08.08.2012

Attentat
Witwen kritisieren Rogge scharf

Hinterbliebene der Opfer von 1972 werfen IOC Antisemitismus vor

Kritisiert wurde, dass es bei der Eröffnungsfeier keine Schweigeminute gab. Das IOC hatte dies abgelehnt.
Michael Donhauser

LONDON Witwen der Opfer des Münchner Olympia-Attentats von 1972 klagen das Internationale Olympische Komitee (IOC) offen des Antisemitismus an. „Sie haben die elf Mitglieder der olympischen Familie im Stich gelassen. Sie diskriminieren sie, nur weil sie Israelis und Juden sind“, sagte Ankie Spitzer, die Witwe des 1972 ermordeten Fechttrainers André Spitzer. Das IOC mitsamt seinem Präsidenten Jacques Rogge sei „blind und taub“ den Forderungen aus Israel gegenüber, es denke nur an Macht und Geld, schimpfte sie am Montagabend unter dem Applaus vieler im Publikum in den fast voll besetzten Saal der Londoner Guildhall.

Rogge hatte sich geweigert, während der Eröffnungsfeier der Spiele in London der Opfer mit einer Schweigeminute zu gedenken. Mehr als 100 000 Menschen, unter anderem auch US-Präsident Barack Obama, hatten dies in einer Petition gefordert.

Stattdessen hatte Rogge vor zwei Wochen im Olympischen Dorf in London eine Gedenkminute für die israelischen Opfer abgehalten. Der Moderator des feierlichen Abends, Schauspieler Chaim Topol, würdigte den Ober-Olympier dabei als unermüdlichen Kämpfer für die Aufnahme des geografisch in Asien gelegenen Israels in den Kreis der Nationalen Olympischen Komitees Europas. Rogge hatte zudem 2004 in Athen als erster IOC-Chef an einer Gedenkveranstaltung für die ermordeten Israelis teilgenommen. Das IOC reagierte am Dienstag zugeknöpft auf die heftige Kritik. „Es ist alles gesagt“, hieß es in einer kurzen Mitteilung.

Rogge selbst ertrug die Vorwürfe am Montagabend regungslos auf seinem Stuhl. In der ehrwürdigen Londoner Guildhall, die jüngst auch Queen Elizabeth II. als einen der Schauplätze für ihr Diamantenes Thronjubiläum gewählt hatte, sollte in geeignetem Rahmen der elf israelischen Opfer des Attentats von 1972 gedacht werden.

Die Witwen wollen eine Gedenkminute „nicht im Hinterzimmer, sondern bei der Eröffnungsfeier“, wie es Ankie Spitzer formulierte. „Unsere Männer sind nicht in Lausanne ermordet worden, sondern bei Olympia“, sagte Ilane Romano, Witwe des ermordeten Gewichthebers Josef Romano. Das IOC lehnte eine Würdigung während einer Eröffnungsfeier geschlossen unter dem Hinweis ab, die Politik müsse bei einer olympischen Eröffnungsfeier außen vor bleiben.

In den frühen Morgenstunden des 5. September 1972 drang die palästinensische Terrorgruppe „Schwarzer September“ ins Olympische Dorf in München ein und nahm elf israelische Sportler und Trainer als Geiseln. Sie forderte, sowohl in Israel inhaftierte Landsleute als auch deutsche RAF-Terroristen freizulassen. Über mehrere Stunden zogen sich die Verhandlungen, an denen auch der damalige Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher teilnahm, hin. Nachdem bereits im Olympischen Dorf zwei Geiseln ermordet worden waren, verlangten die Geiselnehmer, ausgeflogen zu werden. Auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck nahe München startete eine Befreiungsaktion, die aber misslang. Die Geiselnehmer töteten die übrigen neun Israelis. Außerdem kam ein deutscher Polizist ums Leben. Fünf der acht Geiselnehmer wurden getötet.

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