Sterben -
„Ich bin fünf – und mein Papa ist tot“

Wie gehen Kinder mit dem Verlust eines geliebten Menschen um? – Besuch bei der Trauergruppe

Kinder trauern anders als Erwachsene. Im Ammerland helfen ihnen Menschen wie Frauke Heinroth-Peters, zu ihren Gefühlen zu finden.

Westerstede Pelle ist auch da, das ist gut. Wenn Pelle da ist, dann mag Ole über alles reden. Sogar über Papa.

„Hallo“, sagt Ole, „ich bin Ole. Ich bin fünf Jahre alt, und mein Papa ist tot. Als mein Papa krank war, habe ich immer gedacht, die Ärzte können ihn wieder gesund machen. Aber das ging nicht. Papas Herz hat aufgehört zu schlagen, und dann war Papa tot. Ich musste ganz viel weinen. Zum Glück war Mama da. Sie hat mich immer ganz fest im Arm gehalten.“

Pelle sitzt auf dem Schoß von Frauke Heinroth-Peters, da sitzt er immer. Pelle ist nicht sehr schlau, alles muss man ihm erklären. Aber er ist immer da, wenn man einen Freund braucht. So wie neulich, als Papa starb.

„Mit Mama, meiner kleinen Schwester und Pelle bin ich zu Papa ins Zimmer gegangen“, sagt Ole. „Papa sah aus, als ob er schläft. Ich habe mir von Mamas Schoß aus alles genau angesehen. Und dann habe ich mich getraut, ganz nah an Papa ranzugehen. Papa sah schön aus. Er fühlte sich ganz anders an als sonst, und seine Haut war viel weißer als meine. Die Bilder, die ich für Papa gemalt habe, lagen auf seinem Bauch.“

Mit Pelle reden die Kinder

Pelle hat struwwelige Haare und eine lustige Knubbelnase, und obwohl er nur eine Klappmaulpuppe ist, hat er den traurigsten Job der Welt: Er ist Trauerbegleiter. Er ist dabei, wenn Kinder erfahren, dass ihr Papa gestorben ist. Er kommt mit, wenn sie am Sarg Abschied nehmen müssen von Papa. Und wenn sie neben Papas Grab als letzten Gruß einen Luftballon steigen lassen, dann flüstert Pelle ihnen zu: „Lass’ den Luftballon los, wenn Du Papa loslassen kannst.“

„Mit Pelle reden die Kinder“, sagt Frauke Heinroth-Peters. Mit ihren Eltern reden sie manchmal nicht.

Es ist Donnerstag, und die Eltern sitzen wieder da unten im Café Abraxas, himmelblaue Kaffeetassen stehen vor ihnen auf dem Tisch. Die Eltern erzählen traurige Geschichten wie die von der Siebenjährigen aus Augustfehn, die nach dem Tod ihrer großen Schwester plötzlich kaum noch sprach und in der Schule immer weiter zurückfiel. Oder von dem Sechsjährigen aus Westerstede, der nach dem Tod des Vaters meinte, dessen Platz einnehmen und alle Entscheidungen treffen zu müssen. Und von der Neunjährigen aus Bad Zwischenahn, die nach dem langen Sterben ihres Vaters diese Wutanfälle bekam. „Die Kinder konnten ihre Trauer nicht so ausdrücken“, sagt eine Mutter.

Informationen zur Kindertrauergruppe

Die Kindertrauergruppe des ambulanten Hospizdienstes Ammerland gibt es seit April 2011. Neben den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen Frauke Heinroth-Peters und Gabriele Heuser-Geling betreuen die Kunstpädagoginnen Ebba van Hoorn und Ortrud Kreft derzeit fünf Familien mit acht Kindern in Westerstede. Es gibt auch Angebote für Jugendliche und Einzelgesprächsmöglichkeiten. Infos gibt es beim Hospizdienst unter Telefon   04488/ 52 07 333 oder per E-Mail an hospizdienst.ammerland@ewetel.net.

Es sind Geschichten, die einmalig sind und doch viel zu oft vorkommen; täglich verlieren in Deutschland Kinder ein Elternteil oder sogar beide Eltern. Wie viele Kinder genau betroffen sind, wird statistisch nicht erfasst – aber es gibt Zahlen, die einen Eindruck von der Größenordnung vermitteln: So sind bei der Deutschen Rentenversicherung 364 769 Empfänger von Halb- oder Vollwaisenrente gemeldet. Knapp 200 000 sind minderjährig.

Es sind so viele Kinder, dass es bei den Trauerbegleitungsangeboten in großen Städten immer wieder Wartelisten gibt. Und dass beim ambulanten Hospizdienst Ammerland im Frühjahr 2011 die Entscheidung fiel: Wir brauchen ein eigenes Angebot für trauernde Kinder.

So kam Pelle zu seinem Job.

Jetzt hat Pelle aber gerade Pause, die Kinder basteln. Hier oben unterm Dach der Kunstschule Abraxas haben die Eltern keinen Zutritt, das hier ist Kinderland: Überall stehen bunte Bilder herum, es gibt Leinwände und Staffeleien, und es gibt Ton. „Guck’ mal“, ruft ein Junge mit Tonhänden, „was ich gemacht habe: einen Fotoapparat!“

Der Ton. So weich, so warm, „und plötzlich fließen die Tränen“, weiß Frauke Heinroth-Peters. Die Kinder denken oft, sie müssten stark sein, aber hier oben können sie endlich loslassen, die anderen Kinder verstehen das, und Pelle ja sowieso. „Bei den anderen Kindern ist auch der Papa tot“, erzählt Ole. „Die sind auch manchmal traurig und müssen weinen.“

Hier darf man weinen

Ein Stockwerk tiefer sagt eine Mutter: „Hier kann ich mein Herz ausschütten, hier kann ich weinen, hier verstehen das alle.“ Natürlich hat sie Freunde zu Hause, aber da sind die Familien doch alle so komplett. Manche Freunde haben sich auch zurückgezogen, weil sie nicht damit umgehen können. Mit dem Tod. Mit Sterben. Mit Trauer.

Frauke Heinroth-Peters, 53 Jahre alt, Mutter von drei erwachsenen Kindern, geht täglich damit um. Sie ist ausgebildete Erzieherin, „da habe ich Pelle auch schon eingesetzt“; später machte sie eine Ausbildung zur Hospizbegleiterin. Jetzt kümmert sie sich ehrenamtlich mit Pelle um die Trauergruppe. Die Gruppe soll übrigens bald offiziell den Namen „Pelle“ tragen.

„Mein Anliegen ist es, so früh wie möglich zu kommen“, sagt sie, „am besten, wenn der Sterbende noch lebt.“ Ein Arzt, ein Hospizmitarbeiter, eine Pflegerin – irgendjemand gibt ihre Telefonnummer weiter, „und dann komme ich“. Sie besucht die Familie zu Hause, sie geht mit ihr ins Hospiz, sie geht mit in die Friedhofskapelle. „Es ist ganz wichtig, die Wörter auch auszusprechen: Tod, Sterben, Trauer. Die meisten Eltern glauben, dass Tod und Sterben nicht in eine Kindheit passen, Kindheit soll bunt und fröhlich sein. Aber das stimmt nicht, man muss den Kindern die Wahrheit sagen: Kinder sind ganz sensibel für kleinste Veränderungen.“

Oles Vater zum Beispiel war eineinhalb Jahre krank. „Die Kinder merken doch, dass es ihm schlechter geht“.

Die Wahrheit. Es war ganz still im Hospiz, als Frauke und Pelle mit Ole zu Papa gingen. Die Morphiumpumpe schwieg endlich; hör’ mal, Papa atmet nicht mehr.

Später in der Friedhofskapelle wollte Ole dann alles wissen. Wie rum liegt Papa? Wo ist sein Kopf? Wo sind seine Füße? Kann er uns hören? Und da waren ja auch die schönen Blumen, die Ole mit Mama ausgesucht hatte!

„Ich glaube, mein Papa ist nun ein Stern“, sagt Ole. „Er sieht zu mir herunter und guckt in mein Zimmer, wenn ich schlafe. Er passt von oben auf mich auf. Papa fehlt mir oft. Dann denke ich an ihn und bin traurig und muss weinen. Aber Mama ist ja immer da, und sie ist auch manchmal traurig. So ist das eben.“

Trauer kennt kein Ende

Aber wann hört die Trauer auf? „Nie“, sagt unten im Café Abraxas ein Vater, der seine Tochter verloren hat; seine Familie geht schon seit eineinhalb Jahren zur Trauergruppe. Trauer kennt kein Ende.

Eine Mutter berichtet: „Silvester hat mein Sohn gesagt: Jetzt habe ich schon so viele Sachen von Bayern München – und Papa kann die nicht sehen.“ Da war Papa schon 17 Monate tot. Trauer kommt immer wieder.

Auch die Trauerbegleiter trauern. Frauke Heinroth-Peters sagt, es gebe zum Glück Supervision für die Mitarbeiter, „wir haben gute Psychologen im Hintergrund“. Natürlich auch für die Kinder, falls sich aus Trauer ein Trauma entwickeln sollte.

Aber jetzt kommen die Kinder erst mal lachend nach unten gerannt. Sie haben gebastelt und gespielt, sie haben geweint und gelacht, und sie haben viel geredet, mit Pelle und mit anderen Kindern. „Ich habe Bilder von Papa aufgestellt, und ich werde ihn nie vergessen“, hat Ole da oben erzählt: „Mein Papa bleibt mein Papa.“

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Über den Autor

Karsten Krogmann

Redakteur
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