Wo sich alles rund ums Rad dreht
DERBY CYCLE Cloppenburger Traditionsunternehmen 1919 von Kalkhoff gegründet – 600 Mitarbeiter
Überblick: Mathias Seidler, Geschäftsführer der Firma Derby Cycle in Cloppenburg, schaut sich in der Produktion die Fahrradrahmen an. BILD: TORSTEN VON REEKEN 
VON JASPER RITTNER
Cloppenburg - Rückblick: Der 30. August 2009, für manchen Cloppenburger ein ganz besonderer Tag. Auf der zweiten Etappe der Spanien-Rundfahrt sprintet Milram-Profi Gerald Ciolek zum Sieg. Und viele, viele Kilometer nordöstlich bricht der große Jubel aus – der erste große Erfolg bei einem der wichtigsten Radrennen der Welt.
Doch in Cloppenburg werden nicht nur die Rennmaschinen für Ciolek & Co. gebaut, sondern rund 330 000 weitere Fahrräder. Vom klassischen Damenrad über Mountainbikes bis zum Elektro-Fahrrad. Sechs Marken werden in der früheren Kalkhoff-Fabrik produziert, die heute unter dem Namen Derby Cycle firmiert. „Mit unserem Zweitwerk und einigen Zukäufen setzen wir in diesem Geschäftsjahr 550 000 Räder ab“, sagt Geschäftsführer Mathias Seidler.
In Europa sind die Cloppenburger damit die Nummer drei, in Deutschland mit 15 Prozent Marktanteil die Nummer eins. Beim großen Zukunftstrend Elektro-Fahrrad kommt sogar schon jedes vierte verkaufte Rad von Derby Cycle.
Schwer über die Lippen
Der Name kommt manchem Cloppenburger immer noch schwer über die Lippen. Über Jahrzehnte hieß das Werk nur Kalkhoff. Und so wie der Schwabe stolz war, beim Daimler zu arbeiten, so war das mit Kalkhoff in Cloppenburg.
Vor 90 Jahren hatte der junge Landbriefträger Heinrich Kalkhoff seine Firma gegründet. Zuerst verkaufte er nebenbei Fahrradreifen. Dann gebrauchte Räder. Und 1923 stellte er mit zwei Mitarbeitern die ersten Fahrradrahmen im Anbau des elterlichen Wohnhauses her. Die Firma wuchs. Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden in Cloppenburg 700 000 Rahmen produziert – mit 70 Mitarbeitern. Nach dem Krieg kamen Herde und Geräte für die Landwirtschaft dazu – sogar Kanonenöfen baute das Unternehmen.
Investoren aus England
Erst ab 1950 stand dann die Fahrradproduktion wieder im Mittelpunkt. Nach großen Erfolgen und einer Expansion auf bis zu 1000 Mitarbeiter, geriet das Unternehmen aber 1985 in Konkurs.
Die englische Derby-Cycle-Gruppe (Raleigh, Gazelle) wurde nach einer turbolenten Übergangszeit schließlich neuer Eigentümer. Doch auch der geriet 2005 in Schieflage. Und so übernahm eine deutsche Beteiligungsgesellschaft die Cloppenburger. 2007 kam noch Kynast in Quakenbrück dazu. Inzwischen ist das Unternehmen wieder auf der Überholspur, macht mit knapp 600 Mitarbeitern 160 Millionen Euro Umsatz.
Dafür gibt es zwei Hauptstandbeine. „Kalkhoff ist unsere Traditionsmarke, aber sie ist sehr innovativ“, sagt Seidler. Gerade erst hat man mit einem klassischen Tourenrad den Vergleichstest der Stiftung Warentest gewonnen. Und dann ist da noch der Trend mit den E-Bikes. Die haben eine leistungsfähige Batterie. „Damit fährt man wie mit eingebautem Rückenwind“, sagt Seidler.
Die neue Technik, die normale Tourenräder auf bis zu 40 km/h beschleunigen kann, erzielt derzeit Wachstumsraten im dreistelligen Bereich.
Die andere wichtige Unternehmenssäule heißt Focus. „Mit der Marke sind wir weltweit aufgestellt“, so Seidler. Gerade im Bereich der höherpreisigen Moutainbikes und Rennräder spielt Focus in der ersten Liga mit.
Von Australien bis Brasilien, von den USA bis Fernost reichen die Märkte. „Deshalb engagieren wir uns auch in der Tour de France“, sagt Seidler. Seit Jahresbeginn stattet er das Profiteam von Milram aus.
Egal mit welchem Rad: Made in Germany ist für Seidler Werbeargument und Gütesiegel zugleich. Zwar kauft Derby Cycle die Rahmen und viele Komponenten in China ein. Design und Produktion finden aber komplett in Deutschland statt. „Wir haben hier die Erfahrung, Qualitätsbewusstsein und die Flexibilität. Das ist in unserer Branche am wichtigsten.“
Fahrrad neu entdeckt
Zumal am Fahrradmarkt seit ein paar Jahren eindeutig Qualität das erste Kaufargument ist. „In Deutschland ist der Markt seit 15 Jahren gesättigt. Es gibt nur noch einen Verdrängungswettbewerb“, sagt Mathias Seidler. Kunden ersetzen den alten Drahtesel durch höherwertige und teure Räder. Insbesondere seit dem letzten Spritpreishoch mit Literpreisen um 1,50 Euro hat mancher Berufstätige das Rad wieder neu entdeckt.
Doch ganz wichtig für den deutschen Markt sind Ostern, der 1. Mai, Pfingsten und Vatertag. „Das ist unser Grand-Slam – wenn an allen Tagen Fahrradtour-Wetter ist, schießen die Verkaufszahlen anschließend nach oben.“ Dagegen kommt dann auch ein Tagessieg bei der Spanienrundfahrt nicht an. . .
www.derby-cycle.de
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