ELSFLETH, 17. Januar 2012


Rettungsinsel ankert im Hallenbad

Kreuzfahrtschiff Crew trainiert in Elsfleth


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Konzentriertes Armrudern: Delroy, Kabinenjunge auf dem Luxusliner „Disney Fantasy“, arbeitet sich in Richtung der Rettungsinsel BILDer: Stefanie Dosch  Bild vergrößern

Das Maritime Kompetenzzentrum bildet das Servicepersonal aus. Auch dabei geht die Sicherheit vor.

von Stefanie Dosch

Elsfleth - Die Hände kriegen das nasse Seil nicht zu fassen. Wieder rutschen die Füße quietschend an der Gummiummantelung weg. Delroy fällt mit einem Platschen zurück ins Wasser, sein Kopf taucht kurz unter und prustend wieder auf. Erneut versucht er, in die signalrote Rettungsinsel zu kommen. Diesmal hält Delroy das Seil fest, sein Fuß findet in einer Schlaufe Halt, und mit Schwung hievt er sich ins Innere. In Sicherheit.

Delroy ist erleichtert. Nicht nur, weil er jetzt endlich in der Rettungsinsel sitzt. Sondern auch, weil diese Rettungsinsel gerade nicht vor der italienischen Insel Giglio treibt, mit dem sinkenden Kreuzfahrtschiff „Costa Concordia“ im Hintergrund. Sie schwimmt im Elsflether Hallenbad: 1,50 Meter Beckentiefe, 27 Grad Wassertemperatur, ein leichtes Kräuseln als Wellengang und oberhalb von hellblauen Wandkacheln geht nur eine gepinselte Sonne unter.


Seetaugliche Crew
Während der neue Luxusliner „Disney Fantasy“ mit seinen 16 Rettungsbooten (für je 290 Passagiere) und 70 Rettungsinseln (für je 39 Besatzungsmitglieder) auf der Papenburger Meyer Werft in diesen Tagen seinen Feinschliff bekommt, wird die Crew im Elsflether Hallenbad seetauglich gemacht. Martin Schimmelpfennig und Ralf Schmidt, Dozenten am Maritimen Kompetenzzentrum (Marikom), müssen rund 800 Kabinenjungs und Putzfrauen, Animateuren und Technikern, Köchen und Kellnern erklären, was sie für den Notfall wissen sollten. „Die ,Disney Cruise Line‘ hat einen sehr hohen Sicherheitsstandard“, beurteilt Schimmelpfennig seinen Auftraggeber. „Jedes neue Crewmitglied muss vorab ein Sicherheitstraining absolviert haben. Viele hier sind schon jahrelang auf anderen Kreuzfahrtschiffen gefahren, ohne auch nur einmal den Umgang mit einer Rettungsinsel gelernt zu haben.“




Acht Stunden Grundkurs
Einen Tag lang dauert der Grundkurs-Lehrgang. Vormittags sechs Stunden Theorie, nachmittags zwei Stunden Praxis. 15, maximal 25 Teilnehmer sind in einer Gruppe. Das Elsflether Hallenbad wird also noch bis Mitte Februar nur beschränkt für andere Schwimmer zugänglich sein. Delroy gehört zu einer der ersten Lehrgangs-Gruppen. Seit zwei Jahren fährt er zu See, erzählt der 40-jährige Jamaikaner. Auf der „Disney Fantasy“ wird er bald als Kabinenjunge arbeiten: Kissen aufschütteln, Papierkörbe leeren, Getränke bringen. Er wird dafür sorgen, dass sich die Passagiere hier wie zu Hause fühlen.

Doch jetzt geht es erst einmal um ihn, um seine Sicherheit. „In diesem Kurs lehren wir nicht primär die Rettung der Passagiere. Das organisieren im Notfall die Seeleute. Wir sorgen dafür, dass das Servicepersonal sich in so einer Situation selbst helfen kann“, erklärt Schimmelpfennig das Ziel des Trainings nach den internationalen STCW-Vorschriften. STCW steht für „Standards of Training, Certification and Watchkeeping for Seafarers“, also Normen für die Ausbildung, die Erteilung von Befähigungszeugnissen und den Wachdienst von Seeleuten. „Auch das Servicepersonal sollte wissen, wie man einen Überlebensanzug anzieht, wie man die Schwimmweste festbindet, wie man die Rettungsinsel benutzt.“ Wenn Delroy und seine Kollegen wissen, was zu tun ist, können sie auch eher anderen helfen, sich zu retten.


Kälte größte Gefahr
Noch steht die Gruppe aber etwas ratlos vor den Stapeln ebenfalls knallroter Überlebensanzüge. Von Kopf bis Fuß soll das Neopren sie im Notfall vor Unterkühlung schützen, „der größten Gefahr“, wie Schimmelpfennig erklärt. „Nur fünf Minuten im fünf Grad kalten Nordsee-Wasser schmälern die Überlebenschancen schon deutlich.“ Der Brasilianer Matheus ist der erste, der es in den Anzug geschafft hat: Von den Stiefeln geht es nahtlos bis zu den Handschuhen hoch, die Kapuze wird auch noch über den Kopf gezogen, der Kragen hoch geschlossen, nur Augen und Nase schauen noch aus dem Rot heraus. Wie ein Teletubbie watschelt er zum Beckenrand und lässt sich ins Wasser fallen. Viel Bewegungsfreiheit lässt der Überlebensanzug nicht.

Matheus rudert im Wasser ziellos mit den Armen um sich herum, doch unter geht er nicht. „Das macht richtig Spaß“, sagt er und grinst. Die Luftbläschen, die im Anzugmaterial eingeschlossen sind, halten ihn an der Oberfläche. Und das ist extrem wichtig – vor allem für die vielen Nichtschwimmer unter den Crewmitgliedern. Allein von den 15 Teilnehmern dieser Gruppe können fünf nicht schwimmen.

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Delroy gehört zu diesen Nichtschwimmern. Im Überlebensanzug muss er auf das Drei-Meter-Sprungbrett klettern. Im Vergleich zu einem Sprung aus einem 14-stöckigen Kreuzfahrtschiff ist der Sprung vom Dreier ein kleiner Hopser, dennoch steht er dort oben ganz verkrampft, sichert sich mit Blicken nach rechts und links gründlich ab, bevor er dann mit zusammengekniffenen Augen den Hopser in die Tiefe wagt.


Viele Nichtschwimmer
Das Wasser spritzt bis zum Beckenrand, doch Delroys Kopf taucht genauso schnell wieder auf, wie er untergetaucht war. Dann strampelt er sich zum Ufer. „Das Training gibt mir Sicherheit, Vertrauen. Ich weiß jetzt, wie die Schwimmweste und der Anzug funktionieren, dass sie funktionieren und dass ich keine Angst haben muss.“

Für den Notfall wollen die Dozenten des Maritimen Kompetenzzentrums solch einen Sprung ins Wasser selbst guten Schwimmern nicht empfehlen. „Das ist nur die letzte Lösung. Man sollte immer versuchen, trockenen Fußes vom Schiff ins Rettungsboot zu kommen“, sagt Schimmelpfennig. Dennoch kommt es immer wieder vor, das Passagiere sich durch den Sprung ins Wasser retten wollen, wie jetzt beim Unglück der „Costa Concordia“. „Da entsteht Panik. Da handelt keiner durchdacht. Sie sehen das Ufer und denken sich: Das schaffe ich!‘ Doch vergessen sie Wind, Wellen und vor allem die Kälte.“

Ein paar Straßen weiter, im hauseigenen Trainingszentrum des Marikom, könnte die „Disney Fantasy“-Crew auch unter solchen Bedingungen trainieren: In dem Schwimmbecken können unter anderem meterhohe Wellen erzeugt werden. Doch das ist nichts für Nichtschwimmer, aus dem Offshore-Training würden selbst angehende Schiffsoffiziere manchmal aussteigen, erklärt Schimmelpfennig. „Sicherheit geht vor – auch beim Sicherheitstraining.“

 @ Ein Spezial zu Luxuslinern unter http://www.NWZonline.de/luxusliner




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