Natur:
Jagdszenen am Osternburger Kanal

Anwohner klagen über Schüsse im Wohngebiet – „Leute haben geschrien vor Angst“  

Das Oldenburger Wohngebiet An der Großen Wisch grenzt an einen Jagdbezirk. Jetzt streiten Anwohner und Jäger.

Oldenburg/Wildeshausen An einem Freitag gegen 16.45 Uhr fielen plötzlich Schüsse in Oldenburg-Kreyenbrück. „Das krachte wie Kanonenschläge“, wird sich Bernd Demandt (55) später erinnern.

Aber jetzt rannte er erst einmal auf seinen Balkon; er dachte, sein Hund wäre erschossen worden. Unten auf der Straße rief Barbara Pohl (44): „Wo ist mein Kind?“ Und in einem Garten ein paar Meter straßabwärts ging Nadja Sachsenberg (38) in Deckung.

Verletzt wurde niemand, für zwei Enten über dem Osternburger Kanal endete die Angelegenheit allerdings tödlich. Zwei Jäger hatten sie von der nördlichen Uferseite aus erlegt, dort liegt der Jagdbezirk Hundsmühlen.

Die Nachbarn riefen die Polizei. „Das kann doch nicht sein, dass die in Richtung Wohngebiet schießen“, empörte sich Barbara Pohl. „Die Leute hier haben geschrien vor Angst!“

„Keine Gefahr“

Reichlich genervt sitzt ein paar Wochen später der ehrenamtliche Kreisjägermeister Erich Kreye (65) im Wildeshauser Kreishaus. Das hier sind die Räume der Unteren Jagdbehörde, in den Regalen stehen Gesetzestexte, aber Kreye hat die meisten sowieso im Kopf: das Bundesjagdgesetz. Das Landesjagdgesetz. Die Waffengesetze. „Wir haben es hier mit einem schwebenden Verfahren zu tun“, doziert er zunächst, „ich kann zu dem Fall nichts sagen.“ Er sagt dann aber doch etwas, nämlich dass die Jäger sich vermutlich völlig korrekt verhalten hätten. „Dass es knallt“, sagt Kreye dann auch noch, „das ist normal.“

Kreye ist ein ehemaliger Polizist, er hat erst einmal einen Ortstermin gemacht. Er stand da oben am Landkreisufer und schaute hinüber zum Stadtufer. Er sah die Giebel der Oldenburger Häuser, die Gartenmauer der Familie Sachsenberg, den Kinderspielplatz, vermutlich sah er auch Jogger und Radfahrer und Fußgänger. Kreye rechnete: Maximal 15 Meter sind es von der Deichkrone zum anderen Ufer, das macht bei der Schrotflinte eine Streubreite von 80 Zentimetern, dreieinhalb Meter hoch ist die Deichkrone, der sogenannte Kugelfang. Er kam zu einem Ergebnis: „Gefährdung völlig ausgeschlossen.“

Ja, sagt Kreye im Kreishaus, wenn die Jäger tatsächlich auf die Häuser geschossen hätten, dann wäre die Sache anders ausgegangen, „dann fliegen Ihnen sämtliche Fensterscheiben um die Ohren“.

Herr Kreye, eine Frage noch: Bedeutet das nicht, dass Schüsse so nah am Wohngebiet also doch gefährlich sein können?

Im Bundesjagdgesetz geht es um Wildtierarten, Schusszeiten und Pachtverträge. Kinder, Jogger und Fensterscheiben kommen nicht vor. Es gibt allerdings Paragraf 20, dort steht in Abschnitt 1: „An Orten, an denen die Jagd nach den Umständen des einzelnen Falles die öffentliche Ruhe, Ordnung oder Sicherheit stören oder das Leben von Menschen gefährden würde, darf nicht gejagt werden.“

Kreisjägermeister Kreye übersetzt das so: „Wenn der Jäger keine Gefährdung vorliegen sieht, muss er den Schuss nicht unterlassen.“

Im Wohngebiet An der Großen Wisch sehen die Menschen Demandt, Pohl und Sachsenberg sehr wohl ihr Leben gefährdet. Ihre Ruhe sowieso: „Das hier ist doch unser Naherholungsgebiet!“, sagt Barbara Pohl.

Ein paar Schritte entfernt gibt es einen Betriebskindergarten. Die Kinder pflücken Blumen auf den Wiesen, sie laufen in das Maisfeld (was sie nicht dürfen, wie man in der Unteren Jagdbehörde erfährt), sie beobachten die Tiere, Fasane, Rehe, Hasen, Rebhühner. „Aber die Tiere sind ja fast alle weg“, klagt Barbara Pohl. Vor einigen Wochen habe es eine Treibjagd in der nahen Buschhagenniederung gegeben, ein kleines Schild mit einem aufgemalten Hasen warnte die Anwohner. „25, 30 Jäger zogen in engen Reihen durch die Wiesen“, sagt Pohl, „zurück ließen sie ein Schlachtfeld.“

Im Wildeshauser Kreishaus zitiert Herr Kreye Paragraf 1 des Bundesjagdgesetzes: „Mit dem Jagdrecht ist die Pflicht zur Hege verbunden.“ Hege bedeutet, dass Jäger für einen angemessenen Wildbestand zu sorgen haben. „Wenn da 5000 Gänse an der Hunte sitzen, und jede frisst pro Tag ein Zehntel ihres Körpergewichts vom nahen Acker, dann hat der Bauer ein Problem.“

Die Hege habe leider einen Haken: Man bekomme es mit toten Tieren zu tun. „Die Anwohner“, sagt Kreye, „sehen tagsüber die niedlichen Entchen, die da so schön dümpeln. Aber sie sehen nicht, wie die Enten abends zum Fressen aufs Feld fliegen.“

Wer eine Autostunde nördlich von Wildeshausen bei Franz-Otto Müller an der Tür klingelt, hört einen künstlichen Kuckuck rufen. „Moment“, sagt Frau Müller, „mein Mann ist noch draußen bei seinen Vögeln.“ Drinnen im Haus gibt es Vogelfiguren, Vogelfotos und Vogelplakate.

Franz-Otto Müller aus Brake ist Vorstandsmitglied im NABU – und er ist Jäger. Der 62-Jährige erinnert sich: Als er vor Jahren die Jagdprüfung ablegte, riefen die Naturschutzkollegen, wie kannst Du nur! Aber er sagte: „Im Grunde wollen beide doch dasselbe, Naturschützer und Jäger.“ Er jagt übrigens am liebsten ohne Schusswaffe: Müller ist Falkner, er geht mit seinen Greifvögeln auf Pirsch.

Neues Spannungsfeld

„Seit etwa 20 Jahren“, sagt er, „entwickelt sich da zunehmend ein Spannungsfeld: Jäger auf der einen Seite, Anwohner auf der anderen Seite.“ Die Jäger, meint Müller, seien da privilegiert, weil sie das Jagdrecht auf ihrer Seite hätten. „Die Frage ist bloß: Müssen sie darauf auch immer darauf pochen?“

Wie Erich Kreye in Wildeshausen kann Müller aus Gesetzestexten zitieren. Er kennt zum Beispiel Paragraf 29 im Landesjagdgesetz: Demnach dürfen Jäger wildernde Hauskatzen, die sich mehr als 300 Meter vom nächsten Wohnhaus entfernt befinden, töten. „Aber muss das auch sein?“, fragt Müller: „Die Katze könnte doch dem kleinen Mädchen aus der Nachbarschaft gehören.“

Müller kann auch das neue Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte vom Juni 2012 zitieren: Das Gericht erlaubt deutschen Grundstückseigentümern, die Jagd auf ihrem Gelände zu untersagen. Bis dahin durften Jäger jedes Grundstück im Jagdbezirk nach Belieben betreten – so ist das Jagdrecht.

Nachbarn wehren sich

Habe ich eigentlich erzählt, dass die Jäger ihre Waffen einfach oben auf dem Deich abgelegt haben?, fragt Barbara Pohl in Oldenburg. „Da laufen Kinder herum!“

In Wildeshausen atmet Erich Kreye tief durch. „Waren die Waffen geladen?“, fragt er. „Wie weit waren die Jäger von den Waffen entfernt?“

Naturschützer Franz-Otto Müller sagt in Brake: „Es geht um Sensibilität.“ Es mag ja sein, dass Jäger so nah am Wohngebiet Enten schießen dürfen – „aber sie dürfen auch einen größeren Abstand halten“. Die beiden Seiten, Jäger und Anwohner, müssen wieder miteinander ins Gespräch kommen, fordert er: „Die Jäger müssen den Leuten erklären, was sie da tun und warum sie es tun. Es geht nicht nur darum, was erlaubt ist und was nicht.“

Das sieht übrigens auch Kreisjägermeister Kreye so. Er wird prüfen, ob sich die Jäger auf dem Deich gesetzestreu verhalten haben. „Ob ihr Verhalten auch glücklich war, ist eine andere Frage“, sagt er.

Anfang Januar soll in der Buschhagenniederung wieder eine Treibjagd stattfinden, hat Barbara Pohl gehört. Bernd Demandt wird an dem Tag seinen Hund anleinen, Pohl wird ihren Sohn reinholen, Nadja Sachsenberg wird im Haus bleiben. Aber vorher wollen sie eine Unterschriftensammlung starten. Gegen Schüsse in der Nähe von Wohngebieten.

Leserkommentare

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  stefanhermann 12.01.2013, 08:50:30
Jäger haben direkte Gespräche überhaupt nicht nötig (Jagdrecht).

Selbstverständlich wehren sich Jäger gegen den Protest von Bewohnern in und an angrenzenden Jagdbezirken. Gilt es doch das Privileg zu verteidigen, als Jäger Privatgrundstücke in ihrem Bezirk nach Lust und Laune zu betreten.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat ein klares Zeichen gesetzt: “ Das Gericht erlaubt deutschen Grundstückseigentümern, die Jagd auf ihrem Gelände zu untersagen“.

Die Panik vor einem Flickenteppich im Jagdbezirk ist groß aber scheinbar auch in den letzten Jahrzehnten gerade durch das Privileg und dem daraus resultierendem Verhalten einiger Jäger in den Jägerschaften provoziert.

Jäger hatten es bisher in keinster Weise nötig, auf Proteste von Grundstückseigentümern und Anwohnern einzugehen und das mit der gesetzlichen Unterstützung des deutschen Jagdrechts.

Meiner Meinung nach sollten Jäger freiwillig in ihren Jagdbezirken einen großen Abstand zu Siedlungen und Wohnbebauungen einhalten und das einfach nur aus Rücksicht. Aber freiwillig werden einige Jäger auch dies vermutlich nicht tun, wenn das Jagdrecht es so auch nicht vorsieht.

Stefan Hermann

  terra 23.12.2012, 15:54:21
Vorweg: Die abgebildeten Haeuser zeigen genau die Ecke von "der grossen Wisch" wo ich mein Haus habe.

Einige kommentieren hier, die Anwohner waeren "auf das Land gezogen". Beim besten Willen: Das ist nicht Land, dass ist _mitten_ in der Stadt und zwar das ehemalige Hindenburgkaserna. Das Wohngebiet steht da jetzt seit 5 Jahren, sollte also auch den Jaegern aufgefallen sein. Uebrigens sind weiter in der Naehe der Autobahnauffahrd Kreyenbrueck erst vor kurzen weitere Wohngebiete am Deich entstanden. Das ist alles kein "Land" oder "Laendliches" Gebiet. Es liegt einfach am Naturschutzgebiet.

Zwischen dem Spazierweg den direkt am Deich (teilweise auf dem Deich) liegt und dem Naturschutzgebiet sind halt nur wenige Meter und nur der Kanal dazwischen. Natuerlich sind Leute auf dem Spazierweg oder im 1. Stock der Haeuser potentiell in der Schusslinie, ebenso Kinder die in der Naehe des Spielplatzes spielen.

Aber jetzt mal ernsthaft:

Wie unsensibel muss man sein, in der Naehe eines Wohngebietes und Spielplatzes zu jagen so kurz nach Newtown, wo die Angst vor Nachahmungstaetern noch frisch ist ?

Das die Eltern da Angst bekamen, ist voellig selbstverstaendlich. Das Jagdgesetz noch der "Jagdtrieb" verbietet nicht das Abschalten des Gehirns. Selbst wenn sich die Jaeger an das Jagdgesetz gehalten hat, bliebe zu pruefen, ob sie ggf. gegen andere Verordnungen oder Gesetze verstossen haben. Das die Jaeger wie hier gesagt wurde, das Gesetz selbst interpretieren, kann ja nicht ernst gemeint sein.

Wenn einzelne Jaeger es nicht schaffen aus eigenen Sachverstand vernueftig zu agieren, dann muss eben doch mal ueber das Jagdgesetz nachgedacht werden. Das Gesetz ist von 2001 und wurde zuletzt 2011 geaendert - Insofern haette dem Gesetzgeber klar sein koennen, dass inzwischen Wohngebiete und Jagdgebiete nah beieinander liegen.

Das ist teilweise von den Kommunen ja so gewollt, dass nennt sich dann "hochwertigen Lebensraum bilden". Dann muss eben die Sicherheitsabstände zum Schutz von Menschen und auch Haustieren erhöht werden.
  Jule1205 22.12.2012, 22:08:00
In die Natur ziehen, aber nicht mit derr Natur leben...
Der Mensch biegt sich seinen Lebensraum so hin, wie er es für nötig hält.

Der Mensch braucht die Erde...die Erde braucht den Menschen nicht!

Sie hat es Jahrtausende ohne die Geißel "Mensch" geschafft...

Alle sind am Elend Schuld...nur den Mensch nicht. Jeder einzelne sollte darüber mal nachdenken!

In diesem Sinne "Frohe Konsum-Weihnachten"!



  OL-mit-Herz 22.12.2012, 21:49:08
Ich verstehe die Aufregung nicht: Da wollen die Anwohner an einem wunderschönen Grünstreifen mit Wasser wohnen - aber die Regulierung der Wildbestände wollen sie verhindern. Das ist ja fast genauso, als wenn man auf's Land zieht und sich dann bei den Bauern beschwert, dass deren Güllefelder stinken oder die Kühe muhen... Einen Hund darf auf dem eigenen Grundstück niemand erschießen, also kann Herr Demandt seinen Hund entspannt auf seinem Grundstück laufen lassen.
Ich bin im Übrigen kein Jäger, o.ä., ich habe es nicht einmal vor! Aber ich habe einen gesunden Menschenverstand....
  antwort61 22.12.2012, 20:14:52
Jagd gehört zur Leben und wird immer dazu gehören, genau so wie das Schlachten von Tieren zur menschlichen Ernährung dazu gehört, auch wenn viele es nicht wahr haben wollen.
Wenn jemand auf dem Lande wohnt, wird man zwangsläufig damit konfrontiert.

Als unkundiger und nur emotional reagierender von der Stadt aufs Land gezogener Anwohner, ist die Situation ja so gut einzuschätzen, weil sie das Töten und die Wirkung von Waffen so genau aus Medien kennen und in vielen Filmen studieren konnten.
Da wir als Leser nicht die Örtlichkeiten kennen könnte es noch sein, dass es u.U. Unglücklich war an der Stelle zu schießen, doch jeder gesetzestreue Jäger, der mit der Jagd vertraut ist, wird die Situation einschätzen können.
Denjenigen, die die Jagd verbieten wollen, aus welchem Grund auch immer, wünsche ich recht häufigen Wildunfälle, bei denen sie dann auf die Jäger angewiesen sind, damit diese sich um das Fallwild kümmern und die Verunfallten nicht alleine mit dem Kadaver bzw. der verletzten Kreatur da stehen.
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Karsten Krogmann

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