NWZonline Newsletter

MONTAGS BIS FREITAGS

die wichtigsten Nachrichten vom Tage in Ihrem Postfach.