Mondscheinsiedlung In MÜnchen:
Nach 60 Jahren wohnt er endlich ganz legal

Nach dem Krieg baut die Familie von Franz Knäbl mit eigenen Händen ein kleines Häuschen am Stadtrand von München – ohne Baugenehmigung. Jahrzehntelang hat Knäbl Angst vor der Abrissbirne.

München Franz Knäbl steht in Hausschuhen an seinem kleinen Gartenteich, auf seinem perfekt gepflegten Rasen. 1949 hat er als kleiner Junge geholfen, das Haus am Stadtrand von München zu bauen, hat Steine geschleppt und Zement angekarrt. 50 Kilo kosteten 50 Pfennig, erinnert sich Knäbl. „Der Oberbürgermeister hat damals zu meinem Vater gemeint: „Bau, dass Du ein Dach über dem Kopf hast für Deine Kinder.““ Den Rest, eine Baugenehmigung zum Beispiel, werde die Stadt dann schon regeln. „Und in der Zwischenzeit sind mehr als 60 Jahre vergangen“, sagt Knäbl und lacht. Er zuckt mit den Schultern.

Knäbl und seine Frau Maria wohnen in der kleinen Straße „Am Dratfeld“ im Norden der bayerischen Landeshauptstadt, die Autobahn in Sicht- und Hörweite. Etwa zehn Häuser stehen in der Straße - alle klein und gepflegt. Sorgfältig geschnittene Hecken grenzen die Grundstücke ab.

„Am Dratfeld“ dürfte nach Angaben von Alexander Reissl, Chef der SPD-Fraktion im Münchner Rathaus, die letzte sogenannte illegale „Mondscheinsiedlung“ in München sein. „Die Siedlungen heißen Mondscheinsiedlungen, weil die Menschen sie dort nach der Arbeit, in der Nacht bei Mondschein, gebaut haben“, sagt er. Was das bedeutete, erklärt Maria Knäbl: „Den Keller hat die Oma mit der Hand ausgeschaufelt.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg, in Zeiten größter Wohnungsnot, wurden etliche dieser Siedlungen in München ohne Baugenehmigung hochgezogen und erst Jahrzehnte später nach und nach legalisiert. Wie viele dieser Siedlungen es bayern- oder gar bundesweit gibt, wissen die für Bau zuständigen Ministerien von Bund und Freistaat nicht. Der Planungsausschuss der Stadt hat nun auch für „Am Dratfeld“ endlich eine sogenannte Außenbereichssatzung beschlossen, wie ein Sprecher des Planungsreferates bestätigt.

Sobald der Beschluss vom Oberbürgermeister unterzeichnet und im Amtsblatt veröffentlicht wird, haben die Anwohner nach Jahrzehnten endlich Rechtssicherheit und die endgültige Gewissheit, dass sie dort bleiben dürfen. In ein bis zwei Monaten wird es nach Angaben des Referates soweit sein.

Knäbl und seine Frau Maria hatten daran kaum noch geglaubt. „Ich kenne seit Jahrzehnten kein anderes Thema. Jetzt brauchen wir es auch bald nicht mehr“, sagt die 76-Jährige. Unterlagen über das Ringen mit der Stadt füllen sechs Aktenordner. „Ich dachte, die sitzen das aus“, sagt ihr zwei Jahre jüngerer Mann. „Wir sind ja die Jüngsten hier. Die Nachbarn sind alle über 80.“

Jahrzehntelang hofften die Menschen an der kleinen Straße auf endgültige Anerkennung und bangten vor der Abrissbirne. „Ich habe schon oft Schiss gehabt“, sagt Maria Knäbl. „Wir haben mal einen Abrissbescheid gekriegt in den 80er Jahren.“ Die Art, wie sie ihre Hände knetet, wenn sie das erzählt, lässt vermuten, was dieser Bescheid für die Familie damals bedeutete. Zwei Wochen später sei die Sache zwar vom Tisch gewesen, aber „da waren wir ganz schön aufgebracht“.

Der einzige Sohn des Ehepaares durfte nicht auf dem großen Grundstück bauen, das Knäbls Vater einst von einem Banker kaufte, weil es eben keine offizielle Genehmigung gab. Noch heute bedauern die beiden es sehr, „dass dieser Familienverband auseinandergehen musste“. Wenn an dem nicht genehmigten Haus etwas gemacht werden musste, gab es von der Bank keinen Kredit.

Wegzuziehen, daran habe er trotzdem nie gedacht. „Ich habe jeden Stein dieses Hauses in der Hand gehabt. Da haben Sie doch eine ganz andere Bindung“, sagt Knäbl. Wenn er das Haus verlassen muss, „dann nur mit den Füßen voraus“.

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