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Deutschland ist das Schlusslicht in Europa

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Impfung Gegen Masern:
Deutschland ist das Schlusslicht in Europa

Berlin Ein Blick auf die Zahlen allein könnte zuversichtlich stimmen: Nach fast 2500 Masernfällen bundesweit im Jahr 2015 erkrankten nach bislang vorliegenden Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) im vergangenen Jahr nur etwas mehr als 300 Menschen an der hochansteckenden Krankheit. Fachleute jedoch sehen beim Thema Masern in Deutschland wenig Grund zum Aufatmen. Und das nicht nur, weil die tatsächlichen Zahlen höher liegen: Nicht jeder Patient geht zum Arzt und auch nicht jede Behandlung wird gemeldet.

Wann impfen? Masern waren insbesondere vor 1970 als Kinderkrankheit weit verbreitet. Damals war noch keine Impfung verfügbar. Wer die Krankheit einmal durchgemacht hat, ist dagegen immun.

Nach Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) sollen Säuglinge die erste Masernimpfung zwischen 11 und 14 Lebensmonaten erhalten, die zweite zwischen 15 und 23 Monaten. Bei Säuglingen in einer Kindertagesstätte kann auch schon ab dem 9. Monat geimpft werden.

Jüngere Babys kann nur die Mutter vor einer Ansteckung schützen: Ist ihr Immunsystem durch eine Masernerkrankung oder -impfung mit dem Erreger vertraut, kann sie Antikörper über die Plazenta und über die Muttermilch weitergeben. Andernfalls entfällt dieser wichtige Nestschutz.

„Schlimm, dass Deutschland inzwischen in Europa das Schlusslicht der Masernelimination darstellt“, erklärt RKI-Präsident Lothar Wieler mit Blick auf die nach neuen Erkenntnissen seines Hauses oft verspätete Masernimpfung bei Kindern. Nach Hochrechnungen waren bundesweit 150 000 Kinder des Jahrgangs 2013 mit 24 Monaten nicht vollständig gegen Masern geimpft. Hinzu kamen 28 000 Kinder ganz ohne Masern-Impfung. Ballungsräume wie Berlin, Dresden, Hamburg, Köln, Leipzig und München sehen die Experten als „Problemregionen“.

Hermann Josef Kahl, Sprecher des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), würdigt aber einen in den RKI-Zahlen ersichtlichen Aufwärtstrend bei der zweiten Masern-Impfung: „Wir haben den Eindruck, dass die Misere, wie sie bisher bestanden hat, doch langsam ein bisschen abgebaut wird“, sagt er. Die Zahl der Kinder, die nach dem zweiten Lebensjahr nur einmal geimpft sind, scheine abzunehmen - noch müsse man aber die weitere Entwicklung abwarten. „Wachsam bleiben sollte man auf jeden Fall“, betont Kahl.

Noch immer viel zu viele Masernfälle beklagt Dirk Werber, Leiter der Arbeitsgruppe Infektionsschutz beim Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso). Erst kürzlich wies er darauf hin, dass es für eine Eliminierung der Masern gemäß dem Ziel der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weniger als einen Fall pro eine Million Einwohner hätte geben dürfen - das wären maximal rund 80 in Deutschland. So viele Masernpatienten hatte allein Berlin 2016, weiter Deutschlands Masern-Hauptstadt. Auch vielen jungen Erwachsenen fehlt dort der Impfschutz.

Die Anfälligkeit zeigte die Ankunft eines erkrankten Reisenden im Spätsommer: Er verließ sein Hotel nicht, bevor er ins Krankenhaus kam, wie Dirk Werber schilderte. Dennoch steckten sich zwei Angestellte des Hotels an und trugen das Virus in der Stadt weiter. Da es sich um einen seltenen Virenstamm handelte, sei nachweisbar, dass in der Folge auch Menschen in Brandenburg, Sachsen, Niedersachsen und Baden-Württemberg an dem eingeschleppten Erreger erkrankten, so Werber. Neben Berlinern waren auch relativ viele Thüringer und Brandenburger von Masernerkrankungen betroffen.

Andere Länder sind weiter: Der gesamte amerikanische Kontinent wurde Ende September als frei von Masern erklärt. Dort wurde seit 2002 nur noch von eingeschleppten Fällen berichtet. In den USA sind Masernimpfungen für Kinder vorgeschrieben, sie müssen in Schule und Kindergarten vorgewiesen werden. Masern gehören zu den ansteckendsten Krankheiten überhaupt. Man kann sich über Tröpfchen beim Sprechen, Husten und Niesen anstecken oder bei Kontakt zum Beispiel mit dem Schleim eines Erkrankten.

Eine Impfpflicht in Deutschland fordert der Ärzteverband BVKJ seit Jahren. Die Mediziner halten die nach dem großen Masernausbruch 2015 eingeführte verpflichtende Impfberatung nicht für ausreichend. Die Beratung bekommen Eltern üblicherweise bei der normalen Vorsorgeuntersuchung, schildert Kahl: „Sie sind relativ gut vorinformiert und wollen die Impfung in der Regel auch haben.“

Ausführlichere Gespräche gebe es mit Eltern, die generell Angst vorm Impfen haben. „Da kommt man dann manchmal nicht durch“, so Kahl. Impfgegner dagegen kämen gar nicht erst in Praxen. Zudem hat Kahl die Erfahrung gemacht, dass Impfungen des Öfteren erst im Jugendalter nachgeholt werden, wenn Schüler zum Beispiel in die USA gehen wollen.

Masern sind vor allem wegen der sehr schweren Folgeerkrankungen gefürchtet. Beispielsweise kann es zur chronischen und tödlichen Masern-Gehirnentzündung SSPE (Subakute sklerosierende Panenzephalitis) kommen. Sie ist nach neueren Untersuchungen häufiger als bislang angenommen.

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