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Erdgasförderung Im Nordwesten:
Das Dorf der Krebskranken wehrt sich

Bothel/Rotenburg/Oldenburg „Eine ergebnisoffene Studie macht wenig Sinn“, sagt Matthias Bantz. Vollmond, Ebbe und Flut könne man als Ursache ja wohl ausschließen. Bantz sitzt in seinem Büro im Diakonie-Krankenhaus in Rotenburg/Wümme. Weißer Kittel, entschlossener Blick. Die Sprechstunde ist gerade vorbei.

Grafik: Hier wird im Nordwesten Erdgas gefördert

Bantz ist Umweltmediziner und Betriebsarzt der Klinik. Wie er das sagt, klingt es sarkastisch, doch dafür ist ihm die Sache zu ernst. In der Stadt Rotenburg und der benachbarten Samtgemeinde Bothel häufen sich die Krebsfälle. Leukämien und Lymphome. Betroffen sind Männer

Warum, das weiß man noch nicht. Doch es gibt einen schlimmen Verdacht: Das Erdgas ist schuld. Genauer gesagt, die hochgiftigen Substanzen, die bei der Förderung freigesetzt werden: Quecksilber, Benzol, Dioxine.

„Ich glaube, es kommt vom Fracking“, sagt Bantz.

Über 20 Bohrstellen

Niedersachsen ist die Erdgaskammer Deutschlands. Der Erdgasgürtel zieht sich von der Lüneburger Heide über die Kreise Rotenburg Verden, Diepholz, Vechta, Cloppenburg und Oldenburg bis nach Ostfriesland. Eine Häufung von Krebsfällen im Nordwesten ist bisher nicht bekannt.

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Mehr als 200 Ärzte aus der Rotenburger Region haben vor Wochen einen Brief an Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD) geschrieben, einen Brandbrief. Weil die Häufung der Krebserkrankungen seit eineinhalb Jahren bekannt ist. Weil die Ursachenforschung zu lange dauert. Weil die Menschen beunruhigt sind. Die Ärzte fordern Geld und Personal für die „notwendigen wissenschaftlichen Untersuchungen“.

Dirk Eberle betrachtet im Rathaus von Bothel eine große Karte der Region. An vielen Stellen zwischen den kleinen Orten der Samtgemeinde, zwischen Heide, Wald und Moorflächen sind die Bohrstellen eingezeichnet – mehr als 20. Das US-amerikanische Weltunternehmen ExxonMobil fördert hier seit über 30 Jahren Erdgas.

Fracking: Die Gefahr lauert in der Tiefe

Dirk Eberle ist Bürgermeister von Bothel. Ein sachlicher, unaufgeregter Mann. Parteilos, aber nicht unparteiisch. Dass es noch ein halbes Jahr dauern könnte, bis Ergebnisse vorliegen, dauert ihm zu lange. „Wir können nicht länger warten. Es geht um Leben oder Tod.“

Eberle weiß viel über Erdgasförderung – und die Probleme. Das Thema füllt einen dicken Ordner in seinem Büro. Er erzählt von zerfressenen Rohren, verunreinigten Bohrplätzen, von Quecksilberfunden an Förderstellen.

Aber ExxonMobil ist ein wichtiger Gewerbesteuerzahler in der Samtgemeinde Bothel. Auf einem Schild vor dem Rathaus wirbt das Unternehmen für sich – genauso wie die Tischlerei Haase oder Elektromeister Bernd Schwacke. ExxonMobil hat im Bereich Elbe Weser 80 Produktionsstätten, kann man da lesen, 70 Mitarbeiter, fördert bis zu 5,5 Millionen Kubikmeter Gas, versorgt rund zwei Millionen Haushalte.

Wenn der Krebs von der Erdgasförderung komme, werde man nicht sagen: „Wir brauchen aber die Gewerbesteuer“, betont Eberle. Dass er vom Fracking kommt, glaubt der Bürgermeister nicht.

Hemslingen-Söhlingen gehört zur Samtgemeinde Bothel. Zwei große Dörfer, zusammengewachsen, 1800 Einwohner. Hübsche Einfamilienhäuser und Bauernhöfe, viel roter Klinker.

Hemslingen-Söhlingen ist umringt von Erdgasförderstellen. Z 2, Z 5 oder Z 15 heißen sie. Eingezäunte Betonflächen mit Tanks, Rohren, Pipelines unter der Erdoberfläche.

In Hemslingen-Söhlingen beginnt das Drama vor einigen Jahren. Mehr Menschen als gewöhnlich erkranken an Krebs und sterben. Einigen Bürgern fällt das auf. Sie gehen durchs Dorf, fragen nach. Der Verdacht erhärtet sich. Die besorgten Einwohner gründen eine Bürgerinitiative, sammeln Unterschriften, schalten den Landkreis Rotenburg ein, machen Druck beim Land.

Im September 2014 veröffentlicht das Epidemiologische Krebsregister Niedersachsen (EKN) die erschreckenden Ergebnisse. Zwischen 2003 bis 2012 hat sich die Krebsrate in der Samtgemeinde Bothel fast verdoppelt. 41 Männer haben Leukämien oder Lymphome. Statistisch hätten es 21 sein dürfen.

Auch die Stadt Rotenburg ist auffällig. Bei einer Abfrage in den Nachbargemeinden von Bothel stellt das EKN dort 72 Krebs-Neuerkrankungen fest. Wieder Leukämien und Lymphome. Zu erwarten gewesen wären 55 Fälle.

„Ich habe in den letzten zwei Jahren acht meiner Freunde beerdigen müssen, aufgrund von Krebs“, sagt Silke Döbel, Gründerin der Bürgerinitiative Genuk. „Das macht uns Angst.“ Döbel kämpft gegen Erdgasförderung, gegen Fracking, gegen ExxonMobil. Die Bürgerinitiative ist überzeugt davon, das Fracking für die Krebshäufung verantwortlich ist, das Trinkwasser verseucht.

ExxonMobil betont, dass ein Zusammenhang zwischen den Erkrankungen und der Erdgasförderung nicht erkennbar sei. „Das Thema Krebs ist zu ernst, um hier vorschnell Aussagen zu treffen und leichtfertig Rückschlüsse zu ziehen oder über mögliche Ursachen zu spekulieren“, sagt der Sprecher von ExxonMobil Niedersachsen, Klaus Torp. Die Verunreinigungen mit Quecksilber an Bohrplätzen seien unter Aufsicht der Behörden beseitigt worden, Messungen des Landesbergamtes in der Region „völlig unauffällig“ gewesen.

Auf Arzt Matthias Bantz wirken solche Beruhigungspillen nicht. „Messungen unter dem Grenzbereich sagen nichts“, schnaubt er. „Das ist trotzdem gefährlich. Die Grenzwerte für hochtoxische Substanzen sind Zugeständnisse an die Industrie.“

Bürgermeister Eberle beklagt, dass das Landesbergamt nicht in der Lage sei, seine Aufsichtsfunktion bei der Erdgasförderung auszuüben.

Der Brandbrief der Ärzte verfehlt seine Wirkung nicht. Gesundheitsministerin Rundt kommt Anfang Februar zu Gesprächen nach Rotenburg. Dutzende Menschen aus den umliegenden Orten haben sich versammelt. „Stirbt unser Dorf an Krebs?“ steht auf einem Plakat.

Bürger werden befragt

Auch Ilse-Doris Grass, Rentnerin aus dem Dörfchen Bellen, dem Betriebsplatz von ExxonMobil, macht an diesem Abend ihrem Unmut Luft. Sie erzählt, dass es in Bellen kein Haus gebe, das nicht vom Krebs betroffen sei. „Ich habe mich über die Ministerin geärgert“, sagt Grass später. Wie viele hier glaubt sie, dass man in Hannover die Sorgen nicht erst nimmt.

Der Protest in Rotenburg war für Grass eine einmalige Sache. Sie hat Krebs. „Ich muss jetzt sehen, wie ich selbst weiterkomme.“

Rundt hat einen Auftrag zur Auswertung von vorhandener Literatur zu den Risikofaktoren des Multiplen Myeloms vergeben, ein Krebs des Knochenmarks. Ergebnisse sollen im Sommer vorliegen.

Parallel läuft eine Bevölkerungsbefragung in der betroffenen Region. Der Kreis Rotenburg hat 8000 Fragebögen verschickt. Um die 41 Erkrankten zu finden, zu erfahren, wo sie wohnen, wo sie arbeiten, wie sie leben. Um die Ursache für die Krebshäufung zu finden. Das Gesundheitsamt wertet die Antworten derzeit aus, befragt einzelne Personen genauer. Es dauert länger als geplant.

Die kritischen Ärzte aus Rotenburg haben einen Termin bei Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bekommen, Mitte März. Dann wird das „Dorf der Krebskranken“ endgültig zur Chefsache.

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