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NWZonline.de Region Wesermarsch Wirtschaft

Und plötzlich sind neun Bäume weg

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Privateigentum In Fedderwardersiel:
Deichband macht mit neun Bäumen kurzen Prozess

Fedderwardersiel Stellen Sie sich die folgende Situation vor: Es klingelt an Ihrer Haustür. Davor steht ein Mann, der Ihnen erklärt, dass man am nächsten Tag mit einem Bautrupp anrücken auf Ihrem Grundstück eine Reihe Bäume fällen werde. Protest hilft nichts. Am nächsten Tag kreischen die Sägen, und die Bäume sind weg.

Gibt’s nicht? Doch, gibt es. Dem 87 Jahre alten Wilhelm Speichert, der am Fedderwarder Deich 13 in Butjadingen wohnt, ist genau das passiert. Die Holzfäller kamen vom II. Oldenburgischen Deichband. Mit dem liegt Wilhelm Speichert jetzt seit Monaten im Clinch. Die Deichschützer dachten, das Grundstück, auf dem die Bäume standen, gehöre ihnen. Tatsächlich befindet es sich aber im Eigentum des 87-Jährigen.

I. Akt: Prolog

Im Jahr 1976 lässt der Oldenburgische Deichband am Fedderwarder Deich in Fedderwardersiel Vermessungen vornehmen – mit dem Ziel, dort Grundstückstreifen zu erwerben. Die Verhandlungen ziehen sich hin. Anfang der 80er Jahre werden Verträge abgeschlossen – aber nicht mit Wilhelm Speichert, der 1979 sein Haus am Deich bezogen hatte. Er weigert sich, den 282 Quadratmeter umfassenden Streifen, den der II. Oldenburgische Deichband ihm gerne abkaufen möchte, zu veräußern.

Gleichwohl flattert dem Butjadinger eines Tages Post vom Katastertamt ins Haus. Darin enthalten: eine Änderungsmitteilung, mit der Wilhelm Speichert darüber informiert wird, dass der besagte Grundstücksstreifen nun dem Deichband gehöre. Der Butjadinger fährt nach Brake, erklärt dort zunächst mündlich, dass weiterhin er der Eigentümer des Grundstücksstreifens sei. Später legt er mit anwaltlicher Unterstützung offiziell Widerspruch ein. Das Katasteramt sagt zu, die Sache zu bereinigen, den alten Zustand wiederherzustellen. Damit scheint alles gut.

II. Akt: Kettensägen

Januar 2016. Ein Bauhof-Trupp des Deichbands rückt, wie am Tag davor angekündigt, bei Wilhelm Speichert an und macht mit neun stattlichen Bäumen kurzen Prozess, darunter alte Eschen und eine große Kastanie. Der 87-Jährige versucht noch, den Leuten vom Deichband zu erklären, dass das nicht gehe. Der Vorarbeiter zückt einen Katasterauszug, demnach angeblich alles seine Richtigkeit habe, es sich um Grund und Boden des Deichbands handele.

Wilhelm Speichert ist gesundheitlich sehr stark angeschlagen, ist zu schwach, um ernsthaft Gegenwehr leisten zu können, etwa die Polizei zu rufen. Die Bäume fallen einer nach dem anderen, die Arbeiter fräsen die Wurzeln aus dem Boden, nehmen das gesamte Holz mit. Wilhelm Speichert heute: „Ich wusste damals einfach nicht, was ich machen soll.“

III. Akt: Der Anwalt

Wilhelm Speichert konsultiert im Februar den Nordenhamer Rechtsanwalt Alexander Schuhr, der sich der Angelegenheit annimmt. In den folgenden Monaten gehen zwischen der Kanzlei und dem Deichband Schreiben hin und her. Der Deichband versichert, er fälle nur Bäume, die auf seinen Grundstücken stehen. Der Anwalt antwortet, dass das im Fall Speichert aber nicht so gewesen sei. Der Deichband lässt eine amtliche Vermessung am Fedderwarder Deich vornehmen. Ergebnis: Die Grundstücksgrenze verläuft in der Mitte des Grabens. Damit steht fest: Die Bäume standen auf Wilhelm Speicherts Grundstück.

Der Deichband argumentiert, dass die Bäume hohl gewesen seien, daher eine Gefahr auch für den Küstenschutz dargestellt hätten. Das bestreitet Wilhelm Speichert. Alexander Schuhr erbittet einen Nachweis. Den bleibt der Deichband schuldig.

Schließlich fordert der Anwalt Schadenersatz in Höhe von 1000 Euro pro Baum, insgesamt 9000 Euro also. Bei der Bemessung hat er auch den Wert berücksichtigt, den das Wilhelm Speichert durch die Lappen gegangene Brennholz gehabt hätte. Das Geld will der Deichband aber nicht bezahlen. Er bietet statt dessen an, im Zuge eines Vergleichs den Grundstücksstreifen nachträglich zu kaufen und den Kaufpreis mit dem geforderten Schadenersatz zu verrechnen. Das lehnt der Fedderwardersieler Rentner ab.

IV. Akt: der Deichband

Die Sache sei „unglücklich gelaufen“, sagt am Montag auf NWZ -Nachfrage Deichbandsvorsteher Burchard Wulff. Die Bäume seien in dem guten Glauben gefällt worden, sie stünden auf einem im Eigentum des Deichbands befindlichen Grundstück. Darauf hätten sowohl ein Katasterauszug, auf den sich der Deichband verlassen habe, als auch ein Luftbild schließen lassen, so Burchard Wulff. Der Vorsteher weiter: „Wir wollen Herrn Speichert nichts Böses, sondern streben eine Lösung an.“ Die Zahlung des Schadenersatzes lehne der Deichband weiter ab, hoffe aber auf einen Vergleich. Hier sieht Burchard Wulff den Ball aktuell jedoch bei Wilhelm Speichert beziehungsweise dessen Anwalt.

V. Akt: Epilog

Anja Diers, Leiterin der Regionaldirektion Oldenburg-Cloppenburg des Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN), zu dem auch das Katasteramt in Brake gehört, recherchiert am Montag für die NWZ . Nach ihren Ergebnissen weist die aktuelle Liegenschaftskarte für die Adresse Fedderwarder Deich 13 lediglich ein Grundstück aus – das von Wilhelm Speichert, ohne abgetrennten Streifen.

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