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Soziale Beratung statt Elitetruppe GSG 9

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Oldenburger Unternehmen:
Soziale Beratung statt Elitetruppe GSG 9

Oldenburg Ein behinderter Junge in einem Heim mag Nutella – aber keinen Salat. Der Betreuer legt sich mächtig ins Zeug, aber der Junge bleibt stur. Er überlegt, den Jungen mit besten Absichten vielleicht zu seinem Glück zu zwingen. „Aber hier wird es rechtlich höchst problematisch“, sagt Kurt Thünemann (56), und Frank Stöckler (57) nickt.

Es sind beispielhafte Fälle wie diese, mit denen sich das Unternehmen „win2win“ der beiden Oldenburger beschäftigt. Mit 40 Experten, die freiberuflich für das Unternehmen arbeiten – darunter Richter, Pädagogen, Clowns und Artisten –, und sieben festen Mitarbeitern sind die zwei bundesweit, in der Schweiz und in Luxemburg beratend für Unternehmen und Einrichtungen im Sozialbereich tätig, schulen Mitarbeiter, entwickeln Organisationen und greifen in Seminaren, Kongressen und Fachtagen aktuelle Themen auf. Seit zehn Jahren inzwischen.

Sprungbrett Studium

Der Einstieg in dieses Berufsfeld hat für beide eine lange Vorgeschichte. Und eine gemeinsame. Am 1. Oktober 1975 lernten sich die beiden kennen, als sie auf dem Weg zur Ausbildung beim Bundesgrenzschutz waren. Stöckler blieb dort lange, machte seinen Weg bis zur Elitetruppe GSG 9. Thünemann war bei vielen Großdemonstrationen im Einsatz, verließ aber bald die Bundespolizei, um Soziale Arbeit zu studieren. Danach war er in Jugendheimen tätig, war Profi-Pflegevater, arbeitete in der Drogenberatung. Stöckler studierte nach der GSG9-Zeit Sozialwissenschaft, arbeitete kurz in Sozialeinrichtungen, wurde dann international operierender Personalberater. „Ich verdiente viel Geld“, sagte er. Aber es blieb eine gewisse Leere. Bis sich die beiden Freunde entschieden, sich als Unternehmer selbstständig zu machen. „Gemeinsam“, sagt Thünemann. „Das war uns wichtig.“

Grenzen vermitteln

Die beiden empfinden ihre reichhaltigen Erfahrungen als Gewinn. „Wir haben viel gemacht – aber wir sind uns treu geblieben“, sagt Thünemann. Das gelte auch für ihre Arbeit. „Es gibt einige Dinge, die sind nicht verhandelbar: Respektvoller Umgang, Humanismus und Gewaltfreiheit.“ Gerade im Sozialbereich sei es wichtig, mit einer Haltung an die eigene Arbeit heranzugehen. Auch darum geht es in den Seminaren.

„Wir wollen Wissenschaft in die Praxis bringen – aber so, dass auch die Drittkraft versteht, was der Richter da erklärt – und welche Bedeutung es für sie hat“, erläutert Stöckler. Die Themen reichen von Sexualregeln in Jugendeinrichtungen über Rechtliches in Behinderteneinrichtungen bis hin zu Grenzziehungen in Gewaltsituationen. Ein wichtiger Bereich ist auch, Brüche in Übergangssituationen zu verhindern: „Psychologen und Pädagogen reden oft aneinander vorbei. Da geht es um Sprache und Verstehen“, sagt Stöckler. „Immer wieder werden alte Themen von neuen überlagert“, berichte Thünemann. Gegenwärtig geht es vor allem darum, Haupt- und Ehrenamtliche für die Flüchtlingsbetreuung zu schulen. „Man muss die Strukturen verstehen, um nachhaltig arbeiten zu können“, sagt Thünemann und verdeutlicht das am Beispiel der unbegleiteten jugendlichen Flüchtlinge, die vermehrt nach Deutschland kommen.

Arbeit im Trendbereich

„Am Anfang sind die Jugendlichen absolut dankbar, dass sie ein sicheres Zuhause haben. Aber mit der Zeit und der Langeweile brechen die Traumata auf und es kann ungemütlich werden.“ Seien Betreuer darauf nicht vorbereitet, könne schnell Frust bis hin zur Aufgabe entstehen. „Versteht man, dass es sich um pubertierende Jugendliche handelt, die sich abgrenzen wollen, dann geht man damit anders um.“

Da sich die soziale Arbeit rasant wandelt und der Bedarf an Fort- und Weiterbildung ebenso stark wächst, sind die beiden gut im Geschäft. Doch Thünemann und Stöckler sehen für die Branche auch Probleme: „Viele kleinere Einheiten können sich die Fort- und Weiterbildungen nicht leisten und fallen zurück. Die Konkurrenz wird härter.“

Um ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter zu verbreiten, haben die beiden neben der gemeinnützigen GmbH und einer GmbH für die Unternehmensberatung auch einen Verlag gegründet. „Jedes Projekt wäre ein Buch wert“, schmunzelt Thünemann. Aber das lässt die Zeit nicht zu.


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