Integration In Oldenburger Fußballverein:
Vorzeigeprojekt im Abseits

In der vierten Mannschaft des Krusenbuscher SV kicken 30 Spieler aus zehn Nationen: Was sich vorbildlich anhört, stößt in der Praxis an Grenzen. Die Flüchtlinge fühlen sich isoliert. Doch aufgeben will niemand.

Oldenburg Vor dem Anpfiff bildet die Heimmannschaft in ihrer Hälfte einen Kreis und schwört sich auf das Spiel ein. Das ist im Fußball nichts Ungewöhnliches. Hier allerdings stehen Spieler auf dem Platz, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Männer aus dem afrikanisch-arabischen Raum, aber auch vom Balkan. Politisch und religiös Verfolgte und solche, denen zu Hause schlichtweg die wirtschaftliche Perspektive fehlte, weil dort Krieg und Zerstörung herrschen. Die ohne Hab und Gut nach Deutschland geflüchtet sind. Doch auf dem Rasen vergessen sie für 90 Minuten ihr Schicksal und ihren Alltag in den städtischen Gemeinschaftsunterkünften. „Fußball ist für unsere Bewohner sinnstiftend. Sie können Kontakte knüpfen, Deutsch sprechen, einfach mal rauskommen“, sagt Sozialarbeiter Dieter Porschien, Leiter der Sammelunterkunft an der Gaußstraße.

„Ein, zwei, drei – KSV!“, schallt es aus dem Spielerkreis über den Sportplatz des Krusenbuscher SV. „Das haben die Jungs zum ersten Mal gemacht“, freut sich Betreuer Jan Niemann (17), der zusammen mit seinem Vater Boris (43) das fast ausschließlich aus Flüchtlingen bestehende Team trainiert. Für ihn ein Indiz dafür, dass das Team zusammenwächst: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Kommentar: Mit Aufgabe überfordert

Von der Integrationsinitiative des DFB wird bei den Fußballvereinen an der Basis nur wenig ankommen. 600 000 Euro sollen in den nächsten zwei Jahren jeweils bis zu 600 Klubs zugute kommen. Macht also pro Verein 500 Euro jährlich. Das heißt, wer ehrenamtlich neue Angebote für Flüchtlinge schafft, wird dafür allenfalls symbolisch entlohnt. Mit dieser Herkulesaufgabe sind Vereine, die schon froh sind, wenn sie überhaupt den normalen Spielbetrieb geregelt bekommen, überfordert. Das zeigt auch das Beispiel des Krusenbuscher SV.

Es fehlt an Unterstützung durch konkrete Maßnahmen. Hilfreich wäre die Einrichtung einer Verbindungsstelle, die sich um die Kommunikation zwischen Flüchtlingsheimen und Sportvereinen kümmert, die Fahrdienste leistet, bei Bedarf Übersetzer oder Sozialarbeiter organisiert, den Versicherungsschutz regelt, die Ausrüstung finanziert. Das alles ist teuer. Wenn der Verband auf neue Sami Khediras oder Lira Alushis hofft, muss er mehr Geld in die Hand nehmen.

Auch von hohen Niederlagen lässt sich die Mannschaft nicht entmutigen. Mit einem Torverhältnis von 25:109 steht sie als vierte Mannschaft des KSV am Tabellenende in der dritten Kreisklasse. Immerhin ein Sieg – ein 3:2 gegen Tura III am letzten Hinrunden-Spieltag – hellt die Bilanz auf.

Für Prof. Dr. Ulf Gebken spielt sich da in Krusenbusch die Zukunft ab. Das Vorstandsmitglied des Instituts „Integration durch Sport und Bildung“ an der Carl-von-Ossietzky-Universität hat mit seinem Team „ganz kräftig“ die in Oldenburg gemachten Erfahrungen in die bundesweite Initiative „1:0 für ein Willkommen“ einfließen lassen, die der DFB vergangene Woche in Berlin vorgestellt hat. Ein Baustein der praktischen Integration sei der Transfer in Vereinsstrukturen. Dass Flüchtlinge am Punktspielbetrieb teilnehmen und zudem Platz zwei in der Fairnesstabelle belegen, findet Gebken „grandios“.

Im TV-Spot der Kampagne zur Integrationsinitiative steht Nationalspieler Ilkay Gündogan in einem weißen Raum und schreibt das Wort Diskriminierung an eine transparente Wand. Dann streicht er zwei Wortteile so aus, dass das Wort „nie“ übrig bleibt.

Im Integrationsprojekt in Krusenbusch kann man Probleme nicht so leicht wegwischen. Nachdem sich ihr ursprünglicher Plan, die Flüchtlinge in der Bunten Liga gegen den Ball treten zu lassen, nicht realisieren ließ, waren Dieter Porschien und Boris Niemann zunächst froh, dass der KSV bereit war, sie aufzunehmen. Der (mit 1000 Euro dotierte) dritte Platz beim Integrationspreis der Stadt und eine Spende des afghanischen Nationalkeepers und ehemaligen VfB-Torwarts Mansur Faqiryar sollten dem Projekt den nötigen Schub geben. Doch mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt: „Wir bekommen keine Unterstützung. Niemand redet mit den Spielern“, bedauert Jan Niemann. Schlimmer noch: An der Seitenlinie seien aus eigenen Vereinsreihen Beleidigungen und Provokationen zu hören. Niemanns Fazit: „Mit Integration hat das nichts zu tun.“

KSV-Vorsitzender Günter Brandt hält die Vorwürfe für „Blödsinn“. Er sei „fast täglich“ im Gespräch mit dem Trainer. Er sieht die Schwierigkeiten eher im Team: „Die können nicht alle miteinander.“ Zudem mangele es dem Team an Disziplin. Einige Spieler kämen erst zur Halbzeit, auch am jüngsten Spieltag sei man zunächst nicht vollzählig gewesen. Das Angebot, einen gestandenen Torwart als Aushilfe zur Verfügung zu stellen, sei nicht angenommen worden. Jan Niemann verweist darauf, dass die Spieler aus drei Unterkünften – Gaußstraße, Schützenweg und Cloppenburger Straße – abgeholt werden müssen. Ulrich Hartig vom Förderverein Internationales Fluchtmuseum hole die Kicker mit einem Kleinbus ab. Die ausländischen Spieler selber würden sich in Oldenburg kaum auskennen.

Ob sie das Projekt „Fußball mit Flüchtlingen“ nach dem Saisonende beim KSV oder in einem anderen Verein fortsetzen werden, ist laut Jan Niemann noch unklar. Er plädiert dafür, die Hälfte des Integrationspreis-Geldes der Stadt zur Verwahrung zurückzugeben und erst bei weiterer Umsetzung wieder auszuzahlen.

KSV-Chef Brandt erinnert daran, dass der Verein bereits rund 1900 Euro in die beitragsfrei spielende Mannschaft investiert hat. Aufgeben ist seine Sache nicht: Er habe „den Mut und den Willen“ zur Fortführung des Flüchtlingsprojekts: „Alle müssen da aufeinander zugehen.“

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25.03.2015
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