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Demenz:
Von 15 Minuten Glück im großen Vergessen

Oldenburger Land Manchmal liegt die Erinnerung in einem braunen Lederkoffer, ganz unten zwischen einem Wählscheibentelefon und einem Damenhut: ein Liedtext, Großdruck hinter Klarsichtfolie, „Dat du min Leevsten büst“.

Und die alte Frau singt, alle fünf Strophen, so laut sie kann.

Die alte Frau ist 82, aber das weiß sie nicht, sie ist schon lange an Demenz erkrankt. So wie die meisten hier im Ruheraum der DRK-Tagespflege am Spittweg, so wie rund 1,4 Millionen Menschen in Deutschland.

Ein Jahr Schule

Das Bundesgesundheitsministerium schreibt im Internet: Wir wissen nicht, wo Demenz herkommt. Wir wissen auch nicht, wie man Demenz heilen kann. Wir wissen aber, dass man die Lebensqualität von Demenzerkrankten verbessern kann: durch „Betreuung und Aktivierung“.

Bloß: Wie aktiviert man jemanden, der nicht mehr weiß, wie alt er ist? Wo er ist? Wer da vor ihm steht?

Der Koffer. Irmgard Eylander, 45 Jahre alt, zupft ein Betttuch heraus und hängt es an die Wand. Aufs Betttuch ist ein Bücherregal aufgemalt, schnelle Striche, rote Aktenordner, ein gelbes Behördenfenster, eine blaue Blume. Vor dem Tuch sitzt Anke Baier, 50, sie schnauzt ins Wählscheibentelefon: „Amtsstuuv Ollnborg!“ Da kommt Manfred Hinsch herein, 49, roter Damenhut, Sonntagskleid, Handtasche, in der Hand einen amtlichen Brief.

„Wat schall dat denn?“, fragt Baier.

„Dat steiht hier: zu Erscheinen in Sachen Ihrer verstorbenen Frau!“

Und die alten Leute lachen, das kennen sie von früher: Plattdeutsch, Sonntagskleid, Beamtenwitz.

Im Sozialgesetzbuch XI gibt es den Paragrafen 87b, er regelt die Vergütung für die vom Gesundheitsministerium gewünschte „zusätzliche Betreuung und Aktivierung“ von pflegebedürftigen Menschen. Rund 25 000 solche „zusätzliche Betreuungskräfte“ gibt es derzeit, bald sollen es 45 000 sein, hofft das Ministerium.

Es geht um Kräfte wie Irmgard Eylander, Anke Baier und Manfred Hinsch: Seit fast einem Jahr besuchen sie die Klasse SBT9 bei der ComFair GmbH in Oldenburg-Donnerschwee. Im Sommer werden sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben, als „Sozialbetreuer in der Altenpflege“.

Die Pflegekassen schreiben für die Betreuer eine „Qualifizierungsmaßnahme“ von „mindestens 160 Unterrichtsstunden“ vor. „Aber ich meine, man sollte nur Betreuer auf Menschen loslassen, die auch umfassend ausgebildet sind“, sagt Annette gr. Darrelmann, 52, Bereichsleiterin bei ComFair. „Man muss sie richtig schulen, ein Jahr lang.“

Sie sitzt auf einem Stuhl im großen Schulungsraum, neben ihr sitzen Leute, hinter ihr, überall: Einrichtungsleiter vom DRK, von den Johannitern, von der Kirche, aus Oldenburg, Ammerland, Friesland. Vor ihnen an der Wand hängt ein Betttuch, darauf knallbunte Zirkusfarben, schnelle Striche.

Und vor dem Betttuch steht jetzt Stefan Grolig, 54 Jahre alt, auf der Glatze ein Zylinder, Direktor des „Zirkus Fantasia“, „willkommen, meine Damen und Herren“. Grolig ist etwas erhitzt, sein Publikum besteht ja aus lauter potenziellen Arbeitgebern.

Drei braune Koffer

„Die Frage ist doch: Wie schaffe ich es, die Leute zu erreichen?“, hat Jasmin Kunstreich-Heinrichsdorff, 46, Dozentin in der Klasse SBT9, dem Publikum vorher erklärt. Plattdeutsche Lieder, Zirkusclowns, Sagen und Legenden aus dem Oldenburger Land, „Kultur regt zum Reden an. Ach, das Lied kenne ich ja – so kann ich in die Biografie-Arbeit einsteigen.“

Deshalb stehen da drei braune Lederkoffer unten im Schulungsraum: ein Plattdeutschkoffer, ein Zirkuskoffer, ein Sagenkoffer.

Die künftigen Sozialbetreuer haben natürlich viel mehr in die Koffer gesteckt als ein Wählscheibentelefon oder einen Damenhut: Sie haben die Sketche inszeniert (auf Plattdeutsch heißen sie: Kortjans), sie haben die Kulissen gemalt, Liedtexte gesetzt, Sagen recherchiert, Copyright-Fragen geklärt. „Sie sollten lernen: Was heißt Projektmanagement?“, erklärt Kunstreich-Heinrichsdorff weiter. „Und jetzt müssen sie auch noch vor Ihnen auftreten, das stärkt das Selbstbewusstsein.“ Gelächter.

„Goden Dag!“, ruft Manfred Hinsch in den Ruheraum am Spittweg. „Goden Dag“, antworten die alten Leute in ihren Ruhesesseln. Hinsch hat über 20 Jahre in der Altenpflege gearbeitet, so wie die meisten seiner Mitschüler. Dann musste er aufhören aus gesundheitlichen Gründen, so wie die meisten seiner Mitschüler. Jetzt wird er Sozialbetreuer, weil er unbedingt weiter mit alten Menschen arbeiten will. So wie alle seiner Mitschüler.

Am Spittweg lacht und singt neben der 82-Jährigen auch eine jüngere Frau: Lucyna Zajac, 47, die Einrichtungsleiterin. „Die Leute haben so viel Spaß“, sagt sie, „das ist so wichtig. Die kommen sonst nicht mehr ins Theater.“ Sie klatscht: „Die Gruppe müsste auf Tournee gehen, das sollte es regelmäßig geben!“

Ein bisschen Glück

Das wird es nicht. Die Klasse SBT9 macht nur eine klitzekleine Tournee durch Pflegeeinrichtungen im Oldenburger Land, fünf, sechs Auftritte, dann packen die Schüler die Koffer wieder aus für die nächsten SBT-Klassen. Sie sind ja keine Wanderschauspieler, sie sollten nur lernen, wie sie alte, kranke Menschen erreichen können.

Mit einer Ausnahme vielleicht: Stefan Grolig, der Zirkusdirektor, will sich in der Wesermarsch gern selbstständig machen, „Betreuung aus dem Koffer, das genaue Konzept muss ich noch erarbeiten“. Er denkt dabei aber weniger an Heime und mehr an private Haushalte: ambulante Kulturbetreuung.

Noch ein Großdruckzettel, „Dans up de Deel“. Die alte Frau schunkelt im Sessel. Dann ist Schluss, 45 Minuten sind lange genug.

Manfred Hinsch sagt, er habe eine Festanstellung in Aussicht. Und klar, dort soll es bald plattdeutsche Lieder und Kortjans geben. Er quetscht das Betttuch zurück in den Koffer, am Nachmittag hat er seinen vorerst letzten Auftritt, ein Heim im Stadtsüden.

Applaus, die alte Frau strahlt. Als Hinsch den Koffer draußen in den Kleinwagen hebt, hat sie bereits alles vergessen, was sie vor 15 Minuten erlebt hat: das Wählscheibentelefon, den Damenhut, „Dat du min Leevsten büst“ . „Aber sie war so glücklich“, sagt Lucyna Zajac.

„Es ist anstrengend“, sagt Manfred Hinsch. „Aber man bekommt so viel von den Leuten zurück.“

Er meint das im übertragenen Sinne. In Zahlen bekommt ein Vollzeit-Sozialbetreuer durchschnittlich 1500 Euro. Brutto.

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