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NWZonline {{SHARING.setTitle("Nach dem Kernkraftwerk droht die Atommüllhalle")}}

Zwischenlager In Kleinensiel:
Nach dem Kernkraftwerk droht die Atommüllhalle

Rodenkirchen/Kleinensiel In der flachen Wesermarsch gibt es kaum einen auffälligeren Gebäudekomplex als das Kernkraftwerk Unterweser (KKU). Die Kuppel des 2011 abgeschalteten Atomreaktors ist kilometerweit sichtbar. Doch merkwürdig: je näher man kommt, desto mehr verschwindet das Kernkraftwerk hinter Bäumen. An der Einfahrt zu dem riesigen Komplex zwischen Rodenkirchen und Kleinensiel ist die graue, teils moosgrün schimmernde Kuppel kaum noch zu sehen.

In einigen Jahren ist sie ganz verschwunden, das Kernkraftwerk zurückgebaut, das Landschaftsbild an der Weser bereinigt.

Seit Dienstag ist das Ende des Atomzeitalters im Oldenburger Land ein Stück näher gerückt. Oder auch nicht.

Markthalle Rodenkirchen, früher Vormittag. Dutzende Menschen haben sich versammelt, um über das Atomkraftwerk zu diskutieren: Bürger, Behörden, Betreiber. Längst nicht alle Plätze in der Halle sind besetzt.

Erörterungstermin, heißt es in der Fachsprache. Es geht um über 1000 Einwendungen gegen die vom Betreiber Eon beantragte Stilllegung, den Rückbau und den Bau eines weiteren Zwischenlagers (Luna) auf dem Betriebsgelände.

Eon hat das neue Zwischenlager – eine 80 Meter lange und 27 Meter breite Betongarage – 2013 beantragt, genehmigt ist es noch nicht. 80 Castor-Behälter mit hoch radioaktivem Atommüll sollen dort gelagert werden. Überdimensioniert, nicht sicher gegen Flugzeugabstürze und Sturmfluten, sagen Kritiker. In der Region löst die Vorstellung Angst aus.

„Wenn Sie uns das als ein Zwischenlager verkaufen wollen, muss doch klar sein, wann das ein Ende hat“, ruft Dietmar Lange aus Nordenham.

Einst Weltrekordhalter bei der Stromerzeugung

Der Druckwasserreaktor in Kleinensiel (Kreis Wesermarsch) wurde von 1972 bis 1978 von Siemens/KWU gebaut und ging am 29. September 1978 ans Netz. Das KKU hatte eine elektrische Nettoleistung von 1345 Megawatt. Am 18. März 2011 wurde es als Konsequenz der Nuklearkatastrophe in Japan vorübergehend vom Netz genommen, gut zwei Monate später im Zuge der Energiewende endgültig abgeschaltet.

Bis zu seiner Abschaltung hielt das Kernkraftwerk laut Betreiber Eon mit 305 Milliarden Kilowattstunden erzeugten Stroms einen Weltrekord. Keine andere Einzelblockanlage auf der Welt habe bis zu diesem Zeitpunkt mehr Strom geliefert.

Umweltminister Stefan Wenzel beruhigt, ohne konkret zu werden. „Hier wird tatsächlich nur über ein Zwischenlager verhandelt und nicht über ein Endlager oder eine dauerhafte Lösung“, erklärt der Grünen-Politiker.

Was soll er auch sagen. Bis es in Deutschland ein Endlager für hoch radioaktiven Müll gibt, könnten noch 30 bis 40 Jahre vergehen. Oder mehr.

Wenzel verspricht, dass alle Bedenken, Anregungen und Stellungnahmen sorgfältig geprüft werden. „Das Atomkraftwerk Unterweser wird sich nicht in Luft auflösen“, sagt der Minister. Das Vorhaben sei langwierig und komplex, aber es spreche vieles dafür, den Abbau nicht auf die nächste Generation zu verschieben.

Bis zu drei Tage soll die Erörterung in Rodenkirchen dauern. Das Ministerium hat seine Experten für den Rede-Marathon auf dem Podium in Stellung gebracht, der Energiekonzern Eon ebenfalls. Ganz vorne sitzen die Einwender: kritische Anwohner, Bürgerinitiativen aus der Wesermarsch, zurate gezogene Atomexperten. Es geht hin und her.

Jürgen Janssen Sprecher der Bürgerinitiative „Aktion Z“, die gegen das neue Zwischenlager ist, rügt die starre Tagesordnung und die unfreundlichen Sitzungszeiten. „Arbeitnehmer müssten Urlaub nehmen, ohne zu wissen, wann genau ihre Einwendung behandelt wird“, sagt Janssen.

Wenzel bleibt in diesem Punkt hart. „Wenn man vier Wochen vorher Bescheid weiß, kann man sich vorbereiten oder vertreten lassen“, hält er dagegen. Einwendungen könnten auch am Ende oder schriftlich eingereicht werden. An der Tagesordnung wird nicht gerüttelt.

Der Atomausstieg sieht vor, dass die letzten Atomkraftwerke spätestens Ende 2022 vom Netz gehen müssen. Bundesweit sind derzeit noch acht in Betrieb.

In Niedersachsen laufen noch Grohnde (Abschaltung Ende 2021) und Emsland in Lingen (Ende 2022). Das Kraftwerk Stade war bereits 2003 stillgelegt worden, der Rückbau ist weit fortgeschritten. Der veraltete Druckwasserreaktor Unterweser wurde nach der Reaktor-Katastrophe von Fukushima 2011 umgehend abgeschaltet.

Die Arbeit in Kleinensiel geht trotzdem weiter. „Vorbereitungen für den Rückbau“, sagt Eon-Sprecherin Almut Zyweck. Etwa 200 Mitarbeiter seien noch da. Rund 1000 Prüfungen pro Jahr gebe es. Kein Leistungsbetrieb im Kernkraftwerk mehr, aber alle Hände voll zu tun. Und es gibt immer wieder meldepflichtige Ereignisse der untersten Kategorie.

Der Energiekonzern plant zehn bis 15 Jahre für den Rückbau, plus zwei Jahre für den Abriss und zwei bis drei Jahre für den Bau eines Castor-Zwischenlagers. Zuerst müssen die Brennelemente entfernt werden. Das Ministerium rechnet mit einem Abtransport nicht vor 2017. Dann würden sowohl kontaminierte als auch nicht strahlenbelastete Anlagen abgebaut, die für den Restbetrieb nicht mehr benötigt werden. Letzte Phase wäre der Abriss.

Der schwach und mittel radioaktive Müll soll in das geplante Endlager Schacht Konrad in Salzgitter gebracht werden. „Es geht uns um direkten und sicheren Rückbau“, betont Zyweck.

Umweltminister Wenzel hat keinen Zeitplan. „Ich will mich heute nicht festlegen“, sagt er Journalisten vor der Markthalle. „Der Betreiber hat ein Interesse daran, dass es schnell geht.“

Doch schnell wird in Deutschland in der Regel weder gebaut noch abgebaut. Viele Vorschriften, lange Planungsverfahren. Bei einem Atomkraftwerk gibt es wohl keine Alternativen. Wegen der Sicherheit.

„Der Betrieb ist gefährlicher als der Rückbau“, sagt Wenzel. Gleichwohl gehe es immer noch, um „gefährliche radioaktive Stoffe“.

In der Markthalle ist man noch bei ersten Verfahrensfragen: Vollständigkeit der ausgelegten Unterlagen, Zuziehung von Sachverständigen, Wasserrechtliche Erlaubnis, Öffentlichkeitsbeteiligung.

Bei fast allen Punkten gibt es Kritik, Einwände, Anregungen. Einer vermisst die Landwirtschaft in den Unterlagen. Hans-Otto Meyer-Ott vom Arbeitskreis Wesermarsch (AKW) will Antworten auf einen „offenen Brief“ an Minister Wenzel. Butjadingens Bürgermeisterin Ina Korter fordert, zwischen Abriss und Einschluss des Atomreaktors „gutachterlich abzuwägen“.

Wolfgang Neumann kritisiert den Sicherheitsbericht des Antragstellers Eon. Neumann ist Sachverständiger für den „AKW“ und die „Aktion Z“. „Die ausgelegten Unterlagen entsprechen nicht den Anforderungen“, moniert er. Auch wenn die Brennelemente herausgebaut seien, „ist immer noch großes Gefahrenpotenzial in der Anlage vorhanden“, warnt Neumann.

Selbst wenn die Kuppel irgendwann weg ist, die Folgen der Atomenergienutzung werden die Menschen in der Wesermarsch wohl noch länger beschäftigen.

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