Zivilcourage:
Oldenburger verliert nach mutiger Tat seinen Job

Ein Taxifahrer will eine Prügelei vor einem Flüchtlingsheim schlichten. Und verhindert so, dass ein Mann tot geschlagen wird. Die Polizei lobt den 25-Jährigen in höchsten Tönen. Die Reaktion seines Chefs: „Du bist entlassen“.

Oldenburg Sein vorbildliches Eingreifen hat für einen Taxifahrer unglaubliche Konsequenzen gehabt: Tanju Coruh verhinderte durch seinen beherzten Einsatz, dass ein Mensch totgeprügelt wurde. Während die Polizei den 25-Jährigen für seinen Einsatz in höchsten Tönen lobt, hat sein Arbeitgeber offenbar kein Verständnis für die gute Tat und den damit verbundenen kurzzeitigen Arbeitsausfall. Der Chef eines aufstrebenden größeren Taxiunternehmens aus Ofenerdiek kündigte seinem Mitarbeiter.

Kommentar: Vorbildlich verhalten

Beherztes Eingreifen hat manchmal schlimme Folgen. Eine junge Studentin aus Hessen bezahlte ihre Zivilcourage erst kürzlich mit dem Leben. Unsere Gesellschaft braucht aber den Mut des Einzelnen. Wegschauen ist keine Option. Oldenburg darf sich glücklich schätzen, dass couragierte Menschen hier leben. Taxifahrer Tanju Coruh ist das beste Beispiel dafür. Er handelte nach dem Motto des örtlichen Präventionsrats: „Schau hin! Sag was! Tu was!“.

Der Oldenburger mit türkischen Wurzeln hat sich vorbildlich verhalten, als er unerschrocken in die Auseinandersetzung zwischen den beiden Flüchtlingen eingriff. Dadurch rettete er einem 36-jährigen Mann vermutlich das Leben.

Ein Chef müsste normalerweise stolz auf solche Mitarbeiter sein. Anstatt eines Rauswurfs wäre ein großes Dankeschön die richtige Reaktion gewesen. Vielleicht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Der Vorfall spielte sich, wie erst an diesem Freitag bekannt wurde, bereits am Freitag vergangener Woche ab. Auf dem Parkplatz vor der Flüchtlingsunterkunft am Schützenweg waren gegen 13 Uhr zwei Asylbewerber in Streit geraten. Ein 19-jähriger Marokkaner soll plötzlich mit großer Wucht zugeschlagen haben. Er traf sein Gegenüber, einen 36-jährigen Asylbewerber von der Elfenbeinküste, im Gesicht. Der Westafrikaner fiel zu Boden und verlor das Bewusstsein. Dennoch soll der 19-Jährige danach mehrfach gegen den Kopf des Opfers getreten haben.

In diesem Moment kam Tanju Coruh hinzu. Der 25-jährige gelernte Einzelhandelskaufmann fährt seit einigen Monaten für den Ofenerdieker Betrieb. Als Aushilfsfahrer verdient sich der Oldenburger etwas Geld dazu.

Coruh, der an dem Tag gerade einen Fahrgast beim benachbarten Seniorenzentrum Haarentor abgeliefert hatte, wurde auf die Auseinandersetzung aufmerksam. Er stoppte sein Taxi, stieg aus und mischte sich ein. „Ich schrie den jungen Mann an, dass er aufhören solle“, berichtet Coruh. Tatsächlich ließ der äußerst aggressive Schläger von seinem schwer verletzten Opfer ab und verschwand mit einem zweiten Mann.

Zunächst kümmerte sich der Taxifahrer um den Verletzten. „Der Mann war nicht ansprechbar und blutete aus der Nase“, schildert Coruh seine Eindrücke. Über Notruf alarmierte er die Polizei, dann nahm er die Verfolgung auf. Er sah aber nur noch, wie der Flüchtende vom Schützenweg in eine Seitenstraße einbog.

„Du bist entlassen“

Als kurze Zeit später die Polizei eintraf, war der 25-Jährige Taxifahrer als Zeuge gefragt. Anhand von Bildern konnte er später auch den mutmaßlichen Täter identifizieren. „Zwischendurch meldete sich mehrmals meine Zentrale und drängte, dass ich weitere Touren fahren solle. Das ging aber nicht, weil die Polizei mich zum Amt am Friedhofsweg mitnahm, um ein Protokoll aufzunehmen“, erzählt Coruh den weiteren Fortgang. Als ein Polizeibeamter ihn später zurück zum Schützenweg brachte, erlebten die Männer eine Überraschung. Das auf dem Parkplatz abgestellte Taxi war verschwunden. Diebe waren nicht im Spiel. Der Inhaber des Taxibetriebs hatte das Auto abholen lassen, um es für neue Fahrten einzusetzen.

In Begleitung des Polizisten betrat Tanju Coruh kurz darauf die Taxizentrale in Ofenerdiek. Es sei zu einem Wortgefecht mit dem Firmenchef gekommen. „Ich habe erklärt, dass es um ein versuchtes Tötungsdelikt ging, aber das interessierte meinen Chef nicht. Er sagt: „Du bist entlassen‘“, berichtet Fahrer Coruh. „Natürlich war das für mich ein Schock. Ich habe doch nur meine Pflicht als Bürger getan.“

Für die NWZ  war der Inhaber des Taxibetriebs am Freitag nicht zu sprechen. Auf Anfrage hieß es, der Chef sei erst nächste Woche wieder erreichbar.

Worte fand aber Remmer Witte, Sprecher der Oldenburger Taxifahrer: „Auch bei Unternehmern liegen die Nerven in der Hochsaison manchmal blank. Aber eine solche Entscheidung ist natürlich inakzeptabel und wird auch sicherlich zurückgenommen werden, wenn sich die Gemüter beruhigt haben.“

Polizei ist entsetzt

Polizeisprecher Mathias Kutzner bezeichnete Coruhs Einsatz als ein „herausragendes Beispiel für Zivilcourage“. Über das Verhalten des Taxibetriebs sei die Polizei aber entsetzt.

Der mutmaßliche Schläger konnte an diesem Freitagmorgen von Fahndern der Polizei gefasst werden. Sie verhafteten den 19-Jährigen in der Flüchtlingsunterkunft.

Dem Opfer geht es inzwischen etwas besser. Er hat mehrere Brüche im Gesicht erlitten.

Leserkommentare

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  MichaelReins 15.12.2014, 12:54:56
@ shohula

Also gehe ich davon aus das auch Sie die Meinung vertreten, das ein Menschenleben nicht so viel wert sein kann wie eine weitere Tour?

Was bitte ist denn daran eine voreilige Schuldzuweisung?
Herr Coruh hat einem menschen in einer durchaus Lebensbedrohlichen Situation geholfen, die Polizei informiert die ihrerseits die ganze Angelegenheit aufnehmen musste.
Und zu guterletzt ist ihm dann das Taxi "entwendet" worden".

Was bitte ist hier nicht ganz klar?

Schade das ich kein Unternehmen habe, denn das würde ich Herrn Coruh einstellen; da bekäme ich einen aufrichtigen Menschen in mein Unternehmen, der nicht nur ausschließlich an sich denkt und ohne weiter zu überlegen, einschreitet, wenn jemand in Not ist.

"Bevor es zu voreiligen Schuldzuweisungen oder Vorverurteilungen kommt[...]"

Ich hoffe inständig, das Sie das nicht wirklich ernst meinen.
  wespol 15.12.2014, 10:57:29
shohula hat sicher Recht. Nur die Chance wurde augenscheinlich nicht genutzt.
So bedauerlich es für die Beschäftigten ist, aber da hilft nur eines: Andere Unternehmen buchen!
  shohula 15.12.2014, 10:20:40
Bevor es zu voreiligen Schuldzuweisungen oder Vorverurteilungen kommt, sollte man auch die andere Seite hören. Was sagt der Taxichef selbst dazu?
  postmatze 15.12.2014, 08:59:09
Aua...nicht gerade gute Firmenwerbung.

  MichaelReins 15.12.2014, 00:56:24
Dieser "Chef" ist in meinen Augen eine ganz erbärmliche Figur, denn wenn es um ausgefallene Touren geht und er finanziellen Verlust erlitten hat, sollten wir unbedingt für ihn sammeln damit er nicht verarmt.
Er hat doch richtig gehandelt, denn immerhin ist doch nur ein Menschenleben gerettet worden; er aber hat weniger Einnahmen. da muß man den Fahrer sofort und unverzüglich kündigen; ich würde ihn noch auf Schadenersatz verklagen, damit Herr Coruh auch versteht, das Einkünfte vor Menschenleben gehen.
Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach einen Menschen aus einer Lebensgefährlichen Situation rettet...

Solchen Unternehmern sollte man... ach ich lasse es, sonst sage ich womöglich noch unschöne Dinge.

Über den Autor

Rainer Dehmer

Oldenburg
Redaktion Oldenburg
Tel.: 0441 9988 2106
Fax: 0441 9988 2109

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