Integration:
Das Herz schlägt Tango

Elena Vaychik hat ihren Traum einer Tanzschule wahr gemacht

Walzer, Salsa, Foxtrott und Tango: Die gebürtige Russin bringt Oldenburgern die richtigen Schritte bei. In ihrer russischen Heimat war sie Turniertänzerin.

Oldenburg „Das wird doch schön.“ Anderthalb Jahre ist es her, da stand Elena Vaychik mit Händen in den Hosentaschen im grauen Hinterhof, hat auf schmutzige Betonwände und matschbraune 70er Jahre Fliesen geguckt.

Sie hat mehr gesehen: Roten Samt, glitzernde Kristallleuchter, goldenen Brokat, lachende Menschen, Couchtische, die sich unter Bergen von Schokoladentorten biegen – ein besonderer Ort, wie es in Oldenburg keinen zweiten gibt.

„Keiner wollte mir glauben“, sagt sie – und lehnt sich auf dem granatapfelfarbenen Sofa zurück. Da sitzt sie nun: in ihrem Reich der Träume: der Tanzträume. Hier unterrichtet sie seit einem Jahr Paare, Singles und Gruppen in Standard, Salsa und Tango. Ein halbes Jahr hat Elena Vaychik dafür mit ihrem Mann das ehemals düstere Souterrain an der Ofener Straße renoviert.

Früher ist sie als Turniertänzerin über die Parketts ihrer russischen Heimat gefegt – „dort, wo die Don Kosaken herkommen“. Ein Pädagogikstudium und unstillbares Fernweh später ging es vor 16 Jahren im Wechselschritt nach Deutschland. Der Liebe wegen ist sie in Oldenburg gelandet, wo die dreifache Mutter mit ihrer Familie über ihrem Tanztraum wohnt. Und der wird immer realer: 25 Paare trainiert die 39-Jährige regelmäßig – Schritt für Schritt. Wer ohne Partner kommt, kriegt einen vermittelt – „aber nur fürs Tanzen – ich bin ja keine Kupplerin“.

Einmal im Monat kann zu Live-Musik getanzt werden, die restliche Zeit kommen die Rhythmen vom Band. Oder aus dem Grammophon – ein Einzuggeschenk ihres Mannes. Jeden vierten Sonntag gibt’s „Tango und Torte“: Wer nicht tanzen will, kann sich einfach satt sehen – und essen. Unbelehrbar ist allerdings niemand – davon ist die Oldenburgerin überzeugt: „Ich vermittle Methoden. Ganz viel geht’s darum, den Kopf auszuschalten, nicht so viel zu denken.“ Nach einer Umschulung zur Informatikkauffrau und der Erkenntnis: „nix für mich“, hat Elena Vaichek Fortbildungen besucht und Bewegungspädagogik-Seminare belegt, um hauptberuflich Tanzen zu unterrichten. Zu ihren Schülern sind Freundschaften gewachsen. Wer zum ersten Mal die rot-goldene Zauberwelt an der Ofener Straße betritt, kommt aus dem Staunen nicht mehr ’raus – und meistens wieder.

Elena Vaychik hingegen zieht es nach wie vor in die weite Welt: „Der Hafen von Oslo, München, Hamburg, Basel – ich fühl’ mich überall zu Hause. Meine Heimat ist die Familie.“ Im November geht es nach Buenos Aires. Erstmal für einen Urlaub. „Viele Tänzer bleiben dort – im Heimatland des Tangos“, sagt sie und erzählt von der Leidenschaft, den melancholischen Texten über Liebe, Fernweh – und Heimweh. Nach Russland habe sie keines. Tanzen ist überall möglich – auch an der Nordsee: „Im Sand fangen meine Füße von alleine an, Sternenbilder zu malen“, sagt Elena Vaychik. Ihr Leben ist ein Tango: „Mal schnell, mal langsam – mit Pausen, verschlossen und einzeln, dann wieder wild und extrovertiert – mit einer stolzen Pose am Ende.“ Ihr Herz schlägt aber auch im Rhythmus aller anderen Stile: des Wiener Walzers zum Beispiel – dem „Tanz der Verliebten“.

Wie wunderbar schwerelos das sein kann, bringt die gebürtige Russin früher oder später all ihren Schülern bei. Sie weiß: „Männer haben Angst, ihrer Partnerin auf die Füße zu treten. Frauen in leitenden Positionen lassen sich schlecht führen – wir üben loszulassen.“

An ihren großen Visionen jedoch hält sie fest. Wie damals, auf der Baustelle im schmuddeligen Hinterhof. Ganz gelassen wartet Elena Vaychik bis die Anderen sehen, was sie längst entdeckt hat. Denn: „Tanzen ist träumen mit den Füßen.“

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08.02.2014
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