Hinter den Kulissen der Volksfest-Kleinstadt
Stoppelmarkt Viele Helfer sorgen für sechs Tage Vergnügen
Ständig unter Strom: Elektroinstallateur Dirk Brüggen ist mit Kollegen von vier regionalen Betrieben auf dem Festgelände in Vechta im Einsatz. BILD: Stephanie Bremer 
von Stephanie Bremer
Vechta - Manfred Meyer sitzt zurückgelehnt in seinem Bürostuhl, in der einen Hand hält er ein belegtes Brötchen, in der anderen die Bäckertüte. Einen Moment Ruhe, das ist für den Marktmeister am Tag der Eröffnung des Stoppelmarktes in Vechta schon ein wenig Luxus und meist zu kurz. „Wir haben hier eine Fundsache“, ist eine Männerstimme vor der Tür zu hören, an seine Hand klammert sich ein kleines Mädchen mit braunen Locken. „Sie lief plötzlich in unserem Gang, die Eltern sind nicht auffindbar“, erklärt er.
Unsichtbare Winkel
Ein seltener Fall, doch auch hier ist Manfred Meyer erster Ansprechpartner. „Man ist mehr oder weniger Mutter der Kompanie“, scherzt der 61-Jährige und schaut in seine Unterlagen – in der Hoffnung, die Mutter der schüchternen Kleinen ausfindig zu machen. Bei rund 450 Schaustellern und Händlern nicht einfach. Doch im 32. Jahr als Marktmeister lässt sich Manfred Meyer nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Auf dem Stoppelmarkt kennt er jeden Winkel, wie seine Westentasche. Selbst Ecken, die Stoppelmarkt-Besucher nicht kennen „und auch nicht kennenlernen sollen“, fügt Manfred Meyer hinzu: Denn ein großer Teil der Arbeit spielt sich hinter den Kulissen ab. Wohnwagen, Kühlwagen und Schaltschränke für die Elektrik bleiben für die Gäste schlichtweg unsichtbar – „Dank guter Planung“, erklärt der Marktmeister und deutet auf die große Zeichnung, die an der Wand seines Büros hängt.
Der Plan mit den Standorten der Schausteller ist wohl eines der wichtigsten Arbeitsutensilien des Stadtangestellten. „Wenn hier einige Zentimeter nicht stimmen, wird es schwierig“, sagt Manfred Meyer, der sich nun auf die Suche nach der Familie der kleinen Ausreißerin macht, die dem 61-Jährigen ganz ohne Angst folgt.
Draußen ertönt bereits die Musik des Autoscooters und lässt auf dem Marktplatz bereits Volksfest-Stimmung aufkommen. Auch das Kettenkarussell von Hans Asendorf dreht seine Runden – bereits das zweite Mal an diesem Tag. „Unsere Nachbarn wollten eine Runde drehen“, sagt er und schaut zu den jubelnden Mitarbeitern des benachbarten Autoscooters. Die Probefahrt ohne Fahrgäste hat das Fahrgeschäft bereits hinter sich – für den 57-Jährigen eine Selbstverständlichkeit: „Nicht, dass die Besucher im Karussell sitzen und nichts dreht sich.“
Damit so etwas nicht passiert, ist Dirk Brüggen mit seinen Kollegen vor Ort. Der Elektroinstallateur kennt jedes Kabel, jede Sicherung auf dem Stoppelmarkt, weiß, welches Fahrgeschäft an welchem der elf Transformatoren angeschlossen ist. Zielgerichtet folgt er einem Kabelverlauf zum größten Anschluss: „Das größte Kabel führt zum Star Flyer. Mit solchen Größen arbeitet man sonst nicht jeden Tag.“
350 000 Kilowattstunden Strom werden es am Ende des Volksfestes sein, die vor allem von den Fahrgeschäften verbraucht wurden. Damit könnten in dieser Zeit rund 500 Haushalte versorgt werden. „Der Stoppelmarkt ist quasi wie eine Kleinstadt“, sagt Dirk Brüggen.
Und die Volksfest-Stadt funktioniert: Die Elektrogemeinschaft, ein Zusammenschluss aus vier Firmen aus Vechta, sorgt für genügend Energie, die Marktverwaltung für Ordnung und wenn alle Stricke reißen, kann man auf seine Nachbarn zählen. „Oft helfen sich die Schausteller auch untereinander“, hat Manfred Meyer in seiner Amtszeit gelernt. So auch bei der Suche nach der Familie des wortkargen Mädchens. 6,4 Kilometer Wegstrecke müssen abgesucht werden.
Gegenseitige Hilfe
Doch nicht nur bei der Familienzusammenführung können sich die Fahrgeräte-Betreiber und Händler aufeinander verlassen, selbst beim Transport unterstützen sich die Kollegen, wo sie können. „Externe Firmen kosten viel Geld. Bei den Schaustellerkollegen wird das meist mit Kilometerkonten geregelt“, erzählt der Marktmeister, als ihm plötzlich die Mutter seiner kleinen Begleiterin entgegenläuft und ihr Kind in die Arme schließt.
Glückliche Schausteller und vergnügte Gäste, das ist Manfred Meyers Ziel. Rund um die Uhr ist der 61-Jährige daher erreichbar. So schwingt sich der Marktmeister selbst außerhalb seiner festen Arbeitszeiten aufs Fahrrad und fährt die fünf Minuten von seinem Haus zum Stoppelmarkt. Mit dem Volksfest ist er aufgewachsen. „Schon als Kinder waren wir oft da, konnten die Lichter aus unserem Fenster sehen“, schwärmt Manfred Meyer, der die Schausteller daher nur zu gut verstehen kann: Auch wenn das Leben auf dem Volksfest ein ganz besonderes ist – verzichten will von ihnen keiner darauf. „Man ist einfach frei und ungebunden“, sagen sie.
Begonnen hat der Stoppelmarkt am Donnerstag um 17 Uhr mit einem großen Festumzug. Gegen 18 Uhr wurde der Markt beim Amtmannsbult, an historischer Stelle, offiziell eröffnet. Noch bis Dienstag, 16. August, können Besucher über den Markt schlendern, der dann um 22 Uhr mit einem großen Brillant-Höhenfeuerwerk endet.
Rund 450 Schausteller und Händler sorgen in diesem Jahr auf dem 160 000 Quadratmeter großen Gelände für Unterhaltung.
Für Marktbesucher wird ein Omnibus-Pendelverkehr in die umliegenden Orte angeboten: ab Lohne, Steinfeld und Mühlen. Weitere Busse fahren unter anderem in Richtung Friesoythe, Cloppenburg und Oldenburg.
Für Gäste, die von außerhalb anreisen, stehen Parkplätze für rund 30 000 Autos rund um das Marktgelände bereit. Zudem halten Pendel- und Sonderzüge aus Oldenburg, Osnabrück und Bremen direkt am Festplatz. Die Veranstalter erwarten rund 800 000 Gäste.
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