Kinderpornografie:
Das Grauen des eigentlich (Un-)Möglichen

Podiumsdiskussion in Oldenburg. Das Thema: Sexueller Missbrauch von Kindern und deren Schutz im Netz. Die Experten redeten Klartext – und ließen die Zuhörer mit einem Schrecken zurück.

Oldenburg Abartig. Wahnsinn. Unvorstellbar. Nachdrückliche Worte, die bei der Podiumsdiskussion zur Kinderpornografie im Internet aufzeigten, wie drängend es doch der Aufklärung und des Endes allen Schweigens bedarf. Dass die Öffentlichkeit diesbezüglich nur „die Spitze des Eisbergs“ kenne, schützt nicht nur die Unwissenden, sondern offenbar auch die Täter.

MdB Barbara Woltmann (CDU), Mitglied des Innenausschusses und gleichermaßen im zweiten Untersuchungsausschuss des Falls Edathy vertreten, hatte zum „nicht angenehmen, aber wichtigen Thema“, wie sie sagte, geladen. Unter anderem diskutierten Roland Raschke („White IT“), Matthias Möhring (LKA Niedersachsen, „Cybercrime“) sowie Dirk Uhmeier (Leiter ZKD Polizeiinspektion Delmenhorst/Oldenburg-Land) mit – und ließen die rund 30 Zuhörer oftmals mit Schrecken zurück. Da nutzte es auch nichts, dass sie dem Publikum allzu intime Details ersparten. Das Grauen des Erahnens und des eigentlich (Un-)Möglichen nahm sich trotzdem seinen Platz, ganz so wie die Rolle der Justiz – auch im Falle Edathys. Richterschelten wurden zwar bewusst vermieden, unterschwellig aber schwang das Unverständnis ob des Strafmaßes in diesem und jedem anderen Fall sexuellen Missbrauchs immer mit.

Dabei ging es doch eigentlich um die Frage, wie Kinder im Netz geschützt werden könnten. Kaum verwunderlich also, dass die Vorratsdatenspeicherung als Möglichkeit der Strafverfolgung in den Fokus rückte. So überraschend schnell, wie das Internet die Verbreitung und Nutzung derartiger Kinderfolterdokumentationen möglich gemacht hat, so rasch müssen auch die Behörden Mittel und Wege finden, diesem entgegenzuwirken. Und werden selbst vor Probleme gestellt: „Wir müssen jedes einzelne Bild sichten, jeden Tag, hunderttausende Fotos schwersten sexuellen Missbrauchs“, berichtete Dirk Uhmeier von der Arbeit seiner Kollegen.

Der 48-Jährige hatte selbst ein halbes Jahr lang diese Aufgabe, „und ganz ehrlich – das hat gereicht“. Nötig aber sei dies vor dem Hintergrund der Mindestspeicherfristen aber allemal. „Nicht nur, um die Straftäter zu verfolgen, sondern auch um Kinder zu schützen“, so Matthias Möhring, selbst vierfacher Vater.

Als dann aus dem Publikum die Frage nach etwaiger Resignation angesichts der unüberschaubaren Massen an Missbrauchsbelegen, dem Tempo der Zuwächse und der gesetzlichen Restriktionen gestellt wurde, verneinten die Beamten: „Wir werden es zwar nie ganz unterbinden können – aber jedes einzelne Kind ist es wert, hier nicht zu resignieren“, so Möhring.

Es sei aber nicht allein Aufgabe der Polizei zu handeln. Medienkompetenz ist kein jugendspezifisches Problem, es betrifft auch und gerade Erwachsene. „Wenn Eltern diese schon vermissen lassen, was wird dann erst mit den Kindern?“ Raschke pflichtete bei: „Wir alle müssen uns fragen, was wir tun und ob wir unseren Kindern genügend Selbstvertrauen geben, auch Nein sagen zu können.“ Ob die Länder denn stetig finanziell genug leisteten, um wertvolle Aufklärungsprojekte und Beamte zu unterstützen, will Woltmann klären.

Beschämend und Mahnung zugleich – der Moment, als ein schallendes Kinderlachen aus dem Nebenraum den Saal kurz erschütterte.

Leserkommentare

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  ergo-oetken 20.04.2015, 09:17:50
Das Verfahren gegen Sebastian Edathy wurde eingestellt. Wie die meisten dieser Art. Das ist in solchen Fällen üblich. Das Beweismaterial war strafrechtlich relevant. D.h. es ist darauf Kindesmissbrauch zu sehen. Aber unser Rechtswesen stellt solche Verfahren meistens gegen eine Strafzahlung ein. Das wurde vielen Menschen zum ersten Mal bewusst und hat sie zu Recht empört.
Die sexuelle Ausbeutung von Heranwachsenden ist genauso verbreitet wie tabuisiert. Sie ist ein fester Bestandteil unserer traditionellen Alltagskultur und das zu ignorieren erfüllt einen Zweck.
Es ist ein sehr gutes Zeichen, dass in den letzten Jahren sehr viele Menschen ihre Einstellung verändert haben und mutig hingucken und -hören.
Täterinnen und Täter leben mitten unter uns. Sie fallen durchaus auf. Aber in einer Welt, in der vor Allem Oberfläche zählt fällt es vielen Menschen schwer, das anzusprechen bzw. zu handeln. Dafür braucht es Wissen und Ermutigung. Und Expertenrat.
Ich gehe davon aus, dass sich Frau Woltmann dafür einsetzt, dass Beratungsstellen und Schulungskonzepte finanziell viel besser ausgestattet werden als bislang üblich.

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen Erwachsenen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden
  MichaelReins 20.04.2015, 00:40:24
Frau Woltmann macht hier gewaltig heiße Luft, denn es muß bedacht werden, das Edarthy nicht verurteilt, sondern das Verfahren eingestellt wurde. Seinen "Fall" als Anlass zu nehmen, ist erbärmlich.
Ob Sie denn auch erklärt hat, das die Täter vielfach aus dem eigenen Umfeld der Familie kommen, oder hat man tatsächlich nur über das Internet gesprochen?
Medienkompetenz von Eltern zu verlangen ist schon fast peinlich, wo doch ihre jüngsten sehr viel fitter sind als sie jemals werden könnten.
Aber da fällt mir doch gerade ein, das es doch die damalige Familienministerin gewesen ist, die so massiv gegen Kinderpornografie im Internet vorgehen wollte - und sich damit lächerlich gemacht hatte, wie sie das Problem lösen wollte. Aber wie die kanzlerin schon einmal sagte, ist das Internet Neuland - zumindest für Minister und andere Politiker, die sich wohl nur mal ins Rampenlicht stellen wollen.
Sich auf das Internet als Quelle allen Übels zu stürzen ist nicht nur dumm, sondern zeigt wie wenig sich die Ministerin tatsächlich damit beschäftigt hat. Hier zieht man sich am nicht existierenden fall Edathy hoch, statt tatsächlich Klartext zu reden. Die Polizei hätte sichert wirklich schockierendes zu berichten gehabt, aber das will man offenbar niemandem zumuten.
Wenn man lediglich Fotos als das Problem erkennen und Zuhörer das glauben lassen will, hätte man sich das ganze auch sparen können.

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