Pfiffiger Landwirt Aus Vechta:
Russischer Weizen für deutsche Rinder

Seit sechs Jahren sät Heinrich Tangemann in der Nähe von Königsberg Getreide aus. Er ist nicht der einzige Deutsche, der sich dort engagiert. Doch für ihn ist die Beziehung zu Russland eine Herzensangelegenheit.

Oldenburg/Königsberg Kapitän Vladislav Kotenev strahlt über das ganze Gesicht. „Oldenburg“, so sagt er, „ist eine wunderschöne Stadt. Die Menschen sind offen und freundlich, die Fußgängerzone eine echte Attraktion“.

Mit seinem Schiff hat Kotenev am Stau an der Kaimauer des Futterhändlers Agravis festgemacht, um 1750 Tonnen Weizen zu entladen. Eigentlich nichts Außergewöhnliches, doch dieser Weizen ist ein besonderer. Er wurde in Heiligenbeil, dem heutigen Mamonowo in Russland, angebaut. Heinrich Tangemann (73), Landwirt aus Goldenstedt im Landkreis Vechta, sät dort auf zusammengerechnet 1700 Hektar Fläche seit sechs Jahren Getreide aus.

Das ist ihm eine Herzensangelegenheit. Der Landwirt möchte mit seinem Engagement auch an die tief verwurzelten guten Beziehungen zwischen Russland und Oldenburg erinnern und anknüpfen, als Oldenburg noch ein Herzogtum war. Zwischen Petersburg und Oldenburg gab es zudem eine enge familiäre Verbindung. Auf der Suche nach Schutz vor Dänemark heiratete der Oldenburger Herzog Karl Friedrich von Holstein-Gottorp im Jahr 1724 die älteste Tochter von Peter dem Großen. Deren Kind, Karl Peter Ulrich, hat dann als Peter III. im Jahr 1762 den russischen Thron von der Zarin Elisabeth (1709-1761) übernommen. So ist die Holstein-Gottorp-Linie mit der Romanov-Zarendynastie verbunden. Die Verwandten von Peter III. regierten in Russland bis zur Februar-Revolution von 1917. Doch das nur am Rande.

Heiligenbeil liegt zwischen Danzig und Königsberg (heute Kaliningrad) unmittelbar hinter der russischen Grenze. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Wolfhard Schattner, ein ehemaliger und heute pensionierter Agravis-Mitarbeiter, hat er den Handel und Anbau von Raps und Getreide im Osten aufgebaut, landwirtschaftliche Flächen gepachtet und zwei Millionen Euro investiert. Fünf russische Mitarbeiter und zwei Dolmetscher arbeiten für das Unternehmen. Zu den Ländereien gehört eine Betriebsstätte, auf der die landwirtschaftlichen Gerätschaften untergebracht sind. „Fachkräfte sind in der Landwirtschaft echte Mangelware“, beschreibt Tangemann sein größtes Problem.

Einzelheiten zur Geschichte der Stadt

Heilgenbeil (heute Mamonowo) liegt in der Nähe von Königsberg (heute Kaliningrad) und hat knapp 8000 Einwohner.

Ende des Zweiten Weltkrieges, im Februar und März 1945, wurde das Kreisgebiet Kriegsschauplatz. Die nationalsozialistische Gauleitung unterließ die rechtzeitige Evakuierung der Bevölkerung. In den Winterwochen zuvor flüchteten Hunderttausende völlig ungeordnet (unter anderem behindert durch die Wehrmacht) aus allen Teilen Ostpreußens – darunter auch der größte Teil der Bevölkerung des Kreises Heiligenbeil – über das Eis des Haffs auf die Frische Nehrung und von dort auf die rettenden Schiffe in Pillau oder auf dem Landweg der Nehrung nach Danzig. Bei den Kriegshandlungen bildete sich der Heiligenbeiler Kessel. Nach wochenlangen Abwehrkämpfen der deutschen 4. Armee gegen mehrere sowjetische Armeen fiel Heiligenbeil.

Die Stadt Heiligenbeil wurde 1945 fast vollständig zerstört. Der Ort wurde 1947 nach dem sowjetischen Oberstleutnant Nikolai Wassiljewitsch Mamonow benannt und hat wieder eine gewisse Größe erreicht.

Im Süden des alten Stadtgebiets befindet sich ein deutscher Soldatenfriedhof, auf dem 4700 Gefallene liegen, die im Heiligenbeiler Kessel gestorben sind. Quelle: Archiv

Rund 1000 Kilometer sind es von Goldenstedt nach Heiligenbeil mit dem Auto. Tangemann fährt über Hamburg und Lübeck auf der A 20 nach Stettin in Polen und von dort aus Richtung Königsberg an der Ostsee. 10 bis 13 Stunden ist er dafür unterwegs, bleibt meist drei bis vier Tage vor Ort und fährt dann wieder zurück. 125 Mal hat er das in den zurückliegenden sechs Jahren gemacht. Doch es ist nicht nur die Pflege der oldenburgisch-russischen Handelsbeziehungen, die Tangemann bewegt. Die Pacht in Russland ist günstig, berichtet er. Ostpreußen galt zudem vor dem Zweiten Weltkrieg als deutsche Kornkammer.

Und er ist nicht der einzige Deutsche, der sich im ehemaligen Ostpreußen engagiert. „200 bis 300 deutsche Firmen sind dort vertreten“, weiß Tangemann. Die EU-Sanktionen gegen Russland beeinflussten sein Geschäft nicht. Die gelten eher für Stahl, Öl, Fleisch und Milchprodukte.

Mit dem Futtermittelhersteller Agravis (ehemals Landhandels Zentral Genossenschaft, LZG) arbeitet Tangemann seit 1973 zusammen. Und so landet auch der Weizen aus Russland in den Futtertrögen von Geflügel, Rindern und Schweinen in der Weser-Ems-Region. Der Agravis-Einzugsbereich erstreckt sich über das ehemalige Land Oldenburg, beschreibt Geschäftsführer Jürgen Aumann den Einzugsbereich seines Unternehmens, das weitere Werke auch in Leer und Höltinghausen betreibt. 100 Mitarbeiter sind bei Agravis beschäftigt, 140 Millionen Euro Umsatz werden pro Jahr gemacht.

Wolfhard Schattner und Heinrich Tangemann haben sich 1973 auf dem Hof in Goldenstedt kennengelernt. Schattner war damals Futtermittelberater und verkaufte die Produkte direkt vor Ort bei den Landwirten.

Heute werden laut Aumann jährlich 400 000 Tonnen Mischfutter verkauft. Die Rohstoffe kommen zu 70 Prozent auf dem Wasserweg nach Oldenburg. Wie der Weizen aus Königsberg. 40 größere Küstenmotorschiffe und rund 250 Binnenschiffe laufen Agravis in Oldenburg jährlich an. Kapitän Vladislav Kotenev hat den Weg über die Ostsee, durch den Nord-Ostsee-Kanal und die Deutsche Bucht zur Weser und Hunte genommen. Drei Tage haben er und seine Mannschaft für die Fahrt mit der „Letniy Bereg“ gebraucht. Das Schiff (Baujahr 1992) ist 85 Meter lang und zwölf Meter breit.

Das Entladen der schweren Fracht dauert rund 24 Stunden. Der Weizen wird mit Greifern gelöscht und nicht mit einem überdimensionalen Sauger. Die Energiekosten für dessen Betrieb wären laut Aumann zu hoch.

Kapitän Kotenev richtet seinen Blick unterdessen über die Eisenbahnbrücke hinweg Richtung Oldenburger Innenstadt, von der er so schwärmt. Für ihn ist das Festmachen am Stau ein besonderes Ereignis: „Wo hat man das sonst, dass der Hafen so nah an der Innenstadt liegt, die in zehn Minuten zu Fuß zu erreichen ist?“ Tangemann soll unbedingt seinen Chef kontaktieren, damit er im nächsten Jahr mit seinem Schiff wieder nach Oldenburg kommen kann.

Kontakt zu Heinrich Tangemann, dessen Unternehmen „Mamonovo Agrar Tangemann und Söhne“ fünf Gesellschafter angehören, über
agribv@gmx.de.


NWZ TV    zeigt einen Beitrag unter   www.nwz.tv/oldenburg-stadt 

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Thomas Husmann

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Seit sechs Jahren sät Heinrich Tangemann in der Nähe von Königsberg Getreide aus. Er ist nicht der einzige Deutsche, der sich dort engagiert. Doch für ihn ist die Beziehung zu Russland eine Herzensangelegenheit.
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04.01.2016
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