Wiedereintritt In Die Kirche:
Der Weg zurück

Oldenburgerin Wiebke Frerichs hatte sich vor fünf Jahren von der Institution Kirche getrennt. „Verlorene Schafe“ werden auf ihrem Rückweg auf Wunsch eng begleitet. Manche Wiedereintritte währen aber nur kurz.

Oldenburg Zahlen lügen nicht: Die evangelische Kirche in Oldenburg hat in den vergangenen acht Jahren rund 5500 Mitglieder verloren, die katholische Kirche immerhin 230. Von einem Kahlschlag lässt sich da sicher noch nicht sprechen, sehr wohl aber zeigt die städtische Auswertung das neben der Glaubenskrise drängendste Problem der Institution Kirche deutlich. Die Zahl der Konfessionslosen in dieser Stadt ist im gleichen Zeitraum um knapp 15.000 gewachsen. Vor etwa 30 Jahren betrug ihr Anteil – einschließlich der Einwohner mit sonstiger Religionszugehörigkeit – gerade einmal 20,7 Prozent. Heute sind es 44,2 Prozent.

Eine von ihnen, zumindest für volle fünf Jahre, war Wiebke Frerichs. Bereut hat sie den Austritt zwar nicht, der Wiedereintritt in die evangelische Kirche vor zwei Wochen aber fühle sich gleichermaßen gut an, wie sie sagt. Es sei ein langwieriger Prozess gewesen, das eine wie das andere. Heute sei sie eher bereit, sich mit dem Thema Kirche zu beschäftigen, als sie es vielleicht noch Ende 2010 tat und im Frühjahr 2011 dann mit ihrer Unterschrift im Standesamt auch ganz offiziell ad acta legte. „Gott habe ich dabei aber nie in Frage gestellt“, erzählt sie frei heraus.

„Eben schnell erledigt“

Beim NWZ-Gespräch wirkt die Oldenburgerin aufgeräumt, ganz so, als hätte sie ihren Frieden mit der Institution gemacht. „Damals schien alles so verstaubt“, sagt sie, „als würde sich die Kirche nicht bewegen und kaum auf Veränderungen in der Gesellschaft reagieren“. Die großen und kleinen Skandale auf der einen, der ganz private finanzielle Aspekt auf der anderen Seite: alles Gründe – mal mehr, mal weniger gute.

All die Gottesdienste und die Krippenspiele, die sie als durchaus religiös erzogenes Kind erlebte, lagen bereits weit zurück. Das Standesamt aber gleich um die Ecke. „Ich habe den Austritt dann eben schnell vor der Arbeit erledigt“, sagt sie lächelnd, macht dann eine kurze Pause und fügt schließlich nachdenklich an: „Ja, stimmt eigentlich, das Thema war tatsächlich dann sehr schnell erledigt.“ Vielleicht wäre heute ja alles ganz anders, hätte die Nun-wieder-Protestantin ihren Austritt dort erklären müssen, wo sie auch mit der Taufe eingetreten war: direkt in der Kirche, in der Gemeinde. Auge in Auge mit dem Pfarrer. „Dann hätte sich wohl das schlechte Gewissen gemeldet ...“

So funktioniert der Wiedereintritt in die Kirche

Ansprechpartner: Wer wieder in die Kirche eintreten möchte, sollte sich an die örtliche Kirchengemeinde wenden. Für Protestanten in Oldenburg ist dies auch ganz unkompliziert in der Einrichtung „Markt 17“ in der Lambertikirche möglich.

Kosten: Der Wiedereintritt ist im Gegensatz zum Austritt (25 Euro Gebühren, gegen Vorlage des Ausweises im Standesamt) kostenfrei.

Unterlagen: Für den Wiedereintritt wird die Austrittsbescheinigung benötigt. Auch die Vorlage der Taufurkunde kann das Verfahren beschleunigen. Ein amtlicher Personalausweis aber hat höchste Priorität.

Prüfung: „Sie setzen Ihre Unterschrift nicht unter ein Zeitschriftenabonnement, sondern treffen eine wichtige, dauerhafte Entscheidung“, heißt es in der Wiedereintrittsstelle. Tatsächlich wird Interessierten die Rückkehr so einfach wie möglich gemacht.

Taufe: Eine erneute Taufe ist nicht erforderlich. Sie ist einmalig und wird grundsätzlich von allen Kirchen der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) gegenseitig anerkannt. Wer bislang keiner christlichen Gemeinschaft angehört hat, wird durch die Taufe in die Kirche aufgenommen.

Mitgliedschaft: In der Regel müssen 9 Prozent der Lohn- und Einkommenssteuer bezahlt werden. Viele Kirchenmitglieder (Jugendliche, Studierende, Arbeitslose, Rentner) müssen keine Kirchensteuer zahlen. Diese wird vom Staat direkt mit der Lohnsteuer eingezogen. Dafür zahlt die Kirche an den Staat eine Gebühr. Bei einem Austritt übermitteln die Ämter dies automatisch an die Finanzverwaltung.

So lapidar der Schritt hinaus auch war, so intensiv gestaltete sich der Weg zurück, über all die Jahre hinweg. Von den Eltern gab es keinen Druck, auch die Kirche unternahm keinen Versuch, das verlorene Schaf zurückzugewinnen. Abkehr ist Abkehr. Für beide Seiten.

Hier wurde zwar mal über Gott geredet, dort auch über das „Bodenpersonal“. Dann aber gab es da diesen finalen Denkanstoß, der Frerichs zur Umkehr führte. „Wir heiraten in diesem Jahr – und da haben mein Partner Malte und ich oft diskutiert, ob und wie wichtig uns der kirchliche Segen ist.“ Gerungen habe man miteinander, abgewogen, Kinder, Taufen und Kitas thematisiert. Und „sicherlich“, wie sie bestätigt, auch den praktischen Nutzen hinter dem Wiedereintritt gesehen. „Würde es die Trauung nicht geben, hätte es alles wohl weiter vor sich so hin geplätschert.“

In der Gesamtkirchengemeinde Eversten freut man sich bereits auf die 29-Jährige – wie auf jeden, der voller Überzeugung „heimkehrt“. Allerdings wird Frerichs nur einen Willkommensbrief erhalten, das persönliche Gespräch muss sie selbst suchen. Das ist der Nachteil (manch Institutionsferne nennen es auch Vorteil), wenn Menschen die Wiedereintrittsstelle „Markt 17“ nutzen. Wenn es schnell gehen muss, vielleicht auch anonymer, wenn sie Prüfungsfragen scheuen, vielleicht auch nicht genau wissen, wohin mit sich und ihrem Glauben. Wer tatsächlich den Weg in die Gemeinde sucht, findet ihn auf genau diese Weise: über den persönlichen Kontakt mit Pfarrern, Diakonen oder Gemeindebüros.

„Wir versuchen, einander im persönlichen Gespräch besser kennenzulernen“, sagt Pastor Andreas Thibaut (Kirchengemeinde Nikolai), „um Enttäuschungen, die jemand vielleicht mit unserer Kirche erlebt hat, anzusprechen und die erneute Mitgliedschaft auf eine echte Basis zu stellen.“ Mit einem Test hat dies aber rein gar nichts zu tun. Ein Gottesdienstbesuch samt Abendmahl-Teilnahme besiegelt dann den Wiedereintritt. „Danach bleibt es dem Gemeindemitglied überlassen, wie es die Mitgliedschaft ausfüllen möchte.“

Allein hier in der Gesamtgemeinde Eversten zählen sie rund ein Dutzend Wiedereintritte im Jahr. Ausgetreten aus der Gemeinde waren in den vergangenen zwölf Monaten allerdings 180 Mitglieder. „Und es gibt durchaus Menschen, die erst wiedereintreten – beispielsweise für die Arbeitsstelle, eine Trauung in Weiß oder auch eine Patenschaft – und dann nach einem Vierteljahr wieder ihren Austritt unterschreiben“, heißt es von anderer Stelle, „da fühlt man sich wirklich veräppelt“.

Ein Aspekt, der für Wiebke Frerichs wohl nicht in Frage kommt. Sie möchte vielmehr den christlichen Glauben und „die Geborgenheit dahinter“ irgendwann einmal ihren eigenen Kindern vermitteln. „Und das Wissen, dass ich gut bin – so wie Gott mich geschaffen hat.“ Selbst wenn sie das Institutionelle für sich nicht unbedingt zum Glauben benötige: „das Herzliche“ der Gemeinde aber vielleicht ja doch. Nur wie sie sich da einbringen kann und soll, das habe sie für sich noch nicht endgültig geklärt.

„Irgendwas fehlte wohl“, NWZ-Interview mit Torsten Gieselmann von der Wiedereintrittsstelle der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde

Wenn schon die Protestanten in dieser Region mit derartigen Problemen zu kämpfen haben – wie muss es dann erst um die vergleichsweise wenigen Katholiken in der Diaspora stehen? Gerade einmal 14 Prozent aller Oldenbürger sind katholisch. Bistumsweit (zu Münster) erscheint der Einbruch dramatisch: Rund 12000 Austritten standen im Jahr 2014 lediglich 353 Wieder- und 230 Eintritte gegenüber. In Oldenburg hingegen sind die Zahlen noch verträglich.

„Wir sind Wartende“

Allein hier im Offizialatsbezirk zählte man 129 Wiederaufnahmen und Eintritte. Auffällig ist die Zahl der Katholiken aus dem Ausland, die nach Oldenburg gekommen sind. Diese Zahl hat sich beständig erhöht und damit auch den prozentualen Anteil an der hiesigen katholischen Bevölkerung zumindest halbwegs gehalten. Ansonsten „sind wir Wartende“, sagt Seelsorger Klaus Hagedorn, St. Peter. Heißt: „Wir gehen nicht auf den Markt und fragen, ob jemand katholisch werden möchte, sind aber im Forumshaus präsent und wollen mit Menschen in Beziehung treten.“

Begleitet werde jeder, der sich für einen Wiedereintritt in die katholische Kirche entscheide – auch wenn dieser Schritt bis zu einem Jahr dauern könne. Zeit nimmt man sich für jeden Einzelnen. Kaum verwunderlich: „Hier treten ja nicht so viele wieder ein – aktuell ist es nur eine Interessierte, die wir begleiten.“

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Marc Geschonke

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