Bibeltag:
Antisemitismus verändert sich

Justizministerin spricht von neuer Form

Hannover Die niedersächsische Justizministerin Antje Niewisch-Lennartz (Grüne) sieht in der deutschen Gesellschaft eine veränderte Form des Antisemitismus grassieren. Abstrakte Vorstellungen aus der NS-Zeit, wie die von einer jüdischen „Weltverschwörung“, spielten dabei keine Rolle mehr, sagte sie am Sonnabend in Hannover. Stattdessen glaubten offenbar viele Menschen, Juden seien irgendwie „anders“, ohne dass sie genau benennen könnten, worin der Unterschied bestehe.

Dieses nur dumpf empfundene Bild sei negativ besetzt und diene dazu, sich abzugrenzen. „Ich glaube, dass mit diesem Vorbehalt viele Menschen versehen sind und dass mit dieser Brille auch das gesehen wird, was in Israel passiert“, sagte Niewisch-Lennartz. Um dies zu verändern, müssten die positiven Seiten des Judentums herausgestellt werden. Als Beispiel nannte die Ministerin dabei die jüdische Musik. Sie sprach bei einem Bibeltag des evangelischen Sprengels Hannover.

Der jüdische Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik sagte, das beste Mittel gegen Antisemitismus sei die persönliche Begegnung. Allerdings gebe es dabei das „Problem der Asymmetrie“: Rund 80 Millionen Deutschen stünden nur 120 000 Mitglieder jüdischer Gemeinden gegenüber. „Da kann man sich an fünf Fingern abzählen, wie die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Christ oder Muslim wirklich in Kontakt mit einem Juden kommt“, sagte der Professor aus Frankfurt am Main.

Der Bildungsreferent der Amadeu Antonio Stiftung, Konstantin Seidler, berichtete als Jude vom alltäglichen Antisemitismus in Deutschland. „Er ist nicht mehr so laut, sondern findet mehr in kleinen Runden statt.“ Als seine Kinder einen Spielzeug-Kaufmannsladen aufgebaut hätten, habe er sich von einem Nachbarn anhören müssen, Handel und Geld steckten den Juden ja im Blut. Manche Sprüche müsse er einfach schlucken, sagte Seidler.

Der Grünen-Landtagsabgeordnete Belit Onay aus Goslar berichtete von Studien, nach denen bis zu 35 Prozent der Deutschen antisemitische Vorstellungen hegten.

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  cco 14.10.2015, 12:15:29
Die niedersächsische Justizministerin befindet sich in Irrtum.

Wie die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage in den alten und neuen Bundesländern (vgl. Wilhelm Kempf, 2015: Israelkritik zwischen Antisemitismus und Menschenrechtsidee. Eine Spurensuche. Berlin: verlag irena regener. ISBN 978-3-936014-33-4) gezeigt haben, stellt der klassische Konspirationsmythos immer noch das am weitesten verbreitete Vorurteil gegenüber Juden dar. Eine unspezifische Abneigung gegenüber Juden ist im Vergleich dazu deutlich seltener zu finden. Noch weiter verbreitet als die Vorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung ist lediglich die (sekundär-antisemitische) Forderung nach einem Schlussstrich unter die Vergangenheit.
  weghorn 13.10.2015, 20:02:14
Es gibt keinen "Antisemitismus" mehr!

Was es gibt, und was von den drei Referenten erzählt wurde, das sind Meinungen von Einzelpersonen, die in der Tat alles Grundrecht der Welt haben, irgendeine Gruppierung nicht zu mögen, gegen irgendeine Gruppe "Vorbehalte", Ressentiments, Vorurteile und weiß der Teufel was zu haben. Und zu entäußern! Gemäß Art. 5 unseres Grundgesetzes, sind nämlich alle nicht persönlich (!) beleidigenden oder volksverhetzenden (!) Meinungsäußerungen erlaubt - und die Möglichkeit (!) ihrer Entäußerung zu schützen: das ist die Kern-Aufgabe der staatlichen Gewalt, Frau Staatsministerin!

Dazu gehört auch der von Ihnen als Antisemitismus gekennzeichnete "Glaube", dass "Juden irgendwie anders" seien. Und dazu gehört die Erkenntnis, dass sie es sind, Frau Niewisch-Lennartz! Denn auch ich bin "anders" als Sie, "und das ist auch verdammt gut so", würde ich doch andernfalls nicht länger in einem Deutschland der Gesinnungsschnüffelei und Anschwärzung als „Antisemit“ leben wollen!

Was wir hier vom Vertreter der zionistischen Antonio Amadeu Stiftung geliefert bekommen, das ist an Unwissenschaftlichkeit nicht mehr zu toppen, beschwert er sich doch über die Meinungsäußerung eines Nachbarn, die nicht nur objektiv zutreffend ist - kein Jude würde sie bestreiten (können) - die aber nicht nur abwertend, sondern auch anerkennend interpretiert werden könnte, wenn man nicht spitz darauf wäre, sich bei jedem Furz eines „Nichtjuden“ als Opfer erleben zu können.

Hannah Arendt hat den Zionisten bereits 1945 die Leviten gelesen, wenn sie die Meinung äußerte: „Die Zionisten flüchten sich vor den aktuellen Konflikten in die Doktrin eines ewigen Antisemitismus“, der zufolge „jeder mit Juden zusammenlebende Nichtjude zu einem bewussten oder unbewussten Judenhasser werden müsse“ (Moshe Zimmermann: Deutsch-jüdische Vergangenheit).

Was es gibt, dass ist Hass, der in der Tat auf Angst vor dem Fremden beruhen kann, doch diese Angst vor Überfremdung ist fast allen Menschen nichts Unbekanntes und in Sonderheit auch nicht den jüdischen Bewohnern Israels, die als Besatzungsmacht millionenfach einen Araberhass ausleben, der von Seiten der Unterdrückten erwidert wird.

Moshe Zimmermann hat den Fremdenhass der Nichtjuden aber nicht als „Antisemitismus“ überhöht, sondern ihn als anthropogene Grundkonstante (man schaue nur in sich hinein) akzeptiert.

Der Versuch, etwas Menschliches im Falle von Nichtjuden als verbrecherisch darzustellen, ist eine Unverschämtheit.

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