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Werke arabischer Künstlerinnen in Karlsruhe

Von Ingo Senft-Werner, dpa

Den Gesichtsschleier, die Burka, sucht man in den Videos und Bildern der 18 arabischen Künstlerinnen vergeblich. «Er spielt in der aktuellen Situation kaum eine Rolle», sagt Kuratorin Elisabeth Klotz, die die zeitgenössischen Werke für eine Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe zusammengesucht hat.

Als sie damit fertig war, hat sie zu ihrer Überraschung festgestellt, dass all die Werke ein Wunsch verbindet: Grenzen zu überwinden. Deshalb hat sie die Ausstellung mit rund 30 Bildern, Videos und Skulpturen «Cross-border» getauft.

Diese Grenzüberschreitungen sind durchaus wörtlich zu nehmen wie im Film der Palästinenserin Emily Jacir, die heimlich ihren Weg von Ramallah über den israelischen Kontrollposten zur Universität Bir Zait aufgezeichnet hat. Die schwankenden Sequenzen demonstrieren ihr Ausgeliefertsein. Die franko-marokkanische Videokünstlerin Bouchra Khalili zeigt die verschlungenen Fluchtwege der Afrikaner und Araber in die gelobten Länder Europas. Ihre Botschaft: Es gibt viele Hindernisse, aber noch mehr Wege, sie zu umgehen. Die Jordanierin Oraib Toukan hat alle Länder im Nahen Osten ausgeschnitten und mit einem Magneten versehen. Jeder Besucher darf nun Kolonialmacht spielen und die Staaten nach Gutdünken neu ordnen.

Etliche der Werke sind vor dem Arabischen Frühling entstanden und demonstrieren den Mut der Frauen. Die jüngst gestorbene Ägypterin Amal Kenawy etwa ließ 2010 für eine Performance Männer und Frauen auf Knien über eine Straße rutschen. Dieses «Schweigen der Schafe» erzürnte nicht nur Passanten, die Künstlerin wurde auch verhaftet. An der schwierigen Situation hat der Arabische Frühling nach Ansicht von Lara Baladi wenig geändert. Sie hat einen überdimensionalen Keuschheitsgürtel zur Ausstellung beigesteuert - ein Symbol für die aktuelle Unterdrückung in ihrer Heimat.

«Der Aufbruch muss weiter erkämpft werden», sagt die Tunesierin Faten Rouissi. Sie steht auf der schwarzen Liste der religiösen Eiferer in ihrem Land. «Ich bin vorsichtig, aber ich ergebe mich nicht. Sie wollen uns nur Angst machen.» Ihre Hoffnung: Die vielen kulturellen Initiativen an der Basis. «Sie breiten sich aus, das ist ein gutes Gefühl.» Rouissi hat vor zwei Jahren dazu aufgerufen, ausgebrannte Autowracks zu bemalen und zu Symbolen der Revolution umzugestalten. Das Video ist in der Ausstellung zu sehen.

Die syrische Dokumentarfilmerin Reem Ghazzi ist noch mitten im Krieg. Ihr Film über einen Schneider, der sich nach dem Tod seines Sohnes in die innere Emigration begeben hat und die Welt nur noch durch einen Spalt seiner Werkstatt beobachtet, ist beklemmend. Wo Ghazzi zurzeit auf die Welt sieht, kann die Kuratorin nicht sagen. «Sie ist politisch aktiv und untergetaucht. Wir konnten keinen Kontakt zu ihr herstellen.»

Jenseits der großen Politik kämpfen die Künstlerinnen um Frauenrechte und sexuelle Befreiung. Die in Algerien geborene Zoulikha Bouabdellah modelliert die arabischen Schriftzeichen für Liebe in Stellungen des Kamasutra und umgeht somit die Zensur. Der BH hat es Diala Khasawnih aus Amman angetan. Sie hat Exemplare gesammelt und mit Erinnerungen von Frauen an ihren ersten BH zusammengestellt. «Spätestens hier merken die Besucher, dass es bei allen Unterschieden auch viele Gemeinsamkeiten gibt», sagt Klotz.

Das einzige Bild einer Frau mit Burka stammt von Arwa Abouon, die von Lybien nach Kanada ausgewandert ist. Dort hat ihre Mutter im Alter wieder aus freien Stücken das Tuch angelegt, gegen den Willen des Vaters.

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