Opferschicksal
Wenn Frauen nur zuschlagen können
Eine Mutter berichtet über ihre Aggressionen den Töchtern gegenüber
Eine Mutter berichtet über ihre Aggressionen den Töchtern gegenüber
OLDENBURG Marika Bach (Name geändert) ist eine freundliche Frau mit dunklen Haaren. Anfang 40, hilfsbereit und zuvorkommend. Aufmerksam selbst in kleinen Dingen. Dass sie ein zweites Gesicht haben kann, würde niemand glauben. „Gewalt von Frauen, das ist noch immer ein Tabu-Thema“, erklärt sie. Über Jahre hat sie ihre beiden Töchter täglich geschlagen, hatte ihre Aggression nicht unter Kontrolle. „Schon während ich ausholte, habe ich mich selbst gehasst – und trotzdem zugeschlagen.“
Nun möchte sie anderen Frauen helfen, die ähnliche Probleme mit Aggressionen haben und gründet eine Selbsthilfegruppe. Frauen, die sich angesprochen fühlen, sollten mindestens 16 Jahre alt sein (Kontakt über Bekos unter Tel.88 48 48).
Marika Bachs Geschichte beginnt in ihrer Kindheit: Der Vater verunglückte, als sie klein war. Das Mädchen kränkelte viel, daher gab ihr ein älterer Freund der Mutter Mathe-Nachhilfe. Und nicht nur das. Während Marika addieren übte, habe er plötzlich gesagt, gehen wir ein bisschen kuscheln. Das Mädchen war neun Jahre alt, als er es – eine Hautcremedose immer zur Hand – zum ersten Mal missbrauchte. In der Schule kam die Kleine nicht mehr gut mit. Zu Hause setzte es von der Mutter etwas mit dem Kochlöffel, wenn sie die Dinge nicht schnell genug begriffen hatte. „Ich bin mit Gewalt groß geworden“, sagt sie.
Mit elf Jahren habe sie sich der Mutter anvertraut. Die Familie zog zwar weg, doch die Mutter blieb mit dem Mann in Kontakt. So fand er immer wieder Gelegenheiten, Marika zu berühren oder zwischen die Beine zu greifen. „Mit 14 hatte ich meinen ersten Nervenzusammenbruch“, berichtet sie. Noch heute kann sie den Anblick einer Hautcremedose nicht ertragen, weil sie alles von damals wieder riechen und spüren kann.
Marika schaffte trotzdem ihren Hauptschul- und ihren Handelsschulabschluss. Drei Tage vor ihrem 18. Geburtstag zog sie zu Hause aus, suchte sich wahllos Freunde. „Ich hatte oft mehrere Männer gleichzeitig.“ Nicht zuletzt, um sich zu beweisen, dass sie „geliebt“ wird.
Mit Anfang 20 heiratete Marika den Mann, mit dem sie auch heute – 20 Jahre später – noch verheiratet ist. „Er ist mit mir durch alle Höhen und Tiefen gegangen.“ Die beiden Töchter kamen schnell hintereinander innerhalb von zwei Jahren. „Ich hatte für mich den Anspruch, alles sollte perfekt sein“, erinnert sie sich an jene Zeit. Doch das war es nicht, wenn die Mädchen schrien, schlug sie sie auf die Windeln oder warf sie auch schon mal ins Bettchen. Sie hämmerte mit den Fäusten auf die Babykommode und brüllte: „Was wollt ihr alle von mir?“
Sie lud Mütter zu sich ein oder besuchte andere, damit sie sozusagen unter sozialer Kontrolle war. Ihr beruflich eingespannter Mann habe einfach den Eindruck gehabt, die Kinder seien stressig.
Als das ältere Mädchen fünf Jahre alt war, bekam es so eine Ohrfeige, dass es am nächsten Tag mit einem blauen Fleck am Kinn in den Kindergarten gehen musste. Nach Auskunft von Marika Bach hat sie auch selbst das Jugendamt eingeschaltet. Das Mädchen kam sechseinhalb Wochen in die Kinderpsychiatrie. Es gab Familienberatungsgespräche. „Dann dachten alle, es sei okay. Aber das war es nicht.“ Kontrolliert worden sei sie dann nicht mehr. Und natürlich habe sie Angst gehabt, dass die Kinder weggenommen werden.
Für die Mädchen sei es die Hölle gewesen, sagt sie heute denn sie hätten nie gewusst, ob Mama sie schlage oder in den Arm nehme. Einmal habe sie ihre Tochter sogar gebissen. Auch den Lehrern in der Grundschule habe sie gesagt, dass sie ihre Kinder schlage. Als die Mädchen größer waren, habe sie wieder das Jugendamt eingeschaltet. Die Große sei mit 14 von zu Hause abgehauen und zu Freunden gezogen. Die Kleine habe viel geweint.
Bei einem Gewaltpräventionsabend in der Schule habe sie dann eine Mitarbeiterin des Jugendamtes kennengelernt, die ihr geholfen habe. Beide Mädchen kamen umgehend in Heime und blieben lange dort, bis sie wieder nach Hause durften. „Von da an wurde es besser“, erklärt sie. Sie habe immer wieder Xavier Naidoo gehört und gefühlt, dass das Lied „dieser Weg wird kein leichter sein“, ihr Song sei. Ganz, ganz langsam sei es bergauf gegangen – und zwar mit Hilfe des Jugendamtes. „Ich habe damals in der Akutphase eine Selbsthilfegruppe gesucht und keine gefunden. Daher will ich heute eine gründen für aggressive Frauen, die einen Ausweg suchen.“
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Über den Autor
Sabine Schicke
Redaktion Oldenburg
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Fax: 0441 9988 2109
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