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Archäologie In Oldenburg:
Auf der Suche nach stummen Zeitzeugen

Oldenburg „Wahre Schatztruhen“, jubeln sie beim Anblick alter Mistkuhlen, vergessener Abfallhaufen und ausrangierter Kloaken. Am liebsten buddeln sie mit kleinen Schaufeln in sandig-trockener oder lehmig-feuchter Erde. Ein seltsames Völkchen sind Archäologen deshalb noch lange nicht, ein Teil ihrer wissenschaftlichen Arbeit besteht nun einmal darin, im Dreck zu wühlen. Die Zeugnisse der Geschichte liegen für sie im Sand unter dem Pflaster – und aus dem haben sie auch in Oldenburg manch Erstaunliches zu Tage gefördert.

Funde und Grabungen seit 1977 in Oldenburg

1977: Fund der Goldscheibenfibel nahe Famila-Center Wechloy

1978/79: Marktplatz-Umgestaltung zum Teil der Fußgängerzone; entdeckt werden Zeugnisse früher Bebauung (Pfähle etc.)

1984/85: Restaurierung des Schlosses belegt frühere Anlage des Bauwerks

1988: Stadtmauer-Fund beim Bau der Elisenstraße

1989/90: Bau Lambertihof fördert Zeugnisse des Alltags in der mittelalterlichen Altstadt zu Tage

1991: Stadtmauer-Fund am Grundstück Staulinie 14

1994: Stadtmauer-Fund beim Bau des Handelshofes (Staulinie 15-17)

1994 und 1996: Stadtmauer-Funde am Pulverturm

2004: Bau Theaterhöfe an der Burgstraße; man findet Backsteinbrunnen, eine Zisterne, Keramik und eine Fibel aus der vorrömischen Eisenzeit

2006: Stadtmauer-Fund an der Langen Straße

2007: Grabung am Heidenwall in Drielake

2008: Der Herdgrubenplatz am Bloherfelder Anger wird freigelegt

2008: Stadtmauer-Fund am Heiligengeistwall

2008: Bau der Schlosshöfe auf dem ehemaligen Berliner Platz; zahllose Funde von Alltagsgegenständen (z.B. Schuhsohlen) sowie Entdeckung des Fundaments des Hoffinanzgebäudes (erbaut 1737/38)

2009: Stadtmauer-Funde an der Staulinie 6-21 sowie vor dem Stautorkreisel

2011: Neugestaltung des Schlossplatzes; man findet Mauern des früheren Zeughauses (Bau vor 1750), vollständig erhaltene Gefäße, Kacheln und anderes

2013: Stadtmauer-Fund zwischen Heiligengeistwall und Waffenplatz

Viele der Fundstücke lagern in den hiesigen Museen (vor allem Landesmuseum für Natur und Mensch); andere sind in den 19 verglasten Vitrinen zu sehen, die an verschiedenen Stellen der Innenstadt in den Boden eingelassen worden sind.

Durchaus mit etwas Stolz hat die Bezirksarchäologin Jana Esther Fries deshalb in einem Buch, das im September 2015 erschien (NWZ berichtete), Bilanz gezogen. Zusammen mit Geschichtsstudentinnen und -studenten lässt sie in „Auf Spurensuche mit Bagger und Pinsel“ wichtige Ausgrabungen im Stadtgebiet seit 1977 Revue passieren. Kurzes Fazit: Im Oldenburger Boden stecken mehr als Grünkohl-Reste.

Das Problem der hiesigen Grabungsexperten: Die Altstadt zwischen Schloss und Lappan ist komplett bebaut, Schaufel, Kelle und andere Gerätschaften für ein sensibles Buddeln müssen darauf warten, dass ein Gebäude abgerissen wird. Oder sie hoffen auf den Freund aller (Altertums-)Forscher, den Zufall.

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Schon in den 1950er Jahren trat der Kollege Zufall zweimal in Aktion. Da fanden Laien beim Umgraben eines Grundstücks an der Weserstraße eine – zugegeben - schlecht erhaltene Münze (Messingsesterz) aus der Zeit Kaiser Claudius‘ (Regent von 41-54 n. Chr.). Und dann entdeckte ein Unbekannter in Etzhorn eine kleine Bronzefigur des griechischen Helden Aktaion aus dem 3. Jahrhundert.

Spektakulär war der „Schatz von Wechloy“, den Archäologie-Kollege Zufall in Person eines 18-jährigen Schülers im März 1977 entdeckte. An einem frisch umgepflügten Grabenufer nahe dem neuen Famila-Center am Posthalterweg fand er eine reich verzierte goldene Kleiderspange (rundes Bild rechts). Der Junge gab sie ans Landesmuseum im Schloss weiter, und dort staunte man nicht schlecht: Es handelte sich um eine wahrscheinlich im 9. Jahrhundert in Oberitalien hergestellte Goldscheibenfibel mit vielen Verzierungen; es gibt nur sechs vergleichbar Schmuckstücke in ganz Europa. Solche „Streufunde“ sind für Oldenburger Archäologen unerwartete Ergänzungen ihrer regulären Arbeit im Außenbereich. Die wird bestimmt vom Zeittakt, den der Eigentümer der teuren Altstadt-Flächen vorgibt. „Notgrabungen“ (was dramatischer klingt, als es ist) sind fast an der Tagesordnung: Meistens ein paar Wochen, seltener mehrere Monate lang dürfen die Teams schauen, was im Boden steckt. Danach möchte der Investor endlich bauen – hoch, nicht tief.

Die ebenso fixe wie konzentrierte Arbeit der Archäologen im Bauloch wurde über viele Jahre hinweg begleitet von einem „Wiedergänger“: die standfeste Stadtmauer, große Unvollendete der Oldenburger Geschichte. Seit Mitte des 14. Jahrhunderts war an ihr gebaut worden, und rund 100 Jahre später gab es wahrscheinlich weiterhin Löcher. Es war eben schon damals etwas teurer, gut gesichert zu sein.

Dennoch ist das Bauwerk aus Ziegeln, Mörtel und Holz allgegenwärtig. Der Pulverturm als bekanntester Teil der Wehranlage war zwar nie verschwunden (weil die Fürsten ihn später als Eiskeller nutzten), aber auch unter der Oberfläche war sie erhalten geblieben.

Das zeigte sich im Jahr 1988: Damals wurde die Elisenstraße als Verbindung von der Staulinie zur Langen Straße angelegt, genau dort, wo man Mauerreste im Boden vermutete. Was zutraf: In zwei Metern Tiefe stieß man auf ein Fundament der mittelalterlichen Stadtmauer. Mehr noch, auch ein Wehrturm konnte nachgewiesen werden, der so genannte „Rote Turm“.

Drei Jahre später gab es mehr Stadtmauer, diesmal im Bereich des Grundstücks Staulinie 14. Und als 1994 die Handelshof-Passage gleich nebenan gebaut wurde, zählten die Grabungsexperten erneut viele Ziegel. Weitere Ziegelformationen fand man im unmittelbaren Umfeld des Pulverturms (1994 und 1996).

Das stadtgeschichtsinteressierte Publikum durfte sich aber auch im neuen Jahrtausend auf die Stadtmauer freuen. 2006 in der Langen Straße, 2008 am Heiligengeistwall, 2009 erneut an der Staulinie (plus am Stautorkreisel) und 2013 schließlich zwischen Heiligengeistwall und Waffenplatz – überall wurden Reste der Stadtmauer gefunden, bisweilen unter abenteuerlichen Umständen in Matsch und Wasser. Fragen bleiben trotzdem, Höhe und oberer Abschluss der Mauer sind unklar.

Da ließ die Rettungsgrabung in den Jahren 1989/90 mehr Rückschlüsse zu. Auf rund 2000 Quadratmetern durfte damals auf der Fläche der aufgegebenen Markthalle am Rathaus gebuddelt werden; hier wurde anschließend der heutige „Lambertihof“ errichtet. Acht Wochen lang arbeitete sich das Team von Grabungsleiter Jörg Eckert in den Boden und förderte vieles aus Mittelalter, früher und moderner Neuzeit ans Licht. Ein Ergebnis: Überall in diesem Altstadtbereich gab es Brunnen. Fürs Archiv vorgesehen waren derweil die Holzschalen und –spindeln (13. Jahrhundert) sowie Reste von Steinzeug-Keramik und Irdenware (14. Jahrhundert). Am Ende war klar: Oldenburgs Mitte war von jeher städtisch dicht und voll von Einwohnern.

Die vielleicht populärsten Ausgrabungen standen den Oldenburgern da aber noch bevor: 1. Die Wiederentdeckung des „Heidenwalls“, der womöglich ursprünglichen Oldenburger Burg, im Jahr 2007, nahe den heutigen Firmengebäuden von Ikea und Schenker; 2. der Nachweis eines Herdgrubenplatzes am Bloherfelder Anger (Herbst 2008); 3. die monatelangen und von vielen Zaungästen verfolgten Grabungen im Bereich des Berliner Platzes für die „Schlosshöfe“ (Frühjahr bis Herbst 2008). Am weitesten zurück ging es dabei am Bloherfelder Anger: Siedlungsspuren (Feuersteine, Feuerstellen) aus der Zeit von 7161 bis 4148 v. Chr. wurden entdeckt.

Von für den Laien handfesterer Natur war dagegen der Heidenwall, dessen beeindruckende hölzerne Fundamente am Hunteufer in Drielake auf 1032 bzw. 1042 datiert werden konnte. Die beiden ringförmigen und bis zu 56 Meter großen Konstruktionen bewiesen, dass der Deichatlas von 1625/26 so falsch nicht sein konnte: Er zeigt den (in die Jahre gekommenen) „Heydenwall“ neben der Ortschaft „Drielack“ an der Hunte.

Die bislang letzte große Rettungsgrabung rund um das abgerissene Hallenbad Berliner Platz überraschte schließlich sogar Experten: Man grub das Fundament des 1738/38 erbauten Hoffinanzgebäudes aus. Zudem wurden eine Biedermeier-Spielfigur, lederne Schuhsohlen und Keramiken und vieles andere gesichert. Gegenstände und Erkenntnisse, die vom Alltag der Oldenburger in Mittelalter und früher Neuzeit künden und die heutigen Zeitgenossen einen Eindruck vermitteln von ihren Vorfahren. Grabungen in Oldenburg sind stets auch Geschichte zum Anfassen. Selbst wenn man dafür in einen uralten Misthaufen greifen muss.

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