Filmfest:
20 Jahre Filmfest Oldenburg - Ein Rückblick

Am Anfang stand eine verrückte Idee zweier Filmfans. Viele Jahre später hat sich das Festival für Cineasten in der Filmwelt etabliert.

Oldenburg In einer rauchigen Kneipe hatten zwei Filmfans eine verrückte Idee: Wir gründen unser eigenes Filmfest! Mittlerweile gibt es das Oldenburger Filmfest seit 20 Jahren – und jede Menge Geschichten dazu zu erzählen.

1994: Der Anfang

Weil ihnen das Filmfest in München so gut gefallen hat, gründen die Studenten Torsten Neumann und Thorsten Ritter in Oldenburg ihr eigenes Festival. Die Hauptstadt-Presse lobt den „nicht unkühnen Versuch, aus der Peripherie gegen Venedig anzustinken“.

1995: Puppenspiele

Ein erster Weltstar reist an: Puppenspieler Frank Oz. Beim Filmfest-Dinner erkennt ihn nicht sofort jeder Gast, aber Oz hilft gern: „Kennen Sie Ernie & Bert aus der Sesamstraße? Ich bin Bert!“ Miss Piggy von den „Muppets“ war er übrigens auch. Und Meister Yoda aus „Star Wars“.

1996: Roter Teppich

Zum ersten Mal fahren Limousinen vor dem Wallkino vor: Iris Berben, Peter Lohmeyer und Udo Samel präsentieren mit großem Bahnhof das „Kondom des Grauens“. Das Interesse am Festival steigt, am Ende vermelden Neumann und Ritter stolz 7500 Besucher. Die Zahl soll sich verdoppeln . . .

1997: Hollywood

Es gibt ein Foto aus dem Jahr 1997, das Neumann und Ritter mit Zigarre und einem Glas Brandy zeigt – aufgenommen nach ihrer ersten Zusage aus Hollywood. Matthew Modine („Full Metal Jacket“) zeigt in Oldenburg „The Maker“ und verliebt sich ins Festival. Er kommt nun regelmäßig.

1998: Massenandrang

Es muss nicht immer Hollywood sein: Til Schweiger, Schauspieler aus Freiburg, setzt die bis heute gültige Glamour-Rekordmarke. Mehr als 1000 Schaulustige drängen sich vor dem Wallkino, die Polizei muss den Wallring sperren, der Busverkehr wird umgeleitet.

1999: Skandal

Thorsten Ritter zieht nach Bayern, Torsten Neumann leitet das Filmfest erstmals allein. Und er eckt prompt an: Mit einer Porno-Reihe und Busenwunder Stacy Valentine sorgt er bundesweit für Schlagzeilen – und verärgert einige Sponsoren. Dafür gewinnt er Musiker Bela B. (Die Ärzte): Der Porno-Fan wird Oldenburg-Stammgast.

2000: Emmanuelle

Sie tritt ganz sanft auf, leise, zurückhaltend – und zieht trotzdem alle Blicke auf sich: Sylvia Kristel, die als „Emmanuelle“ zum Sinnbild der sexuellen Revolution und weltberühmt wurde. In Oldenburg stellt sie mit Ellen van Damme den Film „An Amsterdam Tale“ vor. Kristel stirbt 2012.

2001: Gerettet

Wenige Minuten nach den Anschlägen vom 11. September klingelt bei Torsten Neumann das Telefon: „Oldenburg hat mir das Leben gerettet!“, ruft Douglas Buck in den Hörer. Wegen des Festivals war der Regisseur später als geplant nach New York zurückgeflogen – sein Büro im 79. Stock des World-Trade-Centers blieb leer an diesem Tag.

2002: Heimspiel

Erstmals darf ein Oldenburger das Filmfest eröffnen: Sven Taddicken zeigt sein Spielfilmdebüt „Mein Bruder, der Vampir“. Er wollte mit dem Fahrrad zur Premiere radeln, wurde aber in Osternburg vom Filmfest-Team gestoppt. Als Regisseur habe er stilecht in einer Limousine vorzufahren, beschied man ihm.

2003: Kostümfest

Das Filmfest ist nicht mehr zu übersehen: Jon Jacobs wirbt in der Stadt mit Perücke und Plateau-Schuhen als Elvis für seinen Film „Hey DJ“, Curtis Hannum mit langem Bart und Sandalen als Gott für „The Real Old Testament“. Die Boulevard-Presse regt sich derweil über Skandalfilmer Larry Clark auf: „Sex-Schocker in Oldenburg!“

2004: Im Theater

Das Filmfest wird immer seriöser: Erstmalig lädt es zur Gala ins Große Haus des Staatstheaters ein. Hollywood-Schauspieler und -Regisseur Tim Blake Nelson („Der schmale Grat“, „Minority Report“) stellt dort sein Holocaust-Drama „Die Grauzone“ in einer Deutschlandpremiere vor. Das Publikum ist tief bewegt.

2005: Partylöwen

Aus Hollywood reisen die Brüder Andrew und Luke Wilson an und lassen keine Filmfest-Party aus. Böse Zungen behaupten, die beiden wüssten bis heute nicht, dass sie je in Oldenburg waren. US-Kollege Christopher Coppola brummt derweil mit der Harley durchs Oldenburger Land, um Rezepte für seine Fernseh-Koch-Show zu sammeln.

2006: Hinter Gittern

Das Filmfest geht ins Gefängnis: Peter Fleischmann zeigt in der JVA die Doku „Mein Freund, der Mörder“. Hauptdarsteller Bernhard Kimmel, der 31 Jahre in Haft saß, kehrt für die Premiere in den Knast zurück. Diesmal darf er nach zwei Stunden wieder raus, die meisten Zuschauer ebenfalls.

2007: Erster Stern

Ein echter Oscar-Gewinner beehrt das Filmfest: Volker Schlöndorff („Die Blechtrommel“) stellt im Staatstheater seinen Film „Ulzhan“ vor. Auch draußen hält man mit Hollywood mit: Oldenburg hat jetzt einen eigenen „Walk of Fame“, der erste Stern gehört Stacy Keach („Mike Hammer“).

2008: Westerhagen

Auf dem Roten Teppich suchen die Reporter nicht Hollywood, sondern Ganderkesee: Dort kommt nämlich Neele Leana Vollmar her, die mit „Friedliche Zeiten“ das Filmfest eröffnet. Richtig prominent wird es einen Tag später: Marius Müller-Westernhagen präsentiert Westernhagen-Filme.

2009: Ganz vorne

Oldenburg? Oldenburg! In Venedig spricht alles über Oldenburg: Ausgerechnet während des berühmten Festivals macht das Fachblatt „Variety“ Neumanns Filmfest zum Titelthema. Der „Hollywood-Reporter“ zieht nach und schreibt über Filme im Knast und Suppe bei Monse.

2010: Ärger

Das Filmfest muss in diesem Jahr auf Zuschüsse in Höhe von 40.000 Euro verzichten, gleichzeitig gibt die Stadt 40.000 Euro für einen neuen Froschteich aus. Das Filmfest scherzt darüber im Festival-Trailer – und verscherzt es sich so mit SPD und Grünen. Man streitet sogar vor Gericht .

2011: Rekorde

Mehr als 15.000 Besucher, 90 Journalisten, Stars wie Matthew Modine, „Rambo“-Regisseur Ted Kotcheff und Inger Nilsson („Pippi Langstrumpf“) – Filmfest 18 wird ein Erfolg. Aber in der Luft hängt Neumanns Drohung, mit dem Festival wegen der Finanznöte nach Bremen zu ziehen.

2012: Großer Sieger

Das Filmfest ist noch da – und es zeigt der Stadt, was es kann: Von Oldenburg aus beginnt der Triumphzug von „Oh Boy“. Der Film von Jan-Ole Gerster gewinnt zunächst in Oldenburg alle wichtigen Preise, um anschließend sechs „Lolas“ beim Deutschen Filmpreis abzuräumen.

Leserkommentare

Kommentieren Sie diesen Artikel

Das könnte Sie auch interessieren

Über den Autor

Karsten Krogmann

Redakteur
Reportage-Redaktion
Tel.: 0441 9988 2020
Fax: 0441 9988 2047

Artikel

Mehr zu ...

Mehr zu den Themen ...

Mehr aus diesem Ressort