RHAUDERFEHN, 19. Januar 2011


Kalkulierte Zumutung eines Wenderomans

Deutschland „Peters Laube“ von Jana Jürß – Überraschender Romanerstling


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von Reinhard Rakow

Rhauderfehn - Ein Mann sieht rot. 20 Jahre nach der Wiedervereinigung, 60 nach Gründung der DDR, sieht Peter Tarow aus Neustrelitz, einer der vielen Abgewickelten, rot – sozialismusrot, so rot, dass er es fertigbringt, sich einmal die Birne nicht volllaufen zu lassen, dass er seine Laube, eine Art DDR-Freilichtmuseum, verlässt, am 7. Oktober, dem früheren Nationalfeiertag, das Rathaus in seine Gewalt bringt, um vom Balkon aus die Wiederauferstehung der DDR zu proklamieren.

Das Gedankenexperiment, die deutsche Uhr zurückzudrehen, ist nicht neu. Aber während Bekanntes wie „Goodbye, Lenin“ gern im Irrealen spielt, bricht sich der ostalgische Wahn in „Peters Laube“, einem Roman von Jana Jürß, Bahn in den Alltag. Zuerst in den von Jele, Peters Ex-Freundin, die schon vor der Wende „rübermachte“. Dann in den von Frau Virse, einer Witwe, deren bemühte Ruhe durch die Begegnung mit Peter zerstört wird. Und am heftigsten in den von Friederike, Jeles daheim gebliebener Schwester, die sich ein bisschen biederes Glück ersehnte.

Jürß richtet Jele als Ich-Erzählerin ein, die anderen Akteure in der dritten Person. Zum Schluss verknotet sie die einzelnen Handlungsstränge mit einem pfiffigen Ruck, der alles hält. Immer wieder erlaubt die Versuchsanordnung erhellende Einblicke in Lebenswirklichkeit und Seelenleben des Personals: Die Reporterin Jele etwa, im Westen erfolgreich, hat die Weinerlichkeit der im Osten Gebliebenen satt, spürt selbst aber die eigene Entwurzelung. Frau Virse wähnt sich vom mysteriös abgelebten Ehemann ums vermeintliche West-Glück gebracht. Friederike, das ewige Aschenputtel, resigniert. Peter indes, der eigentlich ihr Märchenprinz hätte sein sollen, zerfließt erst im Bier, dann im Dünnpfiff dümmlicher Sprüche. „Sein Volk“, das ihm zujubelt, wie er sich, die „Internationale“ auf den Lippen, am Rathausfenster zeigt, geht flugs zur kapitalistischen Tagesordnung über – und überlegt, wie das Geschehene zu vermarkten sei.

Autorin Jana Jürß, Lehrers­tochter aus Neustrelitz, kam über Rostock und Stuttgart nach Rhauderfehn (Ostfriesland), wo sie als freie Schriftstellerin lebt. Ihr Romanerstling überrascht nicht nur mit einem abgedrehten Plot. Mehr noch frappiert er durch das ungeschminkte Bild deutscher Befindlichkeiten, von der Autorin skizziert mit schnörkellosem Strich. Dabei ist ihr Blick, der von einer, die den Osten und den Westen aus eigener Anschauung kennt und die Urteile zu fällen das Wissen und die Traute hat.

Bestimmt von der unterkühlten Erzählhaltung der Heldin Jele und deren schnoddriger Sprache, mag der Roman einen zuweilen vor den Kopf stoßen. Doch die Zumutung ist in diesem etwas anderen Wenderoman kalkuliert. Denn Schroffheit und Schablonenhaftes dienen dazu, das Wesentliche zu verdeutlichen. Und dazu, die Distanz herzustellen, die es braucht, um jener anrührenden Empfindsamkeit, die zwischen den Zeilen dann doch oft genug durchscheinen will, bloß nicht zu erliegen.

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