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Vom Unterricht Suspendiert:
Lehrer unter Verdacht auf Rechtsextremismus

Conneforde/Minden Schüler sind neugierig, sie tippen gern mal die Namen ihrer Lehrer in eine Suchmaschine ein. Und manchmal verrät ihnen das Internet tatsächlich etwas Neues.

Als zwei Schülerinnen der Freien Waldorfschule Minden (Westfalen) im Frühjahr den Namen ihres Handwerkslehrers Wolf-Dieter Schröppe googelten, staunten sie nicht schlecht: Ihr Lehrer ist Vorsitzender eines Vereins, der unter Rechtsextremismus-Verdacht steht? Und er selbst soll ebenfalls Kontakte ins rechtsextreme Milieu haben? So stand es im September 2014 in der NWZ.

Am 23. April 2015 informierten die beiden Schülerinnen ihre Schule über ihren Fund. Am 25. Juni 2015 verkündete die Waldorfschule: Nach kontroverser Diskussion habe man „mit überwiegender Mehrheit“ beschlossen, „dass der Lehrer ab sofort vom Dienst suspendiert ist“.

Schröppe ist seit 2008 erster Vorsitzender des Ahnenstättenvereins Conneforde, der einen idyllischen Waldfriedhof in der Gemeinde Wiefelstede betreibt. Die NWZ  hat aufgedeckt, dass auf dem Friedhof neben zahlreichen unbescholtenen Bürgern aus der Region auffällig viele alte und neue Nazis ihre letzte Ruhestätte haben. Die Ahnenstätte war 1958 unter Mitwirkung bekennender Nationalsozialisten gegründet worden.

Die NWZ-Recherchen hatten zudem ergeben, dass nicht nur der langjährige Vereinsvorsitzende Alfred Manke, geboren 1929 und beim Verfassungsschutz als Mitbegründer der NPD bekannt, Kontakte in rechtsextreme Kreise pflegte. Sondern auch sein Nachfolger Wolf-Dieter Schröppe, Jahrgang 1962, wohnhaft im Landkreis Nienburg: Der Lehrer hatte Texte in Zeitschriften veröffentlicht, die von Verlagen einschlägiger Organisationen herausgegeben wurden, etwa vom zeitweilig als verfassungsfeindlich verbotenen „Bund für Gotterkenntnis“ und vom „Bund Deutscher Unitarier“.

Schröppe und seine Vorstandskollegen im Ahnenstättenverein wollten sich nicht zu den Rechercheergebnissen der NWZ  äußern, auch nicht bei einer anschließenden Live-Diskussion des Nordwestradios. Dort sprach lediglich Vereinsmitglied Dieter Hashagen, Jahrgang 1950 und nach eigenen Worten „der einzige Linke im Verein“. Er verwies darauf, dass der Verein laut Satzung unpolitisch sei. Den anderen Diskussionsteilnehmern war das zu wenig: „Wir wollen Aufklärung jetzt!“, forderte Wiefelstedes SPD-Fraktionschef Jörg Weden.

Aufklärung will auch Schröppes Schule. In einem „demokratischen und menschlichen Weg“ werde man die Ereignisse aufarbeiten, kündigte die Schule an, denn: „Der Kollege hat sich in den vergangenen 20 Jahren im schulischen Bereich nichts zuschulden kommen lassen.“ Ob Schröppe nach dreimonatiger Suspendierung den Dienst wieder aufnehmen darf oder endgültig entlassen wird, werde man unter anderem auf Grundlage einer Einschätzung der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“ in Nordrhein-Westfalen entscheiden.

Die Einschätzung mit dem Titel „Der Autor Wolf-Dieter Schröppe. Netzwerk und Textproduktion“ liegt inzwischen vor. Auf 15 Seiten kommen die Gutachter Frederic Clasmeier und Dr. Karsten Wilke zu dem Schluss, dass Schröppes Texte eine „vielfältige Einbindung des Autors in ein völkisch orientiertes extrem rechtes Netzwerk“ belegen. Schröppe sei als „Aktivist“ zu sehen. Weiter heißt es: „Die Organisations- und Publikationszusammenhänge (Verlage, Medien, AutorInnenspektrum), in denen Schröppe auftritt, stehen vielfach ganz eindeutig für Rassismus, Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit und NS-Akklamation.“

Zwar enthielten Schröppes Texte keine klassischen NS-Positionen oder gar antisemitische Ausfälle, wohl aber „wesentliche Denk- und Argumentationsmuster der völkischen Ideologie“. Karsten Wilke fasst es auf Nachfrage der NWZ  so zusammen: Die Texte seien bewusst „eindeutig uneindeutig“ gehalten, sie ließen hinreichend Platz für entsprechende Interpretationen.

Und noch etwas steht für Wilke außer Frage: Zufällig gerate kein erwachsener Mensch in derartige Kreise.

In Nordrhein-Westfalen haben bereits die Sommerferien begonnen. Die Schule hat angekündigt, im Anschluss über den Verbleib des Lehrers zu entscheiden.

Mittlerweile hat sich allerdings der Bund der Freien Waldorfschulen (BdFWS) aus Stuttgart in die Debatte eingemischt. Der BdFWS sieht in der Einschätzung der „Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus“ die Bestätigung dafür, „dass ein Verbleib des Lehrers an der Schule weder pädagogisch noch mit Blick auf den zivilgesellschaftlichen Anspruch der Waldorfschulen zu verantworten ist“. Der Dachverband fordert von den Kollegen in Minden „unmittelbar zu Beginn des neuen Schuljahres die klare Entscheidung, sich von dem Lehrer zu trennen“. Sollte dies nicht geschehen, werde man ein Ausschlussverfahren der Schule aus dem BdFWS prüfen. Die Folge: Die Schule dürfte womöglich den Namen Waldorf nicht mehr tragen.

Unterdessen wollen Beobachter der Debatte Schröppe auch in einer Szene der WDR-Dokumentation „Pakt des Schweigens“ erkannt haben – und zwar an der Seite des verurteilten NS-Kriegsverbrechers Erich Priebke. Der SS-Offizier war 1944 an den Massenerschießungen in den Ardeatinischen Höhlen beteiligt. Der Filmausschnitt (zu sehen auf Youtube) zeigt Priebke Anfang der 90er bei einer Rede als Vorsitzender des Trägervereins der deutschen Schule in Bariloche, Argentinien, wo er seit den 50er-Jahren lebte. Auch Schröppe lebte bis Anfang der 90er in Argentinien. Ob der junge Mann neben Priebke tatsächlich Schröppe ist, ist unbestätigt. Der Hinweis zeigt aber, dass die Diskussion weiterhin schwelt.

Außer im Ammerland.

Dort hatten die Fraktionen im Wiefelsteder Rat nach der NWZ -Berichterstattung zwar entschieden, dass man die Geschichte der Ahnenstätte und des Ahnenstättenvereins Conneforde gemeinsam mit der Universität Oldenburg und dem Vereinsvorstand aufarbeiten wolle – sie sind aber krachend am Verein gescheitert. Auf der Jahreshauptversammlung lehnten die Vereinsmitglieder alle Gespräche ab, nach NWZ -Informationen bei nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung. Dieter Hashagen fehlte bei der Versammlung. Er sagt, er hätte für Gespräche gestimmt. 55 Vereinskameraden sahen das offenbar anders.

Wiefelstedes Bürgermeister Jörg Pieper (parteilos) sagt dazu: „Schade, hier wurde eine Chance vertan. Wir würden gern reden.“ Pieper sieht nun die Möglichkeiten der Gemeinde erschöpft, „wir können ja niemanden zu Gesprächen zwingen“.

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