Initiative „vera“:
Sie sorgen dafür, dass Azubis nicht hinschmeißen

Probleme mit Drogen, Sorgen um die Familie oder Krach mit dem Partner: In Krisensituationen haben Lehrlinge oft andere Sorgen als ihre Ausbildung. Jetzt soll eine Initiative ihnen Hilfestellung geben.

Im nordwesten Sebastian ist 28, stammt aus der Hamburger Drogen - und Alkoholszene, hat drei Ausbildungen abgebrochen und ist gerade dabei, auch seine vierte Lehre hinzuschmeißen. Bevor das passiert, greift Klaus Georg Basting ein. Der heute 80-jährige Kaufmann stammt aus Lüneburg und ist seit einigen Jahren als Ausbildungsbegleiter tätig. Ihm war es damals gelungen, einen guten Draht zu Sebastian zu finden. „Jede Woche haben wir ein bis zwei Stunden zusammengesessen und miteinander gesprochen“, erzählt der Rentner. Und er hat mit Sebastian nicht nur regelmäßig zusammengesessen, er hat ihn morgens auch angerufen, um dem jungen Mann zu sagen, dass er aufstehen und zur Arbeit gehen muss.

Was Klaus Georg Basting aus Lüneburg für seine Region macht, übernimmt jetzt die Oldenburgerin Siegrid Schwengber für das Oldenburger Land von Wangerooge bis Damme. Die 71-jährige Journalistin im Ruhestand ist die erste örtliche Regionalkoordinatorin der ehrenamtlichen Initiative zur Verhinderung von Ausbildungsabbrüchen (VerA).

Abbruch verhindern

VerA unterstützt junge Menschen, die in der Ausbildung auf Schwierigkeiten stoßen und mit dem Gedanken spielen, ihre Lehre abzubrechen. „Zum einen sollen die jungen Menschen davor bewahrt werden, sich den Einstieg ins Berufsleben unnötig schwer zu machen. Zum anderen ist jede abgebrochene Ausbildung eine verlorene Fachkraft für die Wirtschaft und letztlich auch verlorenes Geld für den Ausbildungsbetrieb“, betont Dr. Walter Fischer, Teamleiter der Initiative VerA, die beim Senior-Experten-Service (SES) in Bonn angesiedelt ist.

Unterstützung ist kostenlos – Angebot für Auszubildende aus der ganzen Region

In Deutschland bricht jeder fünfte Jugendliche seine Ausbildung aus vielfältigen Gründen vorzeitig ab. Deshalb hat der Senior Experten Service (SES) gemeinsam mit den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) die Ausbildungsinitiative VerA gegründet. Ab sofort ist
VerA in enger Kooperation mit der Oldenburgischen Industrie- und Handelskammer (IHK) und der Handwerkskammer (HWK) Oldenburg auch im Oldenburger Land zwischen Wangerooge und Damme einsatzbereit.

Regionalkoordinatorin der Ausbildungsinitiative ist Siegrid Schwengber. Auszubildende, die Unterstützung benötigen, und Berufserfahrene, die helfen möchten, können sich direkt an Siegrid Schwengber wenden. Telefon: (0441) 21988850, Mobil: (0160) 8010013,
E-Mail: oldenburg@vera.
ses-bonn.de
Das Angebot ist kostenlos.

25 Senior-Experten wurden vor einigen in Oldenburg bereits in einem Seminar für ihre ehrenamtliche Aufgabe als VerA-Ausbildungsbegleiter qualifiziert, damit sie je nach Problemlage eingesetzt werden können. Es werden noch eine Reihe weiterer Männer und Frauen für diese Tätigkeit gesucht. Ansprechpartnerin ist Regionalkoordinatorin Siegrid Schwengber.


Mehr Infos unter  www.vera.ses-bonn.de 

Wolfgang Jöhnk, Geschäftsbereichsleiter Berufsbildung bei der Handwerkskammer (HWK) Oldenburg, begrüßt die Ausbildungsinitiative VerA, „da mithilfe der Senior Experten und deren Lebens- und Berufserfahrung Ausbildungsabbrüche vermieden werden können“.

Ebenso freut sich die Oldenburgische Industrie- und Handelskammer (IHK) darüber, dass VerA im Oldenburger Land angekommen ist. Ludger Wester, Ausbildungsberater der IHK, sagt: „Dieses Projekt ist ein wichtiger Mosaikstein, der in unserer Region gefehlt hat. Das Ganze ist ein unkompliziertes Angebot für junge Menschen, die während ihrer Ausbildung in Schwierigkeiten kommen, einen Mentor zu finden, der hier und da Tipps gibt und den Auszubildenden unterstützt und stärkt. Wir sehen das als eine neue Form des Generationenvertrages.“

Tandem-Modell kommt an

In der Regel bringt der SES einen Auszubildenden mit einem Senior-Experten zusammen. Und das Tandem-Modell kommt an. Seit VerA Ende 2008 anlief, haben sich beim SES über 6500 junge Menschen nach einer Ausbildungsbegleitung erkundigt, mehr als 4500 Auszubildende nahmen eine Unterstützung in Anspruch, gut zwei Drittel konnten am Ende mit Hilfe eines VerA-Ausbildungsbegleiters im Tandem ihre Probleme überwinden und die Ausbildung erfolgreich abschließen.

VerA nimmt Anfragen von jeder Seite entgegen – von den Auszubildenden selbst, ihren Eltern, den Ausbildungsberatern der Kammern, von Ausbildungsbetrieben und auch von den Berufsschulen. Voraussetzung ist jedoch das Einverständnis der oder des Auszubildenden. Eine VerA-Begleitung ist kostenlos und in der Regel auf zwölf Monate angelegt, kann aber bis zum Ende der Ausbildung verlängert werden.

So war es auch im Fall von Sebastian aus Hamburg. Ausbildungsbegleiter Klaus Georg Basting war knapp zwei Jahre an der Seite des jungen Mannes, dessen einzige Ansprechpartnerin neben Basting damals seine Oma war. Noch heute hat der Senior-Experte Basting hin und wieder Kontakt zu Sebastian. „Kürzlich habe ich eine WhatsApp von ihm bekommen. Sebastian hat seine Ausbildung zum Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik abgeschlossen, ist nicht nur fest bei der Firma Jungheinrich angestellt, sondern auch stolzer Papa“, freut Basting sich darüber, dass er dazu beitragen konnte, Sebastian auf einen guten Weg zu bringen.NWZ

Leserkommentare

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  Kohlkönig 05.03.2015, 17:31:06
Seltsam, gibt es die "ausbildungsbegleitenden Hilfen" (abH) nicht mehr, die seit Ende der 80er Jahre den Auszubildenden helfen, wenn der erfolgreiche Abschluss gefährdet ist ? Haben die Billiganbieter es endlich geschafft, dieses anfangs sehr erfolgreiche Hilfsprogramm zu ruinieren ? Oder macht man den abH jetzt Konkurrenz, indem man ehrenamtliche, also billige, Helfer engagiert ??

Über den Autor

Lars Laue

Redakteur
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Initiative „vera“
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