Stadtgeschichte:
Unbekannte Tote erhalten Namen zurück

Historiker erforscht

Geheimnis um Gefangenen-Massengrab

Das Sammelgrab liegt auf dem alten jüdischen Friedhof. Viele der russischen Opfer wurden 1944 dort verscharrt.

Oldenburg Besucher des alten Jüdischen Friedhofs an der Dedestraße stoßen fast zwangsläufig auf diesen Hinweis: „Hier ruhen 54 russische Kriegsopfer“ ist auf einer Steinplatte am Kopf eines großen Grabes zu lesen. Ansonsten gibt es keine Informationen: kein Name, kein Datum. Die Schicksale der Menschen, die hier bestattet wurden, bleiben im Dunkeln.

Das galt bis jetzt. Denn dieser Tage hat der Vareler Historiker Holger Frerichs einen Forschungsbericht vorgelegt, dessen Ergebnis dafür sorgen könnte, „den auf dem Jüdischen Friedhof ruhenden Opfern wieder ein Gesicht und einen Namen geben zu können“, hofft der Autor.

Das unscheinbare Massengrab weist auf ein dunkles Kapitel der Oldenburger Stadtgeschichte hin. Wie Augenzeugen dem Autor Günter Heuzeroth in dessen Buch „Unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus 1939-1945“ noch Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft berichteten, seien sowjetische Kriegsgefangene, die zuvor in einem nahe gelegenen Betrieb als Zwangsarbeiter schuften mussten, im November 1944 von SA- und SS-Leuten erschlagen und über die Mauer des Jüdischen Friedhofs an der Dedestraße geworfen worden. Dort seien sie in einer Grube verscharrt worden.

Ob diese Berichte von Zeitgenossen stimmen, ist nicht mehr zu beweisen. Fakt aber ist wohl, dass an diesem Ort Kriegsgefangene aus der damaligen UdSSR in einem Massengrab beerdigt wurden – und dann dem Vergessen überlassen wurden. Konsequenterweise führte die Stadtverwaltung diese Toten bislang auch als 54 „Unbekannte“.

Dabei, das hat Holger Frerichs mit seiner Recherche nachgewiesen, sind diese Opfer nationalsozialistische Terrors so unbekannt nie gewesen. Denn schon 1948 wurde vom Stadtbauamt und im Rahmen einer internationalen Suchaktion nach vermissten Ausländern ein Verzeichnis erstellt, das verstorbene Kriegsgefangene in der Stadt auflistete. Danach seien 49 russische Soldaten und elf russische Zivilisten auf dem jüdischen Friedhof sowie dem Osternburger Friedhof bestattet worden; nur zwei weitere Personen galten als „unbekannt“. Eine weitere Liste wurde 1950 erstellt; im selben Jahr ehrte man die Verstorbenen auch mit dem kleinen Hinweisstein.

Warum dies die einzige Reaktion der Stadt blieb, ist unklar. „Aus nicht nachvollziehbaren Gründen gerieten diese Informationen bei der später erfolgten Erstellung der ersten und aller nachfolgenden amtlichen Gräberlisten in Vergessenheit, wurden übersehen oder nicht beachtet“, betont Frerichs. Und auch Forschungen in den 1990er Jahren von Heuzeroth und von Katharina Hoffmann, die auf eben diesen Umstand hinwiesen, blieben ohne Konsequenzen.

Das soll sich, so hat Frerichs von der Friedhofsverwaltung der Stadt erfahren, ändern. Seine Forschungen beziehen Personaldokumente über sowjetische Kriegsgefangene, die die ehemalige Wehrmacht ausgestellt hatte und die heute im Zentralen Militärarchiv der Russischen Föderation in Podolsk bei Moskau liegen, ebenso mit ein wie die alten Listen aus dem städtischen Bauamt und Ordnungsamt.

Auf diese Weise konnte Frerichs nicht nur die Identität der Verscharrten lüften, sondern auch die Zahl: Im Sammelgrab auf dem Jüdischen Friedhof liegen 47 oder 48 sowjetische Kriegsgefangene sowie acht russische Zivilisten (zusammen also 55 oder 56), und auf dem Neuen Friedhof Osternburg liegen vier oder fünf russische NS-Opfer.

Die Forschungen des Vareler Historikers machen aus den anonymen „unbekanten Toten“ nun nicht nur Menschen mit Namen und einer persönlichen Geschichte, sie können nun auch gefunden werden. Frerichs: Bisher bedeutete die Einstufung „unbekannt“, dass „alle dort ruhenden Menschen bis heute für möglicherweise noch suchende Angehörigen und für internationale und nationale Suchdienste verschollen“ seien. Solche Suchanfragen müssten nun nicht mehr ins Leere gehen.

Frerichs hat die alten Listen nicht nur korrigiert und auf den neuesten Stand gebracht, sondern sie auch mit weiteren Angaben (u.a. Todesursache wie „erschossen wegen Auflehnung bei der Arbeit“ oder „auf der Flucht erschossen“) ergänzt. Er hofft, dass den russischen Toten künftig ein ehrenvolleres Andenken gewährt wird. Es sei mit den neuen Angaben möglich, eine würdige Gestaltung der Grabanlage unter anderem mit Namensnennung vorzunehmen.


 Mehr Informationen unter     www.obd-memorial.ru und www.ewetel.net/~holger.frerichs/ 

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Klaus Fricke


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15.11.2013
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