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Schießwütige sind hier fehl am Platz

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Sportschützen:
Schießwütige sind hier fehl am Platz

Oldenburg Dosenwerfen. Das war die erste Jahrmarkt-„Attraktion“, für die ich mich als kleines Mädchen begeisterte. Später wechselte ich dann zum Pfeilwerfen. Und sah fasziniert den Erwachsenen zu, wenn sie auf dem Oldenburger Kramermarkt an der Schießbude die von mir vorgegebenen Ziele anvisierten. Traf ihr Schuss ins Schwarze, begann ein Pianist mit dem Klavierspiel, ging irgendwo etwas zu Bruch, flog irgendetwas durch die Luft.

Heute bin ich erwachsen und darf selber schießen. Und zwar unter professionellen Bedingungen. Konzentriert ziele ich, mit Gehörschutz und Schutzbrille, jeden zweiten Sonnabend im Monat auf der Schießanlage des Oldenburger Jagdcenters auf die Zielscheiben.

Sachkunde nötig

Es ist Sonntag. Ich bin nervös. Vor fünf Monaten bin ich der SLG Oldenburg-Zentrum, einer Schießleistungsgruppe im Bund der Militär- und Polizeischützen, beigetreten und will jetzt meinen Sachkunde-Nachweis ablegen. In Kürze beginnt die theoretische Prüfung. Der Sachkunde-Nachweis ist eine der Voraussetzungen, die ich als Antragstellerin erfüllen muss, um eine Waffenbesitzkarte (WBK) erteilt zu bekommen.

Prüfung: Nachwuchs-Schützinnen Wiebke Dunker (links) und Jantje Ziegeler mit Lehrgangsleiter Manfred Zeßner.

Hohe Barrieren vor der Genehmigung

Voraussetzungen für die Erteilung einer Waffenbesitzkarte sind das Mindestalter, körperliche und geistige Eignung sowie die persönliche Zuverlässigkeit des Antragstellers; er darf keine Vorstrafen haben.

Außerdem muss er ein Bedürfnis nachweisen: Sportschützen müssen dafür mindestens einmal im Monat oder 18-mal übers Jahr verteilt schießen. Die Sachkunde ist durch eine Prüfung nachzuweisen.

Auch gestern büffelte ich dafür gemeinsam mit den 30 anderen Teilnehmern des Lehrgangs. Bis auf vier weitere Sportschützinnen sind alle Teilnehmer männlich. Manfred Zeßner, Lehrgangsträger für staatlich anerkannte Lehrgänge nach dem Waffen- und Sprengstoffrecht, fragt uns noch mal das bereits erlernte Wissen ab, ehe er mit neuem Stoff aus Technik oder Waffenrecht fortfährt.

Ich lerne, dass laut Waffengesetz auch der Dieb einer Schusswaffe als „Erwerber“ der Waffe gilt. Oder dass eine Schusswaffe als „zugriffsbereit“ gilt, wenn sie zum Beispiel ungeladen im unverschlossenen Handschuhfach liegt oder mit wenigen schnellen Handgriffen in Anschlag gebracht werden kann. Ich lerne auch, dass auf einem Großkaliber-Revolver sowohl die Bezeichnung der Munition als auch das Herstellerzeichen angebracht sein müssen. Und dass ich eine zum Schießen zugelassene Schusswaffe daran erkenne, dass sie ein Beschuss- und ein Prüfzeichen trägt.

Die WBK ist nicht zu verwechseln mit dem Waffenschein: Letzteren benötigt jeder, der „eine Schusswaffe außerhalb der eigenen Wohnung, Geschäftsräume, des befriedeten Besitztums zugriffsbereit führen“ möchte. Das heißt: Ich darf mir zwar eine Waffe mit meiner erteilten WBK kaufen (wenn ich nachweisen kann, dass ich sie in einem Behältnis der entsprechenden Sicherheitsstufe aufbewahre), aber ich darf mit ihr nicht – salopp gesagt – spazieren gehen. Was ich übrigens auch nicht vorhatte.

„Transportieren“ darf ich die Waffe aber. Als Sportschützin muss ich ja irgendwie mit der Waffe von meinem Zuhause zur Schießanlage kommen. Dazu brauche ich einen verschlossenen Waffenkoffer. WBK und Personalausweis muss ich ebenfalls immer dabei haben.

Schießen als Pflicht

Wenn ich eine Waffe habe, bedeutet Schießen übrigens auch eine Verpflichtung: Ich muss entweder mindestens einmal im Monat oder aber 18-mal verteilt über ein Jahr schießen, um mein sogenanntes „Bedürfnis“, eine weitere Voraussetzung für meine WBK, nachzuweisen.

Zwei Schusswaffen dürfte ich mir binnen sechs Monaten bei entsprechendem Bedürfnis mit meiner WBK kaufen. Es ist verboten, die Waffenteile Lauf, Verschluss und Griffstück zu verändern. Sollten mir Waffen oder Munition abhanden kommen, muss ich das unverzüglich der zuständigen Behörde melden – in meinem Fall dem Fachdienst Sicherheit und Ordnung der Stadt Oldenburg.

Ich atme tief durch. Ich nehme den Revolver auf und lade die Trommel mit der Munition. Die geladene Waffe darf ich nicht mehr aus der Hand legen. „Feuer frei“ lautet das Signal der Aufsicht. Ab jetzt darf ich in Richtung Kugelfang zielen und schießen. Heute, bei der praktischen Prüfung, beträgt die Entfernung nur zehn Meter; vom Training bin ich größere Abstände gewohnt. Ich strecke die Arme durch, spanne den Hahn. Das linke Auge habe ich zugekniffen, durch das rechte bringe ich Kimme, Korn und Ziel auf eine Sichtachse. Ich höre kurz auf zu atmen. Drücke den Abzug.

Dass Notwehr jene Verteidigung ist, die erforderlich ist, um einen gegenwärtigen, rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden, habe ich zuvor auch gelernt. Das ist besonders für die am Lehrgang teilnehmenden Bewacher wichtig, für Menschen also, die beruflich eine Waffe tragen müssen, weil sie Geldtransporte bewachen. Außer Sportschützen und Bewachern nimmt auch ein Waffen-Sammler am Lehrgang teil.

In meinem Bekanntenkreis löste mein neues Hobby Irritationen aus. „Schießen? Wieso das denn?“

Mit anfänglichen Vorbehalten dem Schießsport gegenüber kennt Oliver Johl, „Olla“ genannt, sich aus. Er ist unser Vereinsgründer und -vorsitzender: „Wenn Neulinge aber das erste Mal selbst in Kontakt mit dem Sport kommen, ist die Scheu schnell gebrochen und das Interesse geweckt. Wer es selbst ausprobiert, merkt, wie viel Verantwortung eine Waffe bedeutet. Die Leute kannten bislang nur das laute Ballern aus dem Fernsehen; das sieht nett aus, aber das ist Fernsehen. In der Realität wird nicht aus dem Auto geschossen, und es wird auch nicht ohne Gehörschutz in der Wohnung geballert.“

Ich kann mich gut an meinen ersten eigenen Schuss mit einer Pumpgun erinnern. An die Wucht des Rückschlags. An das laute Rumsen. Und an die Nervosität davor, dass mir der Rückschlag, hätte ich die Waffe falsch angesetzt, das Schlüsselbein hätte brechen können.

Konzentrationstraining

Wer das professionelle Schießen ausprobieren wolle, solle keine Scheu haben, einfach mal bei einer Schießleistungsgruppe nachzufragen, sagt Olla. Er hat Panzerschränke, in denen Vereinsmitglieder ihre Waffen aufbewahren dürfen, wenn sie selbst kein entsprechendes Behältnis zu Hause haben. „Wenn man das Schießen richtig betreibt, kann man total gut abschalten und gleichzeitig die Konzentration fördern“, sagt der 45-Jährige.

Eines ist ihm noch wichtig: „Man sollte sich nicht vor dem Nachbarn fürchten, der eine WBK hat und legaler Waffenbesitzer ist, denn er ist einer der bestüberwachten Leute Deutschlands. Du darfst dir nichts zuschulden kommen lassen, wie zum Beispiel eine Autofahrt unter Alkoholeinfluss, sonst wird dir die Eignung entzogen.“

Es ist Sonnabend, Schießtraining. Die anderen Vereinsmitglieder fragen, wie es gelaufen ist. Zwei Wochen sind vergangen, seitdem ich die Sachkunde-Prüfung bestanden habe. Insbesondere auf den praktischen Teil, bei dem ich mit Pistole, Revolver und Gewehr schießen musste, bin ich stolz; „Frauen können von Natur aus gut schießen“, hatte Manfred im Lehrgang gesagt. Bei mir scheint das zuzutreffen: Mit dem Gewehr habe ich aus einer Entfernung von 100 Metern zweimal nahezu exakt ins gleiche Loch geschossen.


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