Rechtschreibung:
Alle Befürchtungen bestätigt

Reformgegnerin Gabriele Ahrens im Rückblick resigniert

Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann, Carsten Ahrens, hatte sie die Initiative „WIR gegen die Rechtschreibreform“ gegründet. Trotz des Misserfolgs möchte sie die Zeit nicht missen.

Oldenburg Zehn Jahre lang hatten Gabriele Ahrens und Dr. Carsten Ahrens „viel Geld und Nerven“ investiert und einen letztlich aussichtslosen Kampf geführt, um „Kinder vor Unsinn zu bewahren“. Nur um heute feststellen zu müssen, „dass das Chaos so eingetroffen ist, wie wir es vorhergesagt haben“. Das bereite ihr allerdings keinerlei Genugtuung, stellt die engagierte Rechtschreibreform-Gegnerin entschieden klar. Es habe vielmehr zu einer gewissen Resignation geführt.

Tausende Zuschriften

Gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann und vielen prominenten Unterstützern hatte die 54-Jährige, die heute in Oldenburg lebt, im Jahr 1996 die landesweite Initiative „WIR gegen die Rechtschreibreform“ gegründet mit dem Ziel, 70 000 Unterschriften für eine Volksinitiative zu sammeln. Die Resonanz war überwältigend. Tatsächlich erreichte das Ehepaar einen einjährigen Aufschub der Reform, scheiterte am Ende jedoch. Auch ein zweiter Anlauf 2004 hatte keinen Erfolg.

Dennoch will Gabriele Ahrens diese Zeit nicht missen: „Ich habe viele Erfahrungen gesammelt und tolle Menschen kennengelernt.“ Allein diese Bewegung zu spüren, sei ein Erlebnis gewesen – „wir bekamen Tausende von Zuschriften“. Die Hoffnung haben sie nie aufgegeben – bis klar wurde, dass auch die Politik sie nicht länger unterstützen würde.

Ihre Desillusionierung im Hinblick auf Politiker habe dazu geführt, dass sie jahrelang nicht mehr wählen gegangen sei, sagt sie. Dabei fällt ihr der Name Christian Wulff ein, der fünfmal versprochen habe, sich für die Rücknahme der Reform einzusetzen, und „fünfmal umgefallen ist“. Als er schließlich Ministerpräsident von Niedersachsen war, sei lediglich ein Schreiben gekommen mit dem lapidaren Hinweis, dass sich die Zeiten halt ändern würden.

Auch die Klage ihrer Tochter Josephine gegen die Rechtschreibreform war vom Verwaltungsgericht Hannover abgewiesen worden. Die damals 16-Jährige hatte sich in ihren Rechten verletzt gesehen, weil die alte Schreibweise in der Schule als Fehler bewertet werden sollte. In der Praxis jedoch durfte sie bei ihrer Schreibweise bleiben, wie die 54-Jährige erzählt. Auch hier habe man das große Ziel, etwas für alle Schüler durchzusetzen, nicht erreicht, bedauert sie. Josephine macht inzwischen ihr Abitur am Oldenburg-Kolleg.

Rückblickend glaubt Gabriele Ahrens, dass die Rechtschreibreform eine Lawine losgetreten habe, die letztlich dafür verantwortlich sei, dass heutzutage in E-Mails oder SMS keiner mehr auf korrektes Deutsch achte: „Wie wir schreiben, ist nicht mehr wichtig, Hauptsache, die Botschaft kommt an.“ Wohin diese Einstellung führe, erlebe sie tagtäglich an der Universität Oldenburg, wo sie in der Drittmittel-Verwaltung bei der European Medical School arbeitet. „Was die Studenten zusammenschreiben, ist mitunter haarsträubend.“

So ganz hat die Reformgegnerin ihre Hoffnung aber immer noch nicht aufgegeben: Ganz allmählich, mit den Jahren, werde die Sprachgemeinschaft wieder zur bewährten Schreibweise zurückkehren. „Am Ende wird nur noch das Doppel-S übrig bleiben.“

Roman veröffentlicht

Sie selbst hat inzwischen einen Roman geschrieben – eine Mischung aus Krimi, Psychothriller und Legendenerzählung –, der 2007 im Oldenburger Schardt-Verlag erschienen ist. Für einen kleinen Verlag sei es schwer, einen neuen Autor aufzubauen, sagt sie nüchtern, ohne viel Zuversicht in eine Fortsetzung. Aber sie blieb ihrer Überzeugung treu: „Nächtliche Reise“ wurde nach den klassischen, „bewährten“ Schreibregeln verfasst.

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Regina Jerichow

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