Musik:
Sehnsucht nach der Chor-Gemeinschaft

Singen liegt im Trend – Trotzdem Nachwuchsprobleme bei vielen etablierten Chören

Die Oldenburger Chorlandschaft ist vielfältig. Trends wie das Rudelsingen geben neue Impulse.

Oldenburg Mit dem Duschkopf in der Hand trällern morgens sicherlich viele Oldenburger im heimischen Badezimmer, doch wie steht es mit gemeinschaftlichem oder gar öffentlichem Singen? „Dafür bin ich nicht gut genug“, denkt wohl der Durchschnittsbürger. Doch Chöre und andere Singgemeinschaften richten sich nicht immer nur an professionelle Sänger und Musikexperten. Das gemeinschaftliche Singen liegt im Trend.

„Wir wollen auch Laien ansprechen und nicht nur Menschen, die sowieso Zugang zur Musik haben“, betont Manfred Klinkebiel, Chorleiter des Vokalforums. Wie einige andere Oldenburger Chöre nimmt das Vokalforum neue Sänger ohne klassisches Vorsingen auf. Einen noch lockereren Rahmen für das Singen entwickelte David Rauterberg. Der Münsteraner, der selbst 25 Jahre lang Chorsänger war, schuf eine Plattform für das Singen, die unverbindlicher ist als ein Chor. Beim sogenannten Rudelsingen im Cadillac an der Huntestraße treffen sich Menschen aller Altersklassen und singen bekannte Lieder. „Unser Repertoire reicht von Volksliedern bis zu den Toten Hosen“, fasst Rauterberg das Repertoire zusammen. Das Konzept kommt an. Nach eineinhalb Jahren hat sich das Rudelsingen von Münster auf 14 weitere Städte ausgebreitet, darunter auch Oldenburg.

Johannes von Hoff, Leiter der Ansgari-Kantorei, begrüßt diesen neuen Trend, auch wenn sich die Kantorei mehr mit der Erarbeitung klassischer Chorliteratur beschäftigt. „Es ist schön, dass es in Oldenburg so eine große Vielfalt gibt.“

Das Angebot ist breit und reicht von Kirchen- und Kammerchören bis hin zu Gospel-, A-Cappella- und Werkschören (siehe Infokasten rechts). Bei der Entscheidung für einen Chor scheint auch der gesellschaftliche Aspekt und nicht allein die musikalische Ausrichtung eine Rolle zu spielen. Die in Oldenburg herrschende Vielfalt hat aber auch eine Schattenseite. „Viele Chöre reißen sich regelrecht um den Nachwuchs“, weiß Klinkebiel.

Das Wort „Chor-Sterben“ schwingt bei der Nachwuchsproblematik automatisch mit, und es stellt sich die Frage, ob Chöre vielleicht langsam aus der Mode kommen. „Traditionelle Gesangsvereine sprechen junge Menschen selten an“, erklärt Hans-Jürgen Kutscha, Vorsitzender der Chorgemeinschaft Harmonie. In den sieben Chören der Gemeinschaft sind nur wenige unter 50 Jahre alt. „Zu uns kommen oft Menschen, deren Partner verstorben sind und die neue soziale Kontakte knüpfen wollen. Jedoch sind es insgesamt nur wenige neue Mitglieder“, so Kutscha. Durch gegenseitige Unterstützung oder Zusammenschlüsse mehrerer Chöre könne dem Chorsterben entgegengewirkt werden.

Eine jüngere Zielgruppe wird durch das Rudelsingen, aber auch durch andere Gesangsgruppen, wie zum Beispiel Gospelchöre angesprochen. „Unsere Mitglieder sind zwischen 20 und 60 Jahre alt“, berichtet Eugen Grigat vom Gospelchor Voices, der nicht nur in Oldenburg, sondern auch in Namibia singt. Grigat: „Die Vorstellung von Gospel-Chören wird stark durch das amerikanische Vorbild geprägt. Wir haben jedoch mehr zu bieten als ,Oh happy day’, zum Beispiel moderne Gospelsongs aus Norwegen.“

Für Musikwissenschaftler Prof. Dr. Gunter Kreutz ist vor allem die musikalische Früherziehung ein wichtiger Schritt, um das Singen mehr in das allgemeine Bewusstsein zu rücken (siehe Interview unten auf dieser Seite). Dieses frühe musikalische Interesse könnten neben Schulen auch Kinderchöre wecken.

Dorothee Stübe, Chorleiterin der Vocalkids, komponiert für ihren Chor eigene Singspiele, um auf die individuellen Voraussetzungen der Kinder einzugehen. „Manche können noch nicht lesen, doch die einfachen Texte lassen sich schnell erlernen“, so die Musikpädagogin.

Unter dem Motto „Wir machen die Musik“ läuft in Niedersachsen außerdem seit 2009 ein Musikalisierungsprogramm für Kinder. Dabei wird das Singen auch bei den Kleinsten in den Kitas verstärkt gefördert. „Das Bedürfnis zu Singen ist bei den Menschen uneingeschränkt vorhanden,“ so David Rauterberg, „doch oft fehlt der passende Rahmen dafür.“ Beim Rudelsingen kommt es nicht darauf an, den Ton zu treffen. Schließlich gibt es kein wertendes Publikum, sondern nur Gleichgesinnte. Wie beim Karaoke können die Liedtexte von der Leinwand abgelesen werden, aber es muss nicht ein Einzelner auf die Bühne. Wer beim nächsten Rudelsingen im Cadillac dabei sein möchte, kann sich jetzt bereits für den 11. Juni anmelden.


     www.rudelsingen.de 

Leserkommentare

Kommentieren Sie diesen Artikel

Mehr zu ...

Newsletter

Das Team vom NWZonline Newsletter

MONTAGS BIS FREITAGS

die wichtigsten Nachrichten vom Tage in Ihrem Postfach.
article
c3e65b7c-bed5-11e2-9527-e332b21ecfac
Musik
Sehnsucht nach der Chor-Gemeinschaft
Die Oldenburger Chorlandschaft ist vielfältig. Trends wie das Rudelsingen geben neue Impulse.
http://www.nwzonline.de/oldenburg/kultur/sehnsucht-nach-der-chor-gemeinschaft_a_6,1,2436570650.html
22.05.2013
http://www.nwzonline.de/rf/image_online/NWZ_CMS/NWZ/2011-2013/Produktion/2013/05/22/OLDENBURG/2/Bilder/OLDENBURG_f350418f-8a11-436e-816d-a994428cedc9--521x337.jpg
Kultur,Musik
Kultur

Stadt Oldenburg

Integrationsausschuss

Oldenburg ist „wie eine Blumenwiese“

Oldenburg Warum Zuwanderer hier rasch „Zuhause-Gefühle“ entwickeln, zeigt ein Image-Video. Weltoffenheit ist gewünscht.

Suizid Sensibel für Worte und Gesten

Oldenburg Sie war gerade 22, Polizeischülerin. Dass sich die Hamburgerin Ende November mit ihrer Dienstwaffe erschossen hatte, wirkt auch bei den hiesigen Beamten nach.